Sondern weil durch die erhöhte Novitätenfrequenz in Sachen Künstlernamen, Themen, Agenden und Diskurs nicht allein Außenstehenden, sondern mittlerweile auch den allermeisten Angehörigen der Kunstwelt der Lauf der Kunst wie unaufhaltsame Naturgeschichte erscheint: Es wächst und sprießt eben überall. Skepsis gegenüber irgendeiner Neuerung oder Laune der Gegenwartskunst würde in unseren Tagen daher auch nicht mehr, wie noch im vergangenen Jahrhundert, erst nachträglich von einer Jahre späteren Zukunft Lügen gestraft werden, die die Kanonisierung des einst Bekämpften untrüglich offenbart haben würde. Solcher Einspruch erledigt sich heute bereits in Realzeit durch Blitzvergreisung. Noch nicht ausgesprochen, kristallisiert das kritische Wort, wird es hinter sich gelassen von den so unerfindlichen wie unumkehrbaren Emergenzen des Kunstzeitgeistes und seiner pittoresken Niederschläge. Diese Situation begünstigt aufseiten der von Gegenwartskunst noch nicht Kurierten, also bei ziemlich vielen, ein prophylaktisches Mitläufertum gegenüber einem in Börsenkurs-Manier ständig aktualisierten
state of the art der Kunst.
Dementsprechend erscheint kaum jemandem die Suche nach charakteristischen Effekten und Maschen lohnenswert. Vielmehr sind es fieberhaft wechselnde Themen und Namen der jüngsten Kunst, denen hinterherzuhecheln dem Einzelnen heute eine ganze Bandbreite Orientierung versprechender Publikationen zur Seite steht. Dieses Spektrum reicht in den letzten Jahren von Ratgeberliteratur für Sammler über Crashkurse zur jüngeren Kunst bis hin zu umfänglichen Anthologien. Dort werden dem Leser die aktuell vermeintlich wichtigsten Künstler nach einem stehenden Muster aus biografischer Notiz und einigen beschreibenden Zeilen nebst Abbildungskonvolut vorgestellt. Nur dass diese Auswahl nach wenigen Jahren ungerührt durch andere Namen und Akzentsetzungen modifiziert oder ersetzt wird. Man hält dann zwar mächtige Schwarten in Händen, fühlt sich aber dennoch irgendwie an das kurzlebigere Format eines Rankings erinnert.
Nicht anders bei Postillen oder smarten Magazinen zur Kunst. Man wird den Eindruck nicht los, dass jene Unüberblickbarkeit und Kriterienlosigkeit, die zu kompensieren Verleger und Autoren solcher Publikationen angetreten waren, durch Letztere selbst geschürt werden. Denn hier werden à la mode sämtliche Positionen und Topoi von oben nach unten durchgereicht, was die Produktobsoleszenzen nur weiter ankurbelt. Man konsultiert solche Medien daher mit einer aasigen Mischung aus Widerwillen und Neugier. Man möchte also schon gerne wissen, wen das Orakel diesmal drin sieht und wen nicht, obwohl einem doch klar ist, dass bestenfalls hauchdünne Begründungen oder einfach nur der Tagesgeschmack den Ausschlag gaben.
Bereits der Durchblicker-Tonfall des Buchtitels von Jörg Heisers Studie Plötzlich diese Übersicht. Was gute zeitgenössische Kunst ausmacht (2007) signalisiert, dass auch hier uns jemand helfend beispringen will im Dschungel der Gegenwartskunst (und dies übrigens in nachdenkenswerter Gruppierung, temperamentvoll, geistreich und lesbar unternimmt). Nur bleibt auch das eine Geschichte der Sieger und ihrer Siege. Wer darin vorkommt, der hat es geschafft, der hat mit seiner künstlerischen Manier Unverwechselbarkeit erreicht. Und das gilt natürlich auch noch für die Künstler, an denen der Autor kluge Kritik übt.
Vergleichbar steht es um all jene Protagonisten des künstlerischen Feldes, über die nicht nur in entlegenen Monographien und Katalogen auftragshalber geschrieben wird, sondern über die man einer großen Leserschaft wiederholt Bericht erstattet. Daran ändert sich auch wenig, wenn man auf ambitionierte und theoriestarke Kunstzeitschriften blickt. Denn die vergleichsweise großen und sozusagen in der Luft liegenden Fragestellungen, denen man dort mitunter in Themenheften nachgeht, versammeln einmal mehr vertraute Positionen. Ausgerechnet aber solchen mit Texten und Erwähnungen verwöhnten Stars und Etablierten eine Masche nachzuweisen, müsste zwangsläufig beckmesserisch wirken. Oftmals handelt es sich ja um etwas seitens solcher Künstler originär Erarbeitetes! Es herauszupräparieren und als Trophäe durch seine Argumentation zu schwingen, wäre keine Ruhmestat.
