Paulus weiß um diesen inneren Kampf, wenn er schreibt: »Denkt daran, wie ihr euch früher bewährt habt, gleich nachdem ihr die Wahrheit kennen gelernt hattet. Damals musstet ihr einen langen und harten Kampf bestehen … Werft euer Vertrauen nicht weg; denn eine große Belohnung wartet auf euch, wenn ihr treu bleibt. Ihr müsst standhaft bleiben und tun, was Gott will« (Heb. 10,32.35–36).
Persönlichkeitsstruktur als Charisma
Unsere unterschiedlichen Persönlichkeitsstrukturen sind Gaben und Aufgaben zugleich. Jede Persönlichkeitsstruktur beinhaltet ein besonderes Charisma.
Was sind Charismen?
Abgeleitet ist Charisma von »charis« (Gnade). Gnade ist die Gunst, die Gott uns zuwendet. Gottes Gnade beschenkt uns mit Gnadengaben. Luther sagt im Katechismus, dass »wir mit seinen Gaben erleuchtet« sind. Gottes Gaben sind uns überreichte Geschenke, die wir in Anspruch nehmen und anwenden dürfen. Im Leib Christ, in der Gemeinde Jesu ist jedes Glied zum Dienst gerufen. Ein inaktives, funktionsuntüchtiges Glied ist im menschlichen Leib undenkbar. Ebenso ist es in der Gemeinde Jesu. Das »allgemeine Priestertum« der Gläubigen beinhaltet, dass jedes Gemeindeglied seine Dienstverpflichtung empfindet und wahrnimmt. Jeder Christ mit seiner Persönlichkeitsstruktur stellt sich mit seinen natürlichen und übernatürlichen Gaben und Fähigkeiten zur Verfügung.
Der Theologe Rudolf Westerheide unterscheidet »natürliche« und »supranatürliche« Gaben des Geistes, wenn er schreibt:
»Es gibt viele ›natürliche Geistesgaben‹. Dabei handelt es sich um natürliche Veranlagungen, die in den Dienst des Herrn gestellt und an der Bibel geschult, geheiligt und somit zu geistlichen Gaben werden. Es ist die Aufgabe der Gemeinde, bei dem Einzelnen solche natürlichen Gaben zu entdecken und zu fördern. Es gilt dann, an ihnen zu arbeiten, sie zu verstärken und sie durch die Heiligung zu korrigieren. Letzteres ist besonders wichtig, damit die Gaben nicht zur Selbstdarstellung der Persönlichkeit verwandt werden, sondern wirklich der Gemeinde zugute kommen …«1
Auch der charismatische Theologe Larry Christenson spricht von Charismen des Heiligen Geistes und natürlichen Begabungen:
»Zwischen den Gaben des Heiligen Geistes und natürlichen Begabungen wird nicht immer deutlich unterschieden. Natürliche Begabung und charismatischer Dienst können durchaus ineinander greifen, obwohl das nicht notwendigerweise so sein muss. Manchmal schenkt der Heilige Geist jemandem eine Gabe, die gar nicht dessen natürlicher Begabung zu entsprechen scheint.«2
Das heißt für uns:
Die natürlichen Veranlagungen werden in den Dienst der Gemeinde gestellt.
Die jeweilige Persönlichkeitsstruktur eines Menschen, die Gott zugelassen hat, wird für das Gemeindeleben fruchtbar gemacht.
Die Charaktereigenarten, die die Originalität jedes Menschen und Christen ausmachen, kennzeichnen den Reichtum der Gemeinde Jesu.
In allen Persönlichkeitsstrukturen sind Fähigkeiten und Stärken verankert, die für das Zusammenleben der Christen wichtig sind.
Alle Gaben sollten in der Nachfolge Christi »gereinigt und geheiligt« werden.
Der Heilige Geist kann auch Gaben schenken, die nichts mit den natürlichen Fähigkeiten zu tun haben.
Alle Persönlichkeitsmerkmale, die diesen einmaligen Menschen charakterisieren, dienen nicht der Selbstverherrlichung und Selbstdarstellung, sondern der Gemeinschaft.
Die besondere Gabe jedes Einzelnen und das Einsetzen derselben zum Wohle aller steht also in einem engen Zusammenhang, wie Paulus schreibt: »Was nun der Geist in jedem Einzelnen von uns wirkt, das ist zum Nutzen aller bestimmt« (1. Kor. 12,7).
