Einführung
Wir denken in Wörtern.
Wir sprechen in Wörtern.
In der Stille unseres Geistes hören wir die aus Wörtern bestehenden Botschaften unserer unterbewussten Gedanken, und zwar laut wissenschaftlichen Schätzungen sechzig- bis achtzigtausend Mal am Tag – ein schwindelerregendes Tempo.
Wie neue Belege vermuten lassen, geht die Macht unserer Worte weit über frühere Statistiken hinaus. Neueste Forschungsarbeiten bestätigen eine Theorie, die zum ersten Mal Anfang des 20. Jahrhunderts aufkam: Die Wörter unserer Alltagssprache haben einen direkten Einfluss darauf, wie unser Gehirn sich »vernetzt«, also wie wir denken und sogar was wir überhaupt zu denken vermögen.
Die Entdeckung
Die Entdeckung der Beziehung zwischen Wörtern und Gehirn ist keineswegs einer gut koordinierten Forschung in einem hochmodernen Labor zu verdanken, die nach einer solchen mystisch klingenden Verbindung sucht, sondern ist vielmehr das Ergebnis einer unerwarteten Erkenntnis, die auf einem ungeplanten Lehrauftrag beruht: Im Zeitraum von 1937 bis 1938 sprang der amerikanische Linguist Benjamin Lee Whorf als Ersatzlehrer einer Graduiertenklasse für indianische Sprachwissenschaft ein. Whorf vertrat einen Kollegen, der ein Sabbatjahr einlegte. Damals fiel ihm eine bisher übersehene Nuance in der Sprache der nordamerikanischen Hopi-Indianer auf, wo Alltagsereignisse ohne Zeiterfahrung oder Zeitbezug beschrieben werden. Die Sprache der Hopi verwendet Wörter für den gegenwärtigen Moment und für das, was im Moment geschieht, verfügt aber über keine Wörter, die die Vergangenheit oder die Zukunft direkt beschreiben.
Dieser Sprachgebrauch führte zu einem Paradigmenwechsel. Whorf entdeckte daraufhin, dass unsere Worte die Art und Weise beeinflussen, wie unsere Neuronen miteinander verbunden sind – eine Entdeckung, die die wissenschaftlichen Überzeugungen seiner Zeit erschütterte und heute noch umstritten ist, aber auch gefeiert wird. 1
Sprache, die den Moment beschreibt
Whorfs Entdeckung wird perfekt veranschaulicht am Beispiel von Blitzen am Himmel bzw. der Art, wie die Indianer diese Erfahrung erleben. In der Sprache der Hopi wird ein Blitz in Form eines Verbs, also eines Vorgangs, beschrieben, und nicht als Substantiv für etwas Existierendes. Sie sagen so etwas wie »Es ist blitzend«, weisen also darauf hin, dass der Blitz in einem Seinszustand ist; sie betrachten »den Blitz« nicht als ein natürliches Objekt.
Auch wenn es um das Meer geht, wird die einzelne Welle nicht als Substantiv, nämlich als »die/eine Welle« beschrieben; die Hopi betrachten die Welle als Teil eines allumfassenden, lebendigen, gegenwärtigen, im Moment geschehenden Systems. Diese Denkweise spiegelt sich in der Sprache wider, die die Erfahrung beschreibt; sie sagen: »Es ist wellend«, so wie ein Blitzstrahl »blitzend« ist.
Die Worte eines lebendigen Universums
Dank dieser Wortstrukturen – so Whorfs Überzeugung – haben die Hopi ein so harmonisches Selbstverständnis; diese Wortstrukturen bestimmen ihre Lebensstruktur und ihren Blick auf ihre Beziehung zum Kosmos. In der Gesamtheit der Schöpfung sehen sie beispielsweise ein lebendiges Universum voller Verbundenheit, das vor langer Zeit aus einem harmonischen Urzustand hervorgegangen ist.
In diesem System der Einheit betrachten die Hopi Zusammenarbeit zwischen den Menschen und in der Natur als alltäglichen Ausdruck einer universalen Harmonie, die sich durch den gesamten Kosmos erstreckt.
Diese lebensbejahende Denkweise steht in scharfem Kontrast zur konventionellen wissenschaftlichen Perspektive, die das Universum als ein »totes« System auffasst, das vor langer Zeit aus einer Reihe von zufälligen, unglaublich glücklichen kosmischen Ereignissen entstand.
