Zögernd setzte Paul einen Fuß über die Schwelle – dann, mutiger, kletterte er aufs Bett und suchte Ecken und Rückwand ab. Weil er keine Löcher fand, drehte er sich auf den Po und ließ die Füße baumeln; erst verschnaufen; wobei ihm ein hölzerner Standrahmen auffiel, den er noch nie gesehen hatte.
Er griff danach.
Die Photographie war älter und an den Rändern verfärbt. Sie zeigte einen jungen Mann, winkend vor einem Fesselballon, der gerade zum Himmel aufstieg. Ringsum Schaulustige: Männer im Anzug, schwarz und mit Hut; die Damen in weißen Kleidern.
Die Sonne schien.
War das Rhombus? Im Schatten konnte Paul das Gesicht kaum erkennen, und so stand er auf, wollte nach dem Einmachglas greifen, doch Lisa war schon hereingekommen und stellte sich dazwischen. »Was machst du denn da? Wenn er spitzkriegt, dass du seine Sachen wegnimmst …«
»Ist er das?«, fragte Paul ungerührt und trat beiseite, um sich an ihr vorbeizudrücken.
»Geht dich nichts an. Gib her.« Sie packte das Bild – doch er riss es ihr aus den Fingern, die über das Glas quietschten. Kurz rangelten sie miteinander, Paul, im Schwitzkasten, hielt den Rahmen weit von sich gestreckt, ehe Lisa sich ganz auf ihn drauf warf und beide stolperten und umkippten:
Rücklings prallte er gegen das Bettgestell, ihre Maske traf sein Augenglas, das splitterte, aber nicht brach – und Sterne schossen durch seinen Kopf wie Feuerwerksraketen, danach explodierte der Schmerz, und brüllend schälte Paul das Gummi vom Gesicht ab: »Geh runter von mir!«
»Das … das wollte ich nicht«, stammelte Lisa, die hastig zur Seite plumpste. »Blutest du? Oh nein, du blutest.« Sie holte ein Schnupftuch aus der Tasche, zerknüllte es, drückte es ihm auf die Schläfe.
»Aua, nicht so fest«, knurrte Paul und wehrte sich. »Blöde Kuh!«
»Still jetzt. Leg den Kopf nach vorn.«
Dabei fiel sein Blick auf den Rahmen, den er beim Sturz verloren hatte: zum Glück, das Glas war noch heil – nur die Fotografie verrutscht; und darunter klebte ein zweites Bild, das unter dem ersten versteckt worden war:
Auf demselben Flugfeld stand eine junge Frau, die Hand zum Gruß erhoben, die andere auf einen Sommerhut gelegt, damit er nicht davonsegelte. Der Ballon wurde noch mit Sandsäcken beschwert, stattdessen schoss ein Propellerflieger im Tiefflug vorbei und wirbelte den Staub auf.
Der Himmel, dieser endlos weite Himmel.
Paul dröhnte der Kopf; und ein Druck im Bauch, als würde er fallen, herabtrudeln in die grelle, wolkenlose Fläche, um dann einen Bogen zu fliegen, die Tragflächen hochzureißen und durchzustarten, zur Sonne hin, näher, immer näher heran …
Ihm wurde schwarz vor Augen.
Außer der Kerze brannte kaum Licht; auch der Kamin war kalt. Sie saßen am Tisch, aßen eine Brotsuppe, die Lisa mit Leuchtpilzen gestreckt hatte: Ein geisterhafter Schein glänzte in ihren Augen; und Rhombus’ Gesicht, von unten bestrahlt, wirkte finster und alt, mit tiefen Falten gezeichnet.
Keiner sagte ein Wort.
Während sie ihre Teller leer löffelten, schaute Paul aus dem Fenster: kein Nebel mehr, der sich verflüchtigt hatte; sie hatten die Propeller abgestellt. Er betastete seine Schläfe, auf der ein großes Pflaster klebte, sie tat noch immer höllisch weh; dann griff er nach der Kelle, wollte sich einen Nachschlag einschenken, als Rhombus das Schweigen jäh unterbrach:
»Einen Knall hörten wir nicht von der Bombe, nur ein ohrenbetäubendes Brausen, bis der Stromwind die Kuppel erreichte und seine Blitze über die Scheiben peitschten, manche so dick wie ein Arm. Drinnen, bei uns, kühlte sich die Luft schlagartig ab. Eiskalt, dass einem der Atem auf den Lippen gefror. In Panik liefen die Leute los, suchten Schutz in den Kellern und Bunkeranlagen, und da ging ein Ruck durch die Stadt, alles verschwamm vor den Augen, die tränten, als hätte man Gas reingekriegt. Es roch nach verschmorten Kabeln und Äther. Ich packte meine Frau am Ärmel, zerrte sie die Treppen der Stadtwache runter, wo wir ein Notlager eingerichtet hatten, mit Rationen, Wasser und einem Telegraphen für den Lagebericht, und plötzlich, ich schaute zurück, weil ich den Stoff ihres Kleids nicht mehr spürte – und da war sie einfach verschwunden. Weg! Wie vom Erdboden verschluckt. Ich machte kehrt, die Stufen hoch, weil ich dachte, sie könnte raus gerannt sein, doch ich fand sie nicht wieder, weder oben noch auf der Straße, die völlig ausgestorben schien. Und kein Geräusch, nichts. Im Dunkeln, weil schon Asche auf dem Kuppeldach lag, habe ich Haus für Haus und Bunker für Bunker abgesucht, aber dort war keiner mehr. Alles verlassen. Alle fort … bis auf euch beide.« Er reckte das Kinn, presste die Lippen zusammen.
