Wir sehen:
Eine pessimistische Haltung ,
eine ungläubige Einstellung,
eine negative Erwartung und damit eine entmutigende Erziehung
fördern Persönlichkeitsstrukturen, die dem Leben misstrauisch und destruktiv begegnen.
Auch Fritz Riemann, dem wir eine Zusammenfassung der vier Persönlichkeitsstrukturen aus tiefenpsychologischer Sicht verdanken, nimmt unmissverständlich Stellung, wenn er schreibt:
»Nicht nur, weil ich einen bestimmten Körperbau habe, bin ich so oder so, sondern weil ich eine bestimmte Einstellung, ein bestimmtes Verhalten zur Welt, zum Leben habe, das ich aus meiner Lebensgeschichte erworben habe, prägt das meine Persönlichkeit und verleiht ihr bestimmte strukturelle Züge. Was daran schicksalhaft ist – die mitgebrachte psychophysische Anlage, die Umwelt unserer Kindheit mit den Persönlichkeiten unserer Eltern und Erzieher sowie die Gesellschaft mit ihren Spielregeln, in die wir hineingeboren werden –, ist in gewissen Grenzen durchaus selbst zu gestalten, kann verändert werden, ist jedenfalls nicht nur ein Hinzunehmendes.«3
1.4 Die »Trotzmacht des Geistes«
Über die Wechselbeziehung zwischen Anlage und schöpferischer Gestaltung hat der Psychiater Viktor E. Frankl einleuchtend und überzeugend geschrieben:
»Ist denn der seelische Charakter eines Menschen nicht angeboren? Und gar erst der leibliche, der Körperbau-Typus – ist ihm der Charakter nicht schicksalhaft verbunden? Nun, wer so spricht, beweist damit nur, dass er über der Psychologie, Biologie und Soziologie, also über den seelischen, leiblichen und gesellschaftlichen Bedingt- und Gegebenheiten menschlichen Daseins, das spezifisch Menschliche vollends verkennt. Denn Mensch-Sein im eigentlichen Sinne fängt ja dort überhaupt erst an, wo der Mensch über alle Bedingtheit irgendwie auch schon hinaus ist, und zwar kraft dessen, was man die Trotzmacht des Geistes nennen darf.«4
Was heißt das im Einzelnen?
1 Vererbung und Anlagen sind zwar mächtig, aber nicht allmächtig. Der Geist formt letztlich den Charakter.
2 Wer sich ausschließlich auf Anlage und Vererbung beruft, denkt fatalistisch und möglicherweise neurotisch. Frankl sagt: »Und damit stehen wir vor einer typisch neuzeitlichen Verhaltensweise, nämlich dem Fatalismus, also dem Aberglauben an die Mächtigkeit des Schicksals.«5
3 Wer sein Schicksal für besiegelt hält, wird außer Stande sein, es zu besiegen.
4 Der Mensch hat Triebe, aber die Triebe haben nicht den Menschen. Der Mensch kann seine Triebe beherrschen, im Gegensatz zum Tier.
5 Der Mensch hat bestimmte Eigenarten und Eigenschaften. Aber er ist ihnen nicht willenlos ausgeliefert. Veränderung ist möglich.
Wir haben es in der Hand, was wir aus uns machen und machen lassen. Persönlichkeitsstrukturen sind kein unverrückbares Schicksal. Fehler, Sünden und schlechte Gewohnheiten können wir ablegen. (Das heißt jedoch nicht, dass wir eine Persönlichkeitsstruktur völlig umstrukturieren könnten. Aus einem hysterischen Typus lässt sich nun mal kein zwanghaftes Profil machen.)
Auch Paulus glaubt an die Veränderbarkeit des »alten Adam« und an die Korrektur unserer Persönlichkeitsstruktur, wenn er schreibt:
»Meine lieben Freunde! Diese Zusagen gelten uns. Wir wollen uns darum von allem rein machen, was Körper und Seele beschmutzt. Wir wollen den Willen Gottes ernst nehmen und uns bemühen, so zu werden, wie er uns haben möchte« (2. Kor. 7,1).
Wir haben uns bewusst und unbewusst Verhaltensmuster und Charaktereigenschaften zugelegt, mit denen wir das Leben meistern. Wir können diesen Persönlichkeitsstrukturen begegnen und sie Gott zum Gestalten und Korrigieren überlassen.
Erfahrungen machen
Vor der Eigenverantwortlichkeit jedoch stehen die Erfahrungen, die wir gemacht haben. Diese wollen wir nun näher betrachten.