Mit dieser Weltsicht einer für uns günstigen Biologie führt die etablierte Wissenschaft unseren Ursprung und unseren Fortbestand auf einen erfolgreichen Wettbewerb oder auf das Überleben des Stärkeren – wie der Naturforscher Darwin es im 19. Jahrhundert nannte – bzw. auf die natürliche Selektion zurück. Doch wie uns die wissenschaftliche Spitzenforschung des 21. Jahrhunderts inzwischen sagt, ist diese Annahme einfach nicht wahr. Wie neue Entdeckungen in der Biologie, aber auch in anderen Biowissenschaften zeigen, ist Zusammenarbeit – nicht Wettbewerb und Konkurrenzdenken – die Grundregel der Natur. 2
Wörter können das Gehirn verändern
Die Beziehung zwischen Wörtern und Leben hat profunde Auswirkungen. Anscheinend bildet die Sprache, die wir verwenden – die Wörter, die wir auswählen, um uns zu beschreiben und unsere Gedanken, Gefühle, Emotionen und Überzeugungen anderen mitzuteilen –, tatsächlich den Rahmen für das von uns erlebte Eins- bzw. Getrenntsein, wenn wir denken und die Probleme des Alltags lösen.
Diese inzwischen nachgewiesenen Wort-Gehirn-Beziehungen haben nun die Tür zu einer noch tiefer gehenden Frage geöffnet: Könnten wir durch die Wahl bestimmter Wörter, mit denen wir unsere Herausforderungen angehen, womöglich unser Gehirn neu vernetzen und so neue Lösungsmöglichkeiten für unsere Probleme finden? Oder anders ausgedrückt: Können wir mithilfe bewusst gewählter Wörter bzw. Wortmuster tatsächlich anders denken und fühlen, wenn wir eine Krise durchleben, ein Trauma oder einen Verlust erleiden oder Notzeiten erleben? Die Antwort lautet kurz und knapp: Ja! Und die lange Antwort? Darum geht es im Rest dieses Buches. Wie wir auf den nachfolgenden Seiten sehen werden, war genau das die Überzeugung unserer Ahnen. Und sie erkannten diese machtvolle Brücke zwischen Worten und Biologie nicht einfach nur an, sondern nutzten ihr Verständnis in Form von Wortcodes in Zeiten der Not.
In ihrem Buch Die Kraft der Mitfühlenden Kommunikation: Wie Worte unser Leben ändern können greifen der Arzt Andrew Newberg und sein Koautor Mark Robert Waldman die Ideen Whorfs auf und erklären uns die Wort-Gehirn-Verbindung ganz genau. Sie beschreiben diese Beziehung klar und deutlich: »Ein einziges Wort hat die Macht, die Expression jener Gene zu beeinflussen, die physischen und emotionalen Stress regulieren.« 3
Newberg und Waldman decken zudem eine Beziehung zwischen unseren Worten und unserem Körper auf, die über die Gene hinausgeht und unsere Wahrnehmung der Realität beeinflusst. Dieses Phänomen nimmt im Thalamus seinen Anfang, einer kleinen Drüse im Zwischenhirn: Sie gibt Sinnesinformationen an Gehirnareale weiter, die diese Signale interpretieren, dementsprechend in Aktion treten und so unsere Wahrnehmung der Welt formen. Newberg und Waldman schreiben: »Mit der Zeit verändert sich in Reaktion auf unsere bewusst gewählten Worte, Gedanken und Gefühle auch der Aufbau des Thalamus, und nach unserer Überzeugung wirken sich diese Veränderungen im Thalamus darauf aus, wie wir die Realität wahrnehmen.« 4
Die Erkenntnisse, von denen sie berichten, erweitern die Menge an Beweismaterial, das die Macht der Worte und ihren möglichen Gebrauch in schwierigen Lebenssituationen offenbart.
Die Weisheitscodes
Whorfs Entdeckungen im 20. Jahrhundert und neueste Erkenntnisse aus Neurowissenschaft und Biologie erzählen dieselbe Geschichte, sie weisen auf dieselbe Beziehung hin. Unsere Worte beeinflussen unsere Körperchemie, die Neuronen im Gehirn und die Art der Vernetzung und Aktivierung unserer Neuronen, wodurch bestimmt wird …
• wie wir über uns selbst denken und unsere Probleme lösen;
• was wir überhaupt zu denken vermögen.
Diese Einsichten verleihen den Gesängen, Hymnen, Gebeten und Mantras, wie wir sie aus alten Traditionen kennen, eine neue Bedeutung. Jahrtausendelang haben Väter ihren Söhnen, Mütter ihren Töchtern, Schamanen anderen Schamanen, Heiler anderen Heilern präzise Worte und rituelle Sätze weitergegeben. Seit es die Schrift gibt, wurden diese Botschaften für zukünftige Generationen in heiligen Schriften und geheimnisvollen Glyphen bewahrt, die die Zeit überdauert haben. Heute finden wir das Erbe unserer Vorfahren an einigen der abgelegensten, isoliertesten und verborgensten Plätze auf der Erde: in Klöstern, Tempeln und Gräbern, den stummen Lagerstätten zeitloser Weisheit. Auch in den heiligen Schriften der spirituellen Traditionen unserer Welt ist dieses verbale Erbe aufgezeichnet.
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