Ich las und las.
Ein Ruck geht durch meinen Körper. Was ist los?
Ich öffne die Augen und stelle fest, dass ich seitlich in meinem Sitz lehne. Mein Kopf ruht an der Schulter meines Nachbarn. Ein Hauch von Sandelholz und Amber steigt mir in die Nase.
„Ein Luftloch“, erklärt er mir aus unmittelbarer Nähe.
Abrupt setze ich mich gerade hin. Peinlich, ich muss wohl über meiner Erinnerungsreise eingeschlafen sein. Mein Sitznachbar wirft mir einen belustigten Blick zu.
„Entschuldigung. Sie hätten mich wecken müssen.“
„Oh, kein Problem. Einer hübschen Frau leihe ich gerne meine Schulter.“ Er lächelt mir zu und bringt sich ebenfalls in eine andere Sitzposition, weiter weg von mir.
Verstohlen blicke ich auf meine Armbanduhr. Nach Mitternacht. Die meisten Passagiere schlafen, die Helligkeit der Lampen ist reduziert. Das Flüstern einzelner Passagiere, das Greinen eines Babys und leises Schnarchen hinter mir mischen sich mit dem dumpfen Brummen der Motoren.
Ich blicke durch das ovale Fenster. Nichts zu sehen. Keine Lichter, nur die riesige, dunkle Fläche des Ozeans. Ich kuschle mich in meinen breiten Wollschal und stütze mein Gesicht in die Hand.
Nachdenken, nicht schlafen. Ich möchte auf diesem Flug noch einmal alles Revue passieren lassen, was daheim geschehen ist und ich muss mir einen Plan zurechtlegen für die Zeit, wenn ich in Lima bin.
Wie soll ich vorgehen? Ob sie es überhaupt ist? Vielleicht waren meine Reaktion und mein Handeln übereilt? Hysterisch, wie Clemens es ärgerlich nannte.
Ich werde unsicher. Mein Herz holpert und ich merke, wie eine diffuse Angst von mir Besitz ergreifen möchte. Was, wenn ich den Scherbenhaufen daheim umsonst aufgetürmt habe? Ich seufze.
Sofort wendet sich mir mein Sitznachbar wieder zu.
„Sie scheinen es gerade nicht leicht zu haben.“
„Wie kommen Sie darauf?“ Ein bisschen spitz kommt die Frage über meine Lippen. Ach, das wollte ich gar nicht fragen. Jetzt muss ich mich auf ein Gespräch mit ihm einlassen. Aber vielleicht tut mir ein wenig Ablenkung gut.
„Sie haben bereits im Schlaf geseufzt und schwer geatmet.“ Er dreht sich auf seinem Sitz noch mehr in meine Richtung und betrachtet mich mit weichem, mitfühlendem Blick.
„Ich bin ein guter Zuhörer, wenn Sie mögen.“
Möchte ich mich darauf einlassen? Es wäre einfach. Er ist ein Fremder. Nach der Landung werden sich unsere Wege wieder trennen. Keine Nähe, keine Verbindlichkeit. Ich könnte ihm meine Geschichte erzählen, meine Angst und Unsicherheit zu ihm hinüberschieben. Er wirkt wie jemand, dem man vertrauen kann, der für eine kurze oder auch für eine längere Zeit eine Last mittragen kann. Was vergebe ich mir, wenn ich ihm alles erzähle?
Was erzähle? Dass ich aufgrund eines Romans, den ich gelesen habe, mein ganzes Leben in Frage stelle und die Brücken zu meinem Verlobten und meinem Vater vorerst abgebrochen habe? Dass ich keinen Job mehr habe und was noch viel schlimmer ist, dass sich ein Teil meiner Vergangenheit als Lüge zu offenbaren scheint? Meine momentane Situation ist zu komplex, um sie kurz zu erzählen. Ich verstehe sie ja selbst nicht, kann die Geschehnisse nicht einordnen.
„Das ist sehr nett von Ihnen. Danke. Aber ich muss mit meinen Problemen selbst fertig werden“, flüstere ich und schenke ihm ein mattes Lächeln.
„Manchmal hilft Reden. Kann den Focus verändern“, flüstert er zurück.
Unser leises Gespräch scheint uns irgendwie zu verbinden. Eine winzige, geheime Gemeinschaft unter Schlafenden. Ich merke, wie ich mich langsam entspanne. Mein Herz schlägt wieder gleichmäßig und die Angst verschwindet. Ich fühle mich geborgen.
„Es geht schon wieder besser.“
„Das freut mich. Dann noch eine gute Nacht.“ Er rückt wieder von mir weg, nimmt die Brille von der Nase und schließt die Augen.