Und so wird der Blick für Maschen, sogar für die offensichtlichsten Maschen, nur allzu oft verstellt durch eine Melange aus Respekt, Seilschaft, Vorsicht, Desinteresse, Müßigkeit.
Eine Erfassung von M. d. K. verlangt daher zuerst einen Perspektivwechsel: Man schaue auch auf das, was bei Messen nicht unbedingt hervorsticht, sondern die Kojen füllt, was im Ausstellungskalender einer Metropole nicht zu den Highlights, sondern zum Durchwachsenen gehört! Man vergegenwärtige sich das gediegen Mittelmäßige wie auch das Unausgegorene, die Usancen des ambitionierten Nachwuchses wie auch manche Nachhutgefechte! Man lasse all das zu, was einem als professionell mit Kunst Befassten ohnehin dauernd unterkommt, auf das man sonst aber keinen Ehrgeiz verschwendet!
Unter diesen Voraussetzungen sind es wiederkehrende Maschen, die sich dem über Kunst Nachdenkenden geradezu aufdrängen. Maschen, die der heutigen Produktion von Kunst, teils auch schon ihrer Konsumtion und Kommunikation zugrunde liegen. Maschen, die uns vertraut oder ungewöhnlich vorkommen, die kaum je explizit erwähnt werden, obgleich uns unser Umgangswissen mit Kunst sagt, dass wir schon unzählige Male darauf gestoßen sind.
Nur wäre es eitler Irrtum, zu glauben, solche Phänomene gehörten gar nicht in den Spitzen-, sondern nur in den erwähnten Breitensport der Kunst, bloß weil sie dort besser sicht- und greifbar wurden! Denn an der Basis erhalten sich solche M. d. K. nur ungenierter und häufiger in Reinkultur. Hat man sie dort aber erst einmal benannt und analytisch auf den Punkt gebracht, so wird man sie unschwer auch in den höheren Etagen des Kunstbetriebs wiederfinden. Nur dass es dort oft peinlichkeitsvermeidende Mischungen mehrerer und mithin Abtrübungen einzelner Maschen sind, die dem Künstler helfen, sich die Gunst eines für Abgegriffenheiten sensibilisierten Publikums zu erhalten.
Wie man sich denken kann, entsprechen etlichen M. d. K. gewisse Legitimationsmuster aufseiten der Kunstkritik oder der Kunstgeschichtsschreibung. Das könnte uns zu der Überlegung verleiten, ob nicht, statt die Verantwortung allein bei den Künstlern bzw. der Kunst zu suchen, mit eben so viel oder mehr Recht von Maschen der Kunstgeschichte bzw. der Kunstkritik auszugehen wäre. Beispielsweise dürfte einem künstlerischen ›Häufungshumbug‹ der verbale Häufungshumbug aufseiten manch sprachschäumender Katalogautoren in nichts nachstehen. (Denn man könnte spekulieren, ob nicht beides Indiz der nämlichen Selbstverschlagwortung von Sinnproduzenten im Zeitalter internetbasierter Aufmerksamkeitsökonomie geworden sei.) Doch führen die meisten Kapriolen der Kunst, so sie von der Kritik nicht ohnehin ignoriert werden, die Kapriolen der zugehörigen Kunstliteratur nur im Gefolge. Deswegen bleibt mein Hauptinteresse bei den Maschen in der Kunst selbst, erst in zweiter Linie gilt es ihrer Verzahnung mit gesprochenen wie geschriebenen Worten zur Kunst. Dass es ungeachtet dessen auch originäre Maschen der Kunstkritik bzw. der Kunstgeschichtsschreibung gibt, die nun wirklich zuallererst auf das Konto der schreibenden Zunft gehen, sei damit keineswegs bestritten. Nur sind solch eingefahrene Muster des Ausdeutens oder Belobigens von Kunst doch ein anderes Thema, dem sich Autoren wie Beat Wyss oder Christian Demand auf anregende Weise widmen.
An einem Vorverständnis dessen, was eine M. d. K. ungefähr sein könnte, ließen es die meisten der Fragen und Anregungen, mit denen ich im Vorfeld konfrontiert wurde, nicht mangeln. Eher haperte es an einer Vorstellung davon, wie viel eine Masche sinnvollerweise jeweils sollte fassen können.
Читать дальше