Zwar war es nicht ihre Schuld, dass Brian falsche Schlüsse zog, aber nachdem er sich so weit rausgewagt hatte, konnte sie ihn nicht einfach im Regen stehen lassen. »Also ist deine Flamme ein Kerl.«
Er nickte und strahlte übers ganze Gesicht. Das war nicht derselbe Junge, mit dem sie seit Monaten jeden Abend spazieren ging. Sie hätte schwören können, dass sich sogar seine Haltung leicht verändert hatte.
»Du hast schon recht. Ich verstehe das.« Sie sprach langsam, als würden die Worte aus ihr herausgezogen, aber er schien das nicht zu bemerken.
»Ich weiß, Sie werden es keinem erzählen …«
Sie wartete darauf, dass er weitersprach, aber das tat er nicht. Sie seufzte. »Und vor wem genau willst du das geheim halten?«
»Eigentlich vor allen. Den Leuten in der Schule, den Jungs. Meinen Eltern – ganz besonders vor meinen Eltern!« Seine Stimme hob sich, während er sprach, bis er den Satz in einer unschönen Lage panischen Quiekens beendete.
Das Problem mit Teenagern ist, dachte sie, dass sie so unbeständig sind, die Stimmung schwingt heute in die eine Richtung, dann wieder in die andere. Aber sie hatte ihn nicht davon abgehalten, die Katze aus dem Sack zu lassen, also war es nun an ihr, Ordnung in dieses Durcheinander zu bringen.
Es musste doch in seinem Leben jemanden geben, der sich besser eignete, um dergleichen zu handhaben. Irgendeinen Menschen, dem sie das ganze Problem in den Schoß kippen konnte. »Du musst doch jemanden haben, mit dem du über so was reden kannst?«
Er schüttelte den Kopf.
Ihr sank das Herz.
»Was ist mit deinem Freund? Vielleicht kennt er jemand, mit dem ihr beide reden könnt?«
Brians Lächeln flammte wieder auf. So musste er für seinen Geliebten aussehen, dachte sie. Es war etwas Besonderes darin. Etwas, das sie bei ihm nicht vermutet hätte.
»Er ist großartig. Er ist …«
Brian ging rückwärts vor ihr, rang nach Worten und gestikulierte mit den Händen. Er stolperte über irgendetwas, schlug beinahe lang hin und fing sich gerade noch ab, so dass er auf dem Hintern landete. Miss Bennett bellte und sprang an ihm hoch, glücklich über dieses neue Spiel.
Brian lachte. Es war das erste Mal, dass sie ihn lachen hörte. Dann kraulte er Miss Bennett hinter ihrem Schlappohr und rappelte sich vom Boden auf.
»Na schön«, sagte Katherine nach einer Weile. »Das ist gut. Ihr habt einander, um zu reden.«
Sein Gesicht verdüsterte sich wieder. »So oft kann ich ihn nicht sehen.«
»Geht er nicht auf deine Schule?«
Er schüttelte den Kopf. »Und wir müssen vorsichtig sein.«
»Ich weiß«, sagte sie. Seit jeher verliebten sich Teenager gegen die Wünsche ihrer Eltern, lange vor Romeo und Julia, und in all dieser Zeit waren Eltern offensichtlich nicht klüger geworden. Begreifen sie denn gar nichts? Wenn es etwas gibt, das aufregender ist als die erste Liebe, dann ist es eine verbotene erste Liebe.
»Es müsste doch irgendeine Anlaufstelle für schwule Jugendliche an deiner Schule geben.«
Brian schnaubte verächtlich.
»Schon gut, entschuldige. Aber irgendwo in der Gemeinde muss es einen Treff für schwule Kids geben. Ich meine, wir sind hier in New York City!« Sein verständnisloser Gesichtsausdruck zeigte ihr, dass diese Worte für ihn nicht dieselbe Bedeutung hatten wie für sie. Wo sie aufgewachsen war, war New York City ein Synonym für Zügellosigkeit und Sittenverfall, für alles Unmoralische und Unerwünschte. »Vielleicht kann ich für dich eine Gruppe oder so was ausfindig machen. Du brauchst unbedingt jemanden, mit dem du reden kannst.« Statt mit mir, fügte sie in Gedanken hinzu.
»Ja, das hat Rob auch gesagt.«
»Rob hat recht.«
»Ich weiß nicht. Ich glaube, ich kann so was nicht.«
»Es schadet ja wohl nicht, ein paar Telefonnummern zu haben, falls du sie brauchst.«
»Ich muss vorsichtig sein. Niemand darf was merken. Wenn doch, kann ich ihn nicht mehr sehen.«
Ihr gefiel die Richtung nicht, in die das führte. Ein Minderjähriger, der in der Erziehungsgewalt seiner Eltern zu Hause lebte. Es stand ihr nicht zu, sich da einzumischen.
