Ich glaube, dass es für diejenigen von uns, die anderen Achtsamkeitsübungen anbieten, von Nutzen ist, die Vorzüge von Achtsamkeit bezogen auf Trauma zu kennen. Wenn ich mich hier mit diesem Thema befasste, zielt dies jedoch nicht darauf ab, Sie dahingehend auszustatten, dass Sie selbst als Traumatherapeut arbeiten können. Im Gegenteil, ich möchte Sie von der fixen Idee abbringen, dass das bloße Üben von Achtsamkeit ausreichend ist, um Traumatisierungen effektiv zu heilen. Als Achtsamkeitslehrer müssen wir der Versuchung widerstehen, Achtsamkeit zum Allheilmittel zu verklären oder in unserer Eigenschaft als Achtsamkeitspraktiker „automatisch“ zu wissen, was am besten für jemanden ist. Stattdessen glaube ich, dass unsere Aufgabe darin besteht, auf die Kraft und Komplexität von Traumata zu reagieren und zu lernen, was man tun kann, um die von einem Trauma betroffenen Kursteilnehmer und Klienten bestmöglich zu betreuen. Dazu gehört, dass wir uns über die vielen Dimensionen von Trauma – also die biologische, die psychologische und die soziale Dimension – weiterbilden und uns darüber informieren, welche Zusammenhänge es zwischen Trauma und Achtsamkeitsarbeit gibt. In Anbetracht der weiten Verbreitung von Traumata, auf die ich ja im letzten Kapitel eingegangen bin, ist diese Form der Selbstbildung essentiell, um Achtsamkeitsübungen auf eine sichere und transformative Art anbieten zu können.
ACHTSAMKEIT DEFINIEREN
Achtsamkeit ist eine moderne Übersetzung des Pali-Wortes sati. Pali ist eine Sprache indischen Ursprungs, die zur Zeit des Buddha gesprochen wurde. Der Begriff hat mehrere Bedeutungen: unter anderem „Präsenz des Geistes“, „Erinnerung“ und „klares Gewahrsein“. Die Definition von Achtsamkeit, die ich benutze, stammt von Jon Kabat-Zinn, einem Molekularbiologen, dessen bahnbrechende Forschungen zur Rolle von Achtsamkeit bei der Stressreduktion den Grundstein für ihre inzwischen beachtliche Popularität legte. Kabat-Zinn definierte Achtsamkeit als „bestimmte Form der Aufmerksamkeit, die absichtsvoll ist, sich auf den gegenwärtigen Moment bezieht und nicht wertend ist“. (1994, S.4)
Lassen Sie uns diese Definition im Kontext der individuellen Formen von Trauma aufschlüsseln.
Absichtsvolle Aufmerksamkeit
Die erste Komponente von Achtsamkeit ist, absichtsvolle Aufmerksamkeit zu schenken. Gemeint ist, dass wir lernen, unsere Aufmerksamkeit absichtsvoll zu steuern und ausdauernd aufrechtzuerhalten. Es verhält sich ähnlich wie mit einer Taschenlampe, die man in einen dunklen Raum hält: ohne Achtsamkeit driftet unsere Aufmerksamkeit ziellos von einer Ecke zur anderen. Mit Achtsamkeit können wir die Taschenlampe jedoch gezielt auf bestimmte Punkte richten. Dies kann Aufmerksamkeit auf Empfindungen sein, die durch unseren Atem entstehen, oder es kann die Beobachtung unserer Emotionen beinhalten. Absichtsvolle, achtsame Aufmerksamkeit hilft, einen wandernden Geist zu zügeln.
Traumatischer Stress hat weitreichende Auswirkungen auf die Aufmerksamkeit. Menschen mit posttraumatischem Stress reagieren oft reflexartig auf traumarelevante Stimuli in ihrer Umgebung – besonders Geräusche, Gerüche oder Anblicke, die sie mit dem traumatischen Erlebnis assoziieren. Nick wurde bei jedem Mann bange, der seinem Vater ähnlich sah, und sein Körper versteifte sich. Dies ist einer der Gründe, weshalb Achtsamkeit im Kontext von Trauma so kraftvoll sein kann: Mit Übung können Traumaüberlebende lernen, ihre Aufmerksamkeit auf eine zielgerichtete Art zu lenken, die ihnen dabei hilft, innerlich stabil zu bleiben. Statt ihrer Aufmerksamkeit ausgeliefert zu sein, können sie so ihre „Taschenlampe“ stabilisieren und ein Gefühl der Handlungsfähigkeit und Kontrolle zurückgewinnen.