Erfahrungen spielen im menschlichen Leben eine große Rolle. Wir sagen gern: »Der Mensch wird durch Erfahrungen klug.« Er lernt mehr durch Erfahrung als durch theoretisches Wissen. Im Berufsleben, in der Wirtschaft, in der Krankenpflege, im christlichen Glauben: Erfahrung ist unverzichtbar. Und überall werden Menschen mit Erfahrungen gesucht. Erfahrungen sind der Motor für alle Initiativen, die wir ergreifen oder nicht ergreifen. Erfahrungen beeinflussen unser So-geworden-Sein, unsere Vorstellungen, unsere Entscheidungen und unsere Pläne.
Der eher aktive Mensch hat in der Regel positive Erfahrungen gemacht und traut sich etwas zu.
Er packt zu,
er traut sich,
er wagt etwas,
er bringt sich ein.
Der passive Mensch hat oft schlechte Erfahrungen gemacht. Was tut er?
Er verhält sich vorsichtig,
er wartet ab,
er riskiert nichts,
er verhält sich misstrauischer.
(Es gibt natürlich auch den gegenteiligen Effekt, dass ein vernachlässigtes Kind etwa aus der Not heraus selbst aktiv wird.)
Wie kommt es nun aber, dass Gutmütige und Opferbereite oft ihr Leben lang ausgenutzt werden, obwohl sie durch negative Erfahrungen längst hätten klug werden müssen?
Wie kommt es, dass Völker immer wieder Kriege führen, obwohl sie durch Erfahrungen aus der Vergangenheit gelernt haben müssten, dass Kriege keine Völkerprobleme lösen?
Wie kommt es, dass Millionen von Menschen gesehen, gelesen und erfahren haben, dass Drogen den Menschen ruinieren, und sie trotzdem Suchtmittel konsumieren?
Die Erfahrung allein macht Menschen offensichtlich nicht klüger. Erst dann können wir aus Erfahrungen schöpfen,
wenn wir unsere persönliche Art und Weise zu denken kennen,
wenn wir die uns eigenen Muster durchschauen,
wenn wir unsere subjektive Beobachtungsweise erkannt haben, mit der wir eigene Erfahrungen deuten und bearbeiten.
2.1 Wie gewinnen wir Erfahrungen?
Ein Kind erlebt seine Umgebung, seine Familie, seine Eltern und Geschwister. Es wird mit dem Denken, Fühlen, Handeln und Bewerten der nächsten Angehörigen konfrontiert und registriert alle Eindrücke. Sämtliche Erlebnisse und Geschehnisse werden aber nicht nur gespeichert, sondern auch verarbeitet. Der Mensch ist kein lebloser Gegenstand, der alles passiv über sich ergehen lässt. Das Kind gestaltet seine Eindrücke, es zieht – unbewusst – Schlüsse daraus. Kinder werden also nicht nur in Rollen gedrängt, wie wir früher geglaubt haben. Rollen bestehen nicht aus Erwartungen, die an Kinder herangetragen werden, sondern Kinder bewerten und bearbeiten ihre gemachten Erfahrungen. Sie fügen sich oder sie begehren auf, sie reagieren auf irgendeine Weise auf die Erwartungen der Großen. Sie sind also nicht unbeteiligt.
Wie geschieht nun das »Machen« von Erfahrungen? Ein Kuchen beispielsweise wird mithilfe einer Kuchenform »gemacht«. Plätzchen und Waffeln werden mithilfe bestimmter Formen und Waffeleisen gebacken. Wir benötigen offenbar vorgefertigte Formen und Schablonen, mit denen wir schon öfter gearbeitet haben. Erfahrungen kommen auf die gleiche Weise zu Stande. Das Kind bevorzugt bestimmte Schablonen und Wahrnehmungsmuster, um die Welt, um Menschen und Situationen bewerten und einordnen zu können.
So hat jeder Mensch seine Wahrnehmungsmuster,
so hat jeder Mensch seine persönlichen Deutungsrahmen,
so hat jeder Mensch seine Vorurteile,
so hat jeder Mensch seine private Logik,
so hat jeder Mensch seine tendenziöse Apperzeption, d. h. seine zielgerichtete Wahrnehmung und Identifizierung.
Der Mensch wählt das aus, was seinem Lebensstil entspricht. Er lässt das fallen, übersieht und überhört das, was diesem Deutungsrahmen widerspricht. Mit anderen Worten: Der Deutungsrahmen ist die Brille, mit der er alle Ereignisse, Erlebnisse und Geschehnisse betrachtet. Jeder Mensch trägt eine solche Brille, mit der er die Welt sieht,
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