Aus der Tatsache, dass Justin Paulus nicht explizit erwähnt, erschließen manche Forscher in Verbindung mit anderen Argumenten eine paulusfeindliche Einstellung des Justin – zweifellos zu Unrecht, denn Justin greift Paulus gar nicht an. Andreas Lindemann hat diesen Sachverhalt anders erklärt: »Daß er Paulus nicht erwähnt, ist Folge seines theologischen Prinzips: Die Wahrheit des Christentums wird aus dem Alten Testament erwiesen; von Bedeutung sind daneben nur noch Worte Jesu, wie sie in den ›Denkwürdigkeiten der Apostel‹, d. h. den Evangelien, aufgezeichnet sind.«91 Hiergegen stellt sich aber sofort die Frage, warum Justin überhaupt Paulusbriefe benutzt. Daher ist Lindemanns Lösung unwahrscheinlich.
Statt dessen wird man den obigen Befund wie folgt deuten: Justin steht zwischen zwei Fronten. Er attackiert auf der einen Seite Markion und entwickelt ihm gegenüber eine eigentümliche Gesetzeslehre92, um die Kontinuität der atl. und ntl. Offenbarung zu sichern. Auf der anderen Seite befindet sich Justin in einem Dialog mit dem Judentum, so sehr dieser auch monologisch geführt wird. Das Fatale an der Situation bestand nun darin, dass der christliche Ketzer Markion, den Justin in einem früheren Werk ausdrücklich bekämpfte (s. oben S. 41), Paulus auf seinen Schild erhoben hatte und andererseits derselbe Paulus den Juden tabu war. Ein Nennen des Heidenapostels hätte Justin daher gleichzeitig zu sehr in die Nähe Markions gerückt und den Dialog mit den Juden erschwert. Die
»absichtliche Nennung des Apostels und die ausdrückliche Berufung auf ihn als orthodoxen Ausleger alttestamentlicher Typologie (sc. wäre eben) wenig hilfreich in einer Stadt, in der zur gleichen Zeit Markion wirkte und mit Paulus das Alte Testament bekämpfte.«93
Das alles hat Konsequenzen für die Beurteilung von Dial 46 f. Denn war Paulus aus den aufgeführten Gründen von Justin absichtlich ausgelassen worden, so verbot es sich von selbst, die Paulusablehnung von Judenchristen zur Sprache zu bringen. Justin war dann gezwungen, den Antipaulinismus der von ihm referierten Judenchristen zu übergehen.
Nach dem soeben Ausgeführten drängt sich also die These auf, dass die Judenchristen Justins ein historisches Bindeglied zwischen dem Jerusalemer Judenchristentum vor dem Jahre 70 und den im Ketzerreferat des Irenäus zusammengefassten judenchristlichen Gemeinden sind.
Das Jerusalemer Judenchristentum in den Pseudoklementinen94
Ableger des Jerusalemer Judenchristentums finden sich nachweislich bis zum 4. Jh. über Palästina, das Ostjordanland und Syrien verstreut. Dies ergibt eine hier ausgelassene Analyse der Referate der Kirchenväter Hippolyt, Eusebius und Epiphanius.95 Die für die Kenntnis des älteren Judenchristentums einst hochgeschätzten Pseudoklementinen sind heute fast in Vergessenheit geraten – m. E. zu Unrecht, wie einige Proben ihrer Paulus-Feindschaft noch erweisen werden.
Die Pseudoklementinen sind in ihrer jüngsten Fassung (4. Jh.) ein Wiedererkennungsroman, angeblich verfasst von Klemens von Rom, der in ihm von dem Verlust seiner Familie und ihrer glücklichen Zusammenführung berichtet. In sie wurden verschiedene Quellenschriften eingelegt, deren älteste Schichten aus dem 2. Jh. stammen. Sie enthalten heftige Polemik gegen Paulus, die z. T. pamphlethaft wirkt, und es »spitzt sich alles auf eine krasse Bestreitung der Legitimität seines Apostolats zu.«96 In einer Disputation in Laodicea, deren Tradition ins 2. Jh. weist, führt Petrus in einer für jerusalemische Paulusgegner typischen Art ein für allemal aus, dass Paulus den Auferstandenen auf keinen Fall gesehen haben könne. Die Begründung dafür ist ebenso einfach wie einleuchtend: Nur die Augenzeugen des geschichtlichen Jesus kommen für die Erwählung zum Apostelamt in Frage. Man vgl. Apg 1,21 f.
Demgegenüber hätten die Schauungen des Herrn, die Paulus 2Kor 12,1 zufolge empfangen habe, keine Geltung, und nicht nur dies, sie seien vielmehr Offenbarungen eines bösen Dämons oder Lügengeistes. Allein der persönliche Umgang mit dem geschichtlichen Jesus und die Belehrung durch ihn gäben Gewissheit, die Vision dagegen, die auch von einem Teufelsgeist herrühren könne, lasse in Ungewissheit. Zwar lögen von Gott gesandte Visionen nicht. »Ungewiss aber ist, ob der Sehende einen gottgesandten Traum gesehen hat«. (Hom XVII 15,2).