Gott hat die verschiedenen Temperamente und Persönlichkeitsstrukturen vorgesehen. Darum schreibt der schwedische Theologe Ole Hallesby:
»Das Temperament bleibt eine Stärke unserer Persönlichkeit von der Wiege bis zum Grabe … Das Temperament prägt uns als Persönlichkeit und unterscheidet uns von allen anderen Menschen. Dieser individuelle Unterschied ist ein festgelegter Teil von Gottes Plan. Er macht das Leben mannigfaltig und reich in allen seinen Beziehungen – in der Ehe, im Familienleben, in Freundschaft, Gemeinschaft und im Kreis der Christen … Alles wurde zur Verherrlichung Gottes geschaffen. Auch die Temperamente. Sie sind ein Teil des reichen, farbigen Lebens, aus dem sich einst, wenn alles erfüllt ist, das Reich Gottes aufbauen wird.«3
II. Die vier Persönlichkeitsstile
1. Alle vier Charakterstrukturen sind gleichwertig
Keine der vier Charakterstrukturen ist schlechter oder besser als die andere. Jede Struktur birgt Vorteile und Nachteile für bestimmte Lebensaufgaben. Jede dieser vier Persönlichkeitsstrukturen ist im Zusammenleben wichtig.
2. Alle vier Strukturen sind im Menschen gegenwärtig
Jeder Mensch hat grundsätzlich alle Verhaltensmöglichkeiten zur Verfügung, die den vier Persönlichkeitsstrukturen entsprechen. Allerdings sind einige Muster stärker, andere schwächer ausgebildet. Im Beruf, in Freundschaft und Liebe, im Glauben und im täglichen Leben sind bestimmte Eigenarten hilfreich, andere stören. Um sein Leben zu meistern, hat jeder im Zusammenleben mit seiner Umwelt (Eltern, Großeltern, Geschwistern etc.) seine bestimmte Persönlichkeitsstruktur herausgebildet.
3. Eine Struktur ist tonangebend
Bei den meisten Menschen steht eine Struktur im Vordergrund (Primärstruktur). Sie bestimmt mehr als die anderen das Denken, Fühlen und Handeln, den zwischenmenschlichen Umgang und die Beziehung zum lebendigen Gott.
4. Die Persönlichkeitsstrukturen helfen, den Lebensstil zu erforschen
Der Lebensstil beinhaltet unsere Grundüberzeugungen, unsere Weltsicht, unsere Vorurteile, unsere Lebensentwürfe und unsere Glaubensvorstellungen. Optimismus und Pessimismus, Aktivität und Passivität, die uns eigenen Verhaltensmuster kommen in den Persönlichkeitsprofilen zum Ausdruck. Eine Lebensstil korrektur ist aber in der Regel ohne eine Lebensstil analyse nicht möglich, da der persönliche Lebensstil nicht erkannt wird.
Es kann sein, dass die Wesensmerkmale der anderen Persönlichkeitseigenarten vom Lebensstil der Primärstruktur in Dienst gestellt werden. Mit anderen Worten: Der Lebensstil, in dem sich jeweils die Hauptstruktur eines Menschen spiegelt, gebraucht die Einstellungsmuster der anderen Persönlichkeitstypen, um das Leben zu meistern.
5. Die Persönlichkeitsstruktur darf nicht als Ausrede benutzt werden
Wer seine Charakterstruktur erkannt hat, muss vorsichtig sein, sich mit seinen Fehlern und Schwächen nicht herauszureden zu wollen und sie womöglich als Schöpfung Gottes zu deklarieren. Gott nimmt uns in jedem Fall in die Verantwortung:
»Am Tage des Gerichtes werden die Menschen sich verantworten müssen für jedes unnütze Wort, das sie gesprochen haben! Auf Grund deiner eigenen Worte wirst du dann freigesprochen oder verurteilt werden« (Mt. 12,36–37).
6. Die Persönlichkeitsstile offenbaren unsere Gemeinschaftsfähigkeit
Beziehungs-, Liebes-, Partnerschafts- und Gemeinschaftsfähigkeit sind für die zwischenmenschlichen Begegnungen unverzichtbar. Die vier Persönlichkeitsstile zeigen die Schwächen und Stärken der Kommunikations- und Konfliktfähigkeit. Die Motive für Offenheit und Misstrauen, für Ängste und Kontaktfreudigkeit werden deutlich.
7. Die Persönlichkeitsstile machen unsere Partnerbeziehungen durchschaubar
Ehe- und Partnerbeziehungen sind häufig gegensätzlich angelegt. »Gegensätze ziehen sich an«, sagt das Sprichwort. Die Profile kennzeichnen detailliert die Einstellungs- und Verhaltensmuster beider Partner. Die Wünsche und Bedürfnisse der beiden können klar formuliert, die Defizite wahrgenommen und konkret ins Gebet genommen werden. Die Persönlichkeitsstrukturen haben nicht den Sinn, den anderen in eine Schublade zu stecken und über ihn zu verfügen. Wir wollen den anderen nicht »in den Griff« bekommen, sondern wir wollen seine Verhaltensmuster und Überzeugungen verstehen lernen.
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