Erschöpft hielt er inne. Seine Anspannung verschwand und er ließ sich in den Sessel fallen. Mit einem Mal ein müder, alter Mann.
„Aber wieso? Ich verstehe es nicht! Wie kann sie am Leben sein? Wenn sie leben würde, dann wäre sie doch sicher hierher, zu mir, zurückgekommen. Ich verstehe es nicht. Vielleicht hast du dich ja getäuscht. Genau. Du hast sie verwechselt!“
Das war die Lösung. Eine Frau, die ihr ähnlich sah und jetzt eine Autorin, die Lebensumstände beschrieb, die denen meiner Mutter ähnelten.
Zufälle, nichts als dumme Zufälle! Das Leben konnte manchmal grausam sein und Hoffnungen erwecken, die sich nicht erfüllen konnten.
Ich wartete auf die Erleichterung, die mich nun erfassen würde, aber sie stellte sich nicht ein.
„Nein Alex, ich habe mich nicht getäuscht. Sie war es hundertprozentig. Ich hätte sie überall auf der Welt wiedererkannt!“
„Du hast sie geliebt!?“
Konrad nickte. „Ich habe sie schon immer geliebt und ich liebe sie noch“, flüsterte er und blickte über mich hinweg. Für einen Moment verlor er sich.
„Aber, was ist denn damals geschehen?“, fragte ich ihn und holte ihn in unsere Gemeinsamkeit zurück.
„Ich weiß es nicht. Aber da sie den Unfall überlebt hat, konnte natürlich keine Leiche gefunden werden.“
„Aber warum hat sie dich dann nicht erkannt? Oder wollte sie dich nicht erkennen?“
„Alex, ich weiß es nicht. Ich habe mich das die ganzen Jahre hindurch gefragt. Ich habe bis heute keine Antwort darauf gefunden.“ Er schüttelte resigniert den Kopf.
„Hast du es Vater erzählt?“
Sein Nein peitschte wie ein Schuss durch den Raum. Erstaunt schaute ich ihn an. Was ist los, fragte ich mich.
„Konrad?“
„Nein, ich wollte ihn nicht damit belasten, ihm vielleicht Hoffnungen machen, die sich nicht erfüllen.“ Seine Stimme war wieder ruhig.
„Was soll ich machen?“ Mir war nicht klar, was er jetzt von mir erwartete.
„Lies das Buch zu Ende. Am Montag sprechen wir darüber. Und versprich mir, dass du mit niemandem darüber redest. Versprochen?“
„Ja, versprochen“, antwortete ich, ein wenig erstaunt über die Dringlichkeit seiner Bitte.
Konrad erhob sich mit einem Blick auf seine Armbanduhr.
„Ich muss jetzt heim. Ich bin sehr müde.“
Ich nickte. Man sah ihm seine Erschöpfung und Erschütterung an.
Ich begleitete ihn zur Tür.
Kurz darauf stand ich allein im Flur. Ich fröstelte und plötzlich erfasste mich eine riesige Welle der Einsamkeit. Mein Herz tat mir so weh, dass ich dachte, es bliebe stehen.
Die große Trauer, die ich als Kind erlebt hatte, kam wieder an die Oberfläche. Meine Knie wurden weich wie Pudding und so ließ ich mich an der Wand zu Boden gleiten.
Die Jahre meiner Kindheit zogen an mir vorbei wie in einem Film. Unsere gemeinsame, glückliche Zeit, der Abschied, als sie nach Peru flogen, ihr Tod, meine Einsamkeit, die Abschiebung ins Internat und mein starkes Heimweh nach ihr.
Die Tränen flossen wie Sturzbäche über meine Wangen und hinterließen nasse, dunkle Flecken auf meinem Pullover.
Irgendwann klingelte das Telefon, doch ich wollte mit niemandem reden. Als ich das penetrante Geräusch nicht mehr ignorieren konnte, hangelte ich mich mühsam am Schrank nach oben. Müde, unendlich erschöpft wankte ich zum Telefon.
„Alex, geht’s dir gut?“ Konrads Stimme tönte besorgt.
„Ja, es geht so einigermaßen“, beruhigte ich ihn und versuchte, meiner Stimme Gehalt zu geben.
„Ich habe dich einfach alleingelassen. Hätte ich bleiben sollen?“
„Nein Konrad. Es ist alles in Ordnung. Ich gehe jetzt ins Bett.“
„Dann telefonieren wir morgen?“
„Ja, wir telefonieren morgen. Gute Nacht, Konrad.“
Ich legte auf, bevor er noch etwas erwidern konnte. Ich wollte jetzt nicht mehr sprechen.