»Denken Sie, ich bin pervers? Oder haben Sie keine Probleme mit mir und Rob?«
Er wusste längst, dass sie ihn nicht für pervers hielt. Also schön, dachte sie, wenn er es noch mal hören muss, sage ich es eben noch mal. Ich erteile dieser Beziehung den Segen einer Gay Pride-Stickerbesitzerin. »Nein, Brian, ich glaube nicht, dass du pervers bist.« Sie zögerte einen Augenblick, dann dachte sie: Wer A sagt … »Hör mal, Brian, muss ich mit dir über Safer Sex reden?«
Sie waren wieder bei ihrem Hauseingang angekommen, und im Schein der Lampe über ihrer Tür sah sie, dass er knallrot wurde.
»M-m, danke, nein. Rob ist bei so was wirklich vorsichtig.«
Gott sei Dank. Sie fühlte sich sehr alt. Wenigstens blieb es ihr erspart, Nachhilfestunden mit Demo-Bananen und Kondomen zu erteilen.
Zu guter Letzt blieb nur noch eins, was sie ihm sagen konnte. »Die meisten Leute, die zu kennen sich lohnt, hatten eine harte Zeit in der Schule. Dann geht man irgendwann raus in die Welt und wird man selbst. Du musst nur noch eine Weile durchhalten. Es kommt schon alles in Ordnung.«
Sie hätte nach dem ersten Satz aufhören sollen. Sie hatte ihre eigene Regel gebrochen: Sie hatte einem Kind versprochen, was nicht zu halten war.
»Im Ernst?«, fragte er. »Hatten Sie auch eine harte Zeit in der Schule?«
»Es war die Hölle«, sagte sie und dachte: Und das ist noch krass untertrieben. »Ich muss jetzt rein, Brian. Pass einfach gut auf dich auf, okay?«
Er blieb auf dem Gehweg stehen und sah zu, wie sie ihre Tür aufschloss. Miss Bennett bellte ihm noch einmal zu und zerrte Katherine dann nach drinnen.
Sie zog ihre Jacke aus und füllte Wasser und Futter in Miss Bennetts Näpfe. Anschließend stellte sie sich an den kleinen Arbeitstresen in der Küche und widmete sich ihrer Post. Öffnete die unvermeidlichen Rechnungen, eine nach der anderen, bis sie zu dem letzten Brief kam, der unfrankierte und, wie sie jetzt bemerkte, auch unverschlossene weiße Umschlag. Das Blatt darin war einmal gefaltet. Als sie es aufklappte und sah, was es war, war ihr erster Gedanke: Nein, das kann nicht für mich sein, mir passieren solche Sachen nicht. Die Botschaft bestand aus einzelnen Buchstaben, die offensichtlich aus Zeitungen und Magazinen ausgeschnitten waren.
Noch ehe sie zu lesen begann, empfand sie spontane Erleichterung. Das konnte ja nur ein Witz sein. Oder ein Versehen. Es konnte unmöglich für sie bestimmt sein. Die ungleichen Buchstaben verkündeten: »Ich habe es Ihretwegen getan.«
Ich habe es Ihretwegen getan.
Für den Bruchteil einer Sekunde dachte sie noch einmal an Botschaften aus dem Jenseits. So sehr vermisse ich Jonathan, dachte sie. Wie ich es bereue, dass ich in den Wochen vor seinem Tod nicht mit ihm geredet habe. Aber Jonathan ist fort … wohin? Vermutlich ins Leichenschauhaus. Und nun war es zu spät. Sie konnte nicht mehr ändern, was geschehen war. Was sie für Seth getan und nicht getan hatte, und später für Jonathan. Sie hatte denselben Fehler erneut gemacht.
Aber diese Botschaft kam natürlich nicht von Seth oder Jonathan. Sie kam von einer verrückten Person, einem Durchgeknallten. Oder einem der dämlichen Kinder aus der Nachbarschaft. Oder Brian schickte ihr eine obskure Nachricht, von der sein lustgetrübter Verstand annahm, sie könnte sie verstehen. Höchstwahrscheinlich bedeutete es jedoch einfach gar nichts. Es war nicht mal für sie bestimmt. Sie erlebte nichts dergleichen. Erlebte eigentlich gar nichts. Andere Leute erlebten etwas, sie nicht.
Vielleicht wäre es aufrichtiger zu sagen, dass sie nichts unternahm. Sie hatte keine Familie. Sie sah sich lediglich an, wie andere aus ihren Familien einen Trümmerhaufen machten.
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