Im Anschluss führt Petrus eine Reihe biblischer Visionen bzw. Träume auf (XVII 17,1 – 4), um sofort zu betonen, dass der Fromme dieses Umgangs gar nicht bedürfe.
»Denn dem Frommen quillt das Wahre im Verstand, der angeboren und rein ist, hervor – nicht im Traum erstrebt, sondern dem Guten durch Einsicht gegeben. Denn so ist auch mir der Sohn vom Vater offenbart worden. Daher weiß ich, was das Wesen der Offenbarung ist, da ich es an mir selbst erfahren habe. Denn zugleich, als der Herr sagte, wie man ihn nenne, und da ich hörte, dass ihn jeder anders nannte, stieg es in meinem Herzen auf; und ich sprach, ich weiß wahrlich nicht, wie ich dazu kam: ›Du bist der Sohn des lebendigen Gottes‹ (Mt 16,16). Nachdem er mich aber seliggepriesen hatte, verriet er mir, dass es der Vater sei, der mir das offenbart habe, ich aber weiß seither, dass Offenbarung Wissen ist ohne Belehrung, ohne Erscheinung und Träume«. (Hom XVII 17,5 – 18,2).
Die daraus gezogene polemische Nutzanwendung an die Adresse des Paulus lautet dann:
»Wenn dir wirklich auch unser Jesus in einer Vision erschienen ist und sich dir bekanntgemacht hat, dann ist er mit dir zürnend wie mit einem Widersacher zusammengekommen; deshalb sprach er durch Visionen und Träume oder auch durch Offenbarungen, die von außen sind. Ob aber jemand aufgrund einer Erscheinung zur Lehre befähigt werden kann? Und wenn du sagst: ›Es ist möglich‹– weshalb blieb und verkehrte dann der Lehrer ein ganzes Jahr mit denen, die wach waren? Wie können wir dir aber auch glauben, selbst wenn du sagst, dass er dir erschienen ist? Wie kann er dir aber auch erschienen sein, wenn du das denkst, was seiner Lehre widerspricht? Wenn du aber von jenem eine Stunde lang besucht und unterwiesen und daraufhin Apostel geworden bist, dann verkündige seine Worte, lege seine Lehre aus, liebe seine Apostel, kämpfe nicht mit mir, seinem Jünger; denn mir, gegen den festen Fels, der ich bin, den Grundstein der Kirche, bist du feindlich entgegengetreten. Wenn du kein Widersacher wärst, würdest du mich nicht schmähen, indem du die Verkündigung von mir verleumdest, damit man mir nicht glaubt, wenn ich sage, was ich vom Herrn als Ohrenzeuge gehört habe, so als sei ich unstreitig verurteilt worden und du von gutem Ruf. Wenn du mich aber ›verurteilt‹ nennst (Gal 2,11), beschuldigst du Gott, der mir den Christus offenbart hat, und setzt den herab, der mich aufgrund der Offenbarung seliggepriesen hat. Wenn du aber doch wahrhaftig die Wahrheit fördern willst, dann lerne zuerst von uns, was wir von jenem gelernt haben, und wenn du ein Jünger der Wahrheit geworden bist, dann werde unser Mitarbeiter«. (Hom XVII 19,1 – 7).
Diese Rede des Petrus ist sensationell. Sie wirkt echt und erweckt den Eindruck, die wichtigsten Argumente der judenchristlichen Widersacher gegen Paulus zu enthalten. Formal hat sie eine Entsprechung in der Gal 2,11 ff aufbewahrten Rede des Paulus an die Adresse des Petrus in Antiochien und ist von dem bitteren Beigeschmack durchdrungen, den diese bei Petrus hinterlassen hat. Auf derselben Ebene an einer anderen Stelle der Pseudoklementinen liegt die Bemerkung des Petrus, dass Paulus von dem Vorfall in Antiochien eine falsche Darstellung gegeben habe. So heißt es im dortigen Brief des Petrus an Jakobus, der den Homilien vorangestellt ist:
»Denn einige derer, die von den Heiden sind, haben die durch mich verkündigte gesetzliche Predigt verworfen und sich einer ungesetzlichen und albernen Lehre des feindlichen Menschen (= Paulus, Vf.) angeschlossen. Und noch dazu haben einige, obwohl ich noch lebe, versucht, mit manch schillernden Deutungen meine Worte zu entstellen in Richtung auf eine Auflösung des Gesetzes, als ob auch ich selbst so dächte, es aber nicht freimütig predigte. Das sei fern!«. (2,3 f).
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