„Wir leiten nun den Sinkflug ein. Bitte schnallen Sie sich an und stellen Sie Ihre Rückenlehne senkrecht.“
Die Stimme der Flugbegleiterin holt mich aus meinen Erinnerungen.
Einen kurzen Moment lang habe ich keine Orientierung, ich bin zu weit weg gewesen.
Mein Sitznachbar schenkt mir ein Lächeln.
„Haben Sie auch noch ein wenig schlafen können?“
Ich schüttle verneinend den Kopf.
„Das tut mir leid.“
„Ist nicht so schlimm“, erkläre ich und lächle zurück.
Er greift in seine Tasche und bietet mir einen Kaugummi an, den ich dankbar annehme. Landungen sind nicht so mein Ding, vor allem den Druck auf den Ohren kann ich nicht leiden.
Ich blicke aus dem Fenster. Der Tag bricht langsam an. Unter mir sind bereits in der Ferne die Lichter der Stadt zu sehen. Mein Herz klopft. Nun wird es ernst.
„Machen Sie Urlaub in Lima?“
Mein Sitznachbar strebt offenbar eine Unterhaltung an, worauf ich mich jetzt gerne einlasse, denn es lenkt vom Landeprozess ab.
„Ich suche meine Mutter.“ Ach, das will ich eigentlich gar nicht zum Thema machen, aber jetzt ist es schon geschehen. Ich habe es ausgesprochen. Vielleicht ist das gut so, denn schließlich bin ich bald in Lima und muss mich dem stellen. „Ich suche meine Mutter“, wiederhole ich und räuspere mich, denn meine Stimme fühlt sich mit einem Mal an, als hätte ich einen Fremdkörper im Hals.
„Lebt sie in Lima?“, fragt er mich.
„Ich weiß es nicht. Ich habe nur die Adresse des Verlages, der ihren Roman veröffentlicht hat.“
„Und ihren Namen?“
„Nein, sie schreibt unter einem Pseudonym.“
„Ich wünsche Ihnen viel Erfolg. Sie werden sie sicher finden“, meint er zuversichtlich.
Ich finde es angenehm, mich mit ihm zu unterhalten. Keine überflüssigen Kommentare und kein neugieriges Nachbohren. Er scheint tatsächlich ein Mensch zu sein, der gut zuhören kann.
Er kramt in seiner Tasche. Ein kleines Etui kommt zum Vorschein, dem er eine Visitenkarte entnimmt.
„Ich bin für zwei Wochen geschäftlich in Lima. Wenn Sie Hilfe brauchen, dann können Sie sich jederzeit an mich wenden. Hier steht meine Handynummer, unter der ich zu erreichen bin. Man weiß ja nie und ich kenne mich in Lima recht gut aus.“ Er schenkt mir ein aufmunterndes Lächeln.
„Danke, das ist sehr nett von Ihnen.“ Ich bin ein wenig verdutzt. Strahle ich solch eine Hilflosigkeit aus? Doch ich nehme die Karte gerne an und stecke sie in meinen Geldbeutel. Ein kleiner Rettungsanker in einer fremden Stadt.
„Hier ist meine Handynummer. Vielleicht können wir uns auf einen Kaffee treffen“, sage ich freundlichkeitshalber.
Er strahlt. „Gerne. Ich heiße übrigens Martin.“
„Alexandra.“
Er reicht mir die Hand. Eine sympathische Hand mit festem Druck.
Ich blicke aus dem Fenster. Der Flughafen kommt näher. Die Positionslichter blinken.
Kurz darauf setzt die Maschine mit einem Ruck auf der Landebahn auf.
Ich bin in Lima.
Die übliche Geschäftigkeit breitet sich aus. Taschen und Jacken werden zusammengerafft, Gepäckklappen geöffnet und im Gang gedrängelt. Jeder möchte möglichst als erster das Flugzeug verlassen.
Martin reicht mir mein Handgepäck. Ich stopfe meine Jacke in den Rucksack und hänge ihn mir über die Schulter. Wir warten, bis der größte Andrang vorbei ist. Dann verlassen auch wir die Maschine.
„Liegt Ihr Hotel auch in Miraflores?“
„Nein. Ich habe im Zentrum gebucht. In der Nähe vom Plaza Mayor“, antworte ich.
Mein Nachbar zieht kaum merklich die Augenbraue hoch und blickt mich leicht erstaunt an. „Dann haben Sie sicher nicht vor, lange zu bleiben.“ Sein Kommentar ist eher eine Feststellung als eine Frage.
„Ich muss ebenfalls in die Stadt. Sie können mit mir fahren. Mein Mitarbeiter holt mich ab.“
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