Erst jetzt goss Paul die Suppe in den Teller; davor hatte er reglos gewartet, den Kellenstiel lose in der Hand. »Wo sind wir gewesen?«, flüsterte er.
Zu seiner Überraschung gab Lisa ihm Antwort: »Meine Eltern hatten die Koffer gepackt und im Salon abgestellt. Das Grammophon spielte noch – schnell mussten wir das Haus verlassen, ich aber bin rauf ins Kinderzimmer, um meine Puppe zu holen, die auf dem Bett lag. Als ich runterkam, die Treppe hat gezittert und es war ein Geknalle wie von Schwefelböllern, stand unser Gepäck allein im Raum. Sofort bin ich raus auf den Hof, vielleicht stiegen sie ins Automobil ohne mich, doch niemand war da, weder Mama noch Papa und auch der Hund nicht. Dann bin ich weiter gerannt, auf die Straße … und fast über dich gestolpert. Du lagst mitten auf dem Bordstein. Erst lief ich an dir vorbei, ich hatte so Angst, aber ich hab kehrtgemacht nach ein paar Metern und dich aufgehoben und mit mir getragen; warum, weiß ich nicht mehr. Ach, warst du schwer! Bis zum Hoftor konnte ich dich noch weiterschleppen, dann wurden meine Knie weich und ich hab mich einfach auf den Boden gesetzt und geweint und nach meinen Eltern gerufen – wie lange, kann ich nicht sagen, nur dass es dunkel wurde um uns rum.«
Sie schaute Rhombus an, der ihr zunickte:
»Und dort fand ich euch schließlich, und seitdem sind wir beisammen.«
Mit einer Hand schob Paul den Teller von sich weg. Er dachte nach. »Ich wüsste so gern, wer meine Eltern waren«, sagte er leise. »Und wieso sind alle tot, außer uns?«
»Das ist verdammt schwer zu erklären«, antwortete Rhombus und stapelte den Teller auf seinen.
»Bitte«, flehte Paul. »Erzähl es mir endlich.«
Als Lisa den Tisch abräumte, holte Rhombus einen Stift und einen Block aus seiner Kammer und begann darauf zu zeichnen – viele kleine leere Kreise. »Die Bombe hat nicht nur das Land draußen zerstört«, erklärte er, »sie hat die Wirklichkeit auseinander gesprengt. Aus einer einzigen Welt, aus unserer Welt mit unserer Zeit, sind viele weitere geworden, jede für sich abgeschottet von den anderen.« Er tippte auf einen Kreis. »Weißt du, ich glaube nicht, dass die Menschen beim Angriff gestorben sind. Vielmehr ist es wohl so: Hier sind wir, wir drei, und vielleicht noch wenige Menschen mehr, außerhalb der Kuppel, in einer anderen Stadt.« Er tippte auf einen zweiten. »Und hier sind wieder welche drin, möglicherweise eure Eltern, meine Frau oder der Bürgermeister, eine Gruppe von Zinnsoldaten, wer weiß.« Die Spitze des Bleistifts sprang von Kreis zu Kreis. »Und hier sind welche, und hier drin auch und da und da … Verstehst du?«
»Weiß nicht so recht«, flüsterte Paul, der gebannt auf die Kreise starrte. Was malte der Alte da?
»Junge, ich sagte doch, dass es schwer ist. Also streng dich an!« Rhombus kritzelte Pfeile aufs Blatt. »Aber diese Welten, sie bewegen sich, mal aufeinander zu, mal voneinander weg. Je näher sie sich kommen, desto stärker wird die Phase, bis ihre Ränder sich kurz berühren, dann stoßen sie sich wieder ab wie Magneten … und die Beben werden schwächer. Aber da ist noch etwas …« Grob füllte er den weißen Zwischenraum mit schnellen Strichen aus; auch Lisa sah ihm dabei zu.
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