Ein Desaster! Nicht Tage, sondern Monate werden vergehen, ehe die Knotenpunkte repariert sind, lautete der Bericht der Prüfer, im Parlament persönlich vorgetragen, worauf der Reichskanzler den Notstand ausrief.
Zwei Wochen später.
Um die gefährdete Ordnung zu retten, stellte die Gendarmerie jeden in Dienst, der freiwillig kam, weder Prothesen besaß noch vorbestraft war; aber die wenigsten Untaten wurden verhindert: Plünderungen und Raub hielten die Viertel in Atem, sobald die Sonne unterging und Gesindel aus den Hinterhöfen kam, die Armen, Elenden, am ärgsten vom Schwarzfall betroffen; ohne Lohn, ohne Brot waren sie zu allem fähig. Man bangte um sein Leben.
Als das Verbrechen überhand nahm, drang das Militär in die Städte ein, grobe Kerle, fast schon Maschinen, mehr Eisen als Muskeln; und im Ranzen eine dicke Volta-Batterie, die über Kabel und Klemmen den Leib mit Strom versorgte. Auf Patrouille, Tag und Nacht, verbreiteten sie Angst und Schrecken, bis sich die Hungernden in ihren Quartieren verkrochen. Dann herrschte Ruhe, fürs Erste.
Sobald das Bürgertum aus dem Haus trat, konnte man eine Vielzahl träger Gestalten durch die Alleen und Parks geistern sehen: die junge Dame, vornehm gekleidet, eine silberne Brosche und Perlenohrringe, aber im Rollstuhl sitzend, die Augen leer, das Antlitz bleich – ein Mann mit Chapeau Claque, auf Krücken; und das Kind auf dem Dreirad, fuhr einhändig, weinte, denn sein linker Arm fehlte. Mechanisch, wie von einer Spieluhr geführt, zogen sie los, seltsam im Kreis, und verschwanden: Türchen auf, Türchen zu.
Noch vertraute man der Obrigkeit blind, noch glaubte man den Flugblättern, die in den Briefkästen lagen, auf der Straße verteilt wurden – von Knaben, deren Matrosenanzug ungebügelt und schmutzig war; doch der Herbst kam, mit ihm Regen und Kälte.
Stumm saß das Mädchen am Fenster, eingehüllt in eine Wolldecke, und starrte zum Garten hinaus, wo das Gras wild wucherte, reifes Obst, voller Fliegen, ringsum die Blätter rauschten, ein Windstoß sie abriss. Kurz zuckte das Talglicht auf dem Sims, und Dunkelheit.
Der Tod ist ein Schatten.
Fiebrig, wie opiumsüchtig, sehnten die Leute den Strom herbei, Tag für Tag müder, und gaben trotzdem die Hoffnung nicht auf. Dann mussten beim ersten Frost die Reparaturen ganz eingestellt werden.
Der Winter war streng; das Volk hungerte – sodass der Kaiser, zu stolz, den englischen König oder den Zaren um Hilfe zu bitten, gezwungen war, einen größeren Armeebestand gegen Essensmarken auszugeben: Dosenfleisch, Medikamente, Zwieback.
Luftschiffe flogen die Hilfsgüter ein, Dampflaster brachten sie auf den Markt; stundenlanges Warten im Schnee, für etwas Mehl, ein wenig Schmalz. Immerhin liefen die Reservepumpen der Stadtwerke mit Waschbenzin, an Wasser mangelte es nicht. Nach einer freudlosen Weihnacht brach das Jahr ohne Böller und zischende Raketen an.
Januar.
Februar.
März, als passende Generatoren aus Übersee eintrafen, auch Tesla-Spulen, fabrikneu, mit polierter Kuppel – allein: zu spät; die Männer waren sprachlos geworden, die Frauen hysterisch vom Hunger und vom Leid; wund gelegen, verkrüppelt ohne Stromgliedmaßen, griffen sie, halb verrückt, nach einem Strohhalm, jedem Ehrenwort zum Trotz:
Morsezeichenschnell blieb das Gerücht im Umlauf, dass nahe Danzig ein Küstenabschnitt verschont geblieben sei: Dort lag der Zoppot, der beliebte Jahrmarkt, wo der geniale Erfinder zur Weltausstellung, 1903, seine Spule errichten ließ, um die Wunder der Technik zu preisen, bevor ein Vergnügungspark draus wurde.
Ein Himmelszeichen! Alle Gebete schienen erhört.
Endlich wieder laufen zu können, sich alleine zu waschen, seine Notdurft zu verrichten, für dieses Glück schien keine Strapaze zu viel. Schnell wurde aus einer Schar frommer Christen, die auf Pferdekutschen zur Ostsee aufbrachen, eine große Pilgerfahrt; Tausende Kranke folgten, als die Tage länger wurden – von heiligen Worten beseelt: Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war.