Ich drehe meinen Kopf ein wenig zu ihm und betrachte ihn verstohlen von der Seite. Seine dunklen, lockigen Haare scheinen ein Eigenleben zu führen, denn sie kringeln sich widerspenstig in seine Stirn. Ein ovales Gesicht, mit einem Rest von Bräune, wahrscheinlich vom letzten Skiurlaub. Er scheint ein humorvoller Mensch zu sein, davon zeugt das Netz von Lachfalten, das sein Gesicht durchzieht. Ein Mann, an den man sich anlehnen kann.
Fühle ich mich bei Clemens geborgen? Er hätte nie auf diese Weise reagiert. Probleme anderer Leute? Nur bei Bezahlung und auch nur in der Kanzlei. Meine Probleme? Damit bin ich bis jetzt immer zu Konrad gegangen. Merkwürdig, dass mir das erst jetzt richtig bewusst wird. Energisch lenke ich meine Gedanken von ihm weg. Nicht jetzt!
Das Buch der Peruanerin. Mit dem muss ich mich auseinandersetzen.
Meine Gedanken driften wieder zurück zu dem Samstag, als Konrad mir das Buch in die Hand drückte und mich eindringlich bat, es zu lesen.
Ich sehe mich in meinem Lieblingssessel sitzen. Das Buch lehnte an meinen Knien und ich tauchte ein in die Geschichte der Peruanerin.
Das erste Kapitel erzählte, wie sie ihren Mann kennenlernte. Ein junger Anwalt, der in der Kanzlei ihres Vaters arbeitete und der ihr, wie sie schrieb, schon bei der ersten Begegnung den Kopf verdreht hatte.
Ich überflog die beschriebenen Details, las über ihre Hochzeit und über den Kinderwunsch, der sich in den ersten Jahren nicht erfüllte. Ich blätterte weiter, überschlug wieder einige Seiten.
Mittlerweile wurde es draußen langsam dunkel. Ich schaltete meinen Lesestrahler an und ging in die Küche, um mir zwei Brote zu streichen. Ich hatte Hunger, denn seit dem Stückchen Kuchen am späten Vormittag hatte ich nichts mehr gegessen. Um keine Zeit zu versäumen, nahm ich die Brote mit in meine Leseecke.
Nach einem großen Schluck Kräutertee, nahm ich das Buch wieder zur Hand. Der Schreibstil und die Sprache gefielen mir, spannend war es auch, doch bis jetzt konnte ich noch nicht erkennen, was dieser Roman mit mir zu tun haben sollte. Was mich allerdings ein bisschen verwirrte, war, dass ich beim Lesen meinte, die Stimme meiner Mutter zu hören, und dass ich das Gefühl hatte, als sei es ihr Leben, über das ich las.
Und dann wurde es mit einem Mal spannend. Der Wohnsitz der Familie hätte nach Beschreibung der Autorin unsere Villa sein können.
Mein Herz schlug schneller. Was hatte das zu bedeuten?
Warum hatte Konrad es mir gegeben? Wegen dieser Ähnlichkeiten?
Und es wurde noch interessanter.
Sie beschrieb einen anderen Mann, der ihr sehr nahe stand. Keinen Liebhaber, sondern einen Jugendfreund, mit dem sie sich gut verstand und der sie in die Welt der Bücher einführte. Er hatte einen Buchladen, in dem sie ihn bei ihren Einkäufen in der Stadt des Öfteren besuchte.
Die Beschreibung hätte auf Konrad passen können, nur dass der Freund einen anderen Namen trug.
Der Roman wurde mir immer suspekter, nein, er wurde mir immer unheimlicher, je mehr Gemeinsamkeiten mit meiner Mutter auftauchten.
Auch das nächste Kapitel, in dem sie schilderte, dass dieser Freund sie ermunterte, ihre Geschichten und Märchen an einen Verlag zu schicken. Sie entwickelte sich zu einer beliebten und erfolgreichen Kinderbuchautorin.
Ich klappte das Buch zu, erleichtert darüber, dass der Text darin eingesperrt blieb, bis ich entscheiden würde weiterzulesen. Meine Hände zitterten und mein Herz klopfte holperig.
Das könnte meine Mutter geschrieben haben, wenn sie nicht tot wäre. Ach Quatsch! Aber es sind Ähnlichkeiten vorhanden, wahrscheinlich hatte Konrad das gemeint.
Eine Frau, die ein ähnliches Leben wie meine Mutter geführt hatte oder sollte ich eher sagen, eine Frau, die das Leben meiner Mutter geführt hatte?
Ich schüttelte über meine verwirrten Gedanken den Kopf. Das nahm langsam bedenkliche Formen an. Das waren Zufälle, nichts als simple Übereinstimmungen, die nichts zu bedeuten hatten.
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