Ganze Familien brachen auf. Andere ließen ihre Verwandten im Stich, wenn sie loszogen, eine Decke eingepackt und Proviant – im Glauben, am Ende erlöst zu werden mit Strom, jener göttlichen Kraft, die Wissenschaft und Technik entfesselt hatten. Viele schafften es nicht.
Auf Photographien, vom Militär als geheim deklariert, war ein Karren mit gebrochener Achse zu sehen, beide Räder knietief im Dreck; ein Mädchen im Nachthemd, halbnackt; ein Bankier, dessen Motorwagen qualmte; Kinder, verloren am Wegesrand … und dazu die vielen Toten, Augen wie Milch, die Finger verkrümmt, die Haut voller Blutergüsse und blau, so lagen sie auf der Erde. Keiner wollte sie begraben.
Wütend prüfte der Major das Album durch, fluchte bei diesem Bild, schüttelte beim nächsten den Kopf, bis er die letzte Seite aufschlug; und was er dort fand, empörte ihn so, dass er vom Schreibtisch aufsprang, um ein Telegramm abzusetzen, das noch zur selben Stunde den Kaiser erreichte. Man musste diesen Wahnsinn beenden!
Mit schaufelnden Rotoren stieg der Zeppelin auf, während das Anwesen sacht zurückfiel, die Bäume, die Architektur der barocken Bögen, danach war alles ein Schachbrett aus Feldern und Dörfern und Straßen …
Der Kaiser in der Gondel ganz vorn, eine Hand am Geländer, den gelähmten Arm an die Hüfte gedrückt, schaute hinaus, seine Miene beschattet vom Gaskörper über ihm, als die Küste am Horizont näher rückte. Morgenlicht flimmerte auf den Propellern, blendete ihn und die großen Generäle, die ihm nahe standen. Am Boden flog die Eisenbahnstrecke dahin – nach Osten, Nordosten, wie eine Kompassnadel, nächste Stationen erst Lauenburg, dann Neustadt, durch Telegraphenbäume vernetzt, deren Kabel nicht länger summten; und keine Schuljungen mehr, die auf Drahteseln den Gleisen nachfolgten, dabei die Töne zu entschlüsseln versuchten, lachten, scherzten, sich mit der Welt verbunden fühlten. Keine Züge, die ratternd nach Danzig fuhren, keine Saatmaschinen auf den Äckern im Landkreis; auch die Straße schien so weit verlassen, bis auf wenige Schemen, die lose oder in Gruppen in der Dämmerung saßen und warteten …
Ebbe; gerade erst hatte die Flut eingesetzt, noch spähten die Möwen nach Würmern und Aas, und die Luft war erfüllt von ihrem Gekreisch, das bis zu den Brachen drang.
Hoch oben, vom Zeppelin aus, konnte man draußen auf einem Felsen das Gezeitenkraftwerk sehen: ein Backsteinhaus, weiß getüncht, für die Generatoren darin, und unter dem Meeresspiegel massige Tidenrohre, durch die das Wasser strömen konnte, um die Turbinen zu wälzen. Am Dach waren Leitungen quer über den Strand zu einer Klippe gespannt, dort stand ein Mast, vom nächsten gefolgt, der an der Küste weiterführte: So hing der Zoppot seit jeher am Netz und bezog allen Strom aus Wasser und Wind.
Außer dem Riesenrad, dessen Gondeln wie Tautropfen glänzten, lag der Jahrmarkt im Dunkeln – die Schiffschaukeln, der Kristallpalast und die Schießbuden; das Kabinett der lebendigen Wachsfiguren. Keine Orgel klimperte, sobald ein Karussell sich drehte, weder Gelächter noch Rufe, wohlige Schreie im Kuriositätenzelt angesichts der Gläser der Monster. Fort der süße Bonbonduft, verschwunden die Hunde, Bären und Affen, die ihre Kunststücke zeigten; die Jongleure, Eisenbieger, Feuerspucker, alle Farben und die Musik – nur Stille, die rauschte, als wäre eine Schellackplatte aufgelegt.
Es wurde taghell und erste, flache Wellen fluteten die Rohre, da erstrahlte die Teslaspule wie aus reinem Gold, so monumental, dass ihre Kuppel die Sonne verdeckte, weshalb das Jahrmarktportal schattig blieb … und das Lager vor seinen Toren: Planwagen, Zelte. Innen, hinter dem Tuch, zuckte Kerzenschein, verlosch, als die Pilger aus den Unterkünften traten.
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