Im gegenwärtigen Augenblick
Das zweite Element von Kabat-Zinns Definition der Achtsamkeit ist, dem Augenblick Aufmerksamkeit zu schenken. Wir üben uns darin, unsere Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt zu verankern, statt uns in Gedanken über die Vergangenheit oder Zukunft zu verlieren. Dies ist in der Tat der einzige Moment, den wir haben – eine „fortlaufende Welle vorüberziehender Zeit“. (Gunaratana, 1996, S. 152) Wie die buddhistische Lehrerin Sylvia Boorstein schrieb: „Achtsamkeit ist die bewusste, ausbalancierte Aufmerksamkeit für die augenblickliche Erfahrung. Komplizierter ist es nicht. Man öffnet sich dem gegenwärtigen Augenblick oder empfängt ihn, als angenehm oder unangenehm, so, wie er ist.“ (1995, S. 60).
Für Traumaüberlebende ist der Augenblick jedoch oft voll von Erinnerungen an die Vergangenheit. Wie Nick erfahren musste, können nicht integrierte Fragmente des Traumas – desorientierende Gedanken, qualvolle Erinnerungen oder irritierende physische Empfindungen – jederzeit in das Bewusstseinsfeld der Traumaüberlebenden vordringen. Diese Beeinträchtigungen können dazu führen, dass Traumaüberlebende den Augenblick durch die Linse einer schmerzhaften Vergangenheit wahrnehmen. Mithilfe von Achtsamkeit können sie jedoch lernen, ihre Aufmerksamkeit in der Gegenwart zu verankern. Wie die Traumaspezialistin Babette Rothschild in The Body Remembers, Volume 2: Revolutionizing Trauma Treatment schrieb: „Die Fokussierung der Achtsamkeit auf den Augenblick ist ein offensichtliches und natürliches Gegenmittel bei PTBS, ein Zustand, in dem Geist und Körper des Traumaüberlebenden kontinuierlich in Erinnerungen an die schreckliche Vergangenheit hineingerissen werden.“ (2017, S. 166) Natürlich macht das die Traumaheilung weder leichter, noch kann Achtsamkeit potenzielle Komplikationen verhindern, wie Rothschild selbst anmerkt. Aber zu lernen, in der Gegenwart verwurzelt zu bleiben, während man ein nicht integriertes Element des Traumas wiedererlebt, ist eine wesentliche Fähigkeit im Traumaheilungsprozess.
Nicht wertende Aufmerksamkeit
Die dritte Komponente der Achtsamkeit ist nicht wertende Aufmerksamkeit. Dies bedeutet, unserer Augenblickserfahrung mit einer Haltung der Neugierde und Akzeptanz zu begegnen. Statt die Stimmung, in der wir sind oder Erinnerungen, die wir haben, zu werten oder abzutun, üben wir, offen und neugierig zu bleiben. Damit ist nicht gemeint, dass wir unser kritisches Denken aufgeben oder eine Laisser-faire-Haltung annehmen müssen. Stattdessen können wir Achtsamkeit dazu nutzen, weniger defensiv zu sein und uns den Dingen zu öffnen, die tatsächlich in der Welt geschehen. „Was auch immer wir erfahren mögen“, schrieb der buddhistische Mönch Bhante Gunaratana, „Achtsamkeit akzeptiert es eben. … Kein Stolz, keine Scham, nichts Persönliches steht auf dem Spiel – was da ist, ist da.“ (1996, S. 151)
Nicht wertende Aufmerksamkeit kann für Traumaüberlebende eine große Herausforderung sein. Wie gesagt, kann Trauma Scham und Selbstverurteilung verursachen. Bei Traumaüberlebenden kann es soweit kommen, dass sie sich selbst für ihr Trauma verantwortlich machen oder dass sie glauben, gebrochen und unfähig zur Heilung zu sein. Die Forschung hat belegt, dass, je stärker die Traumasymptome ausgeprägt sind, desto wahrscheinlicher es ist, dass der Traumaüberlebende selbstkritisches Verhalten zeigt. 60Obwohl Traumaüberlebende gerechtfertigte Wut, Ärger oder Rage gegenüber den Menschen oder Institutionen verspüren, die ihnen das Trauma zugefügt haben, ist es weitverbreitet, dass Traumaüberlebende die Kraft ihrer Emotionen nach innen, gegen sich selbst richten.
Achtsamkeit bietet Wege, mit dem wertenden Geist zu arbeiten. Wenn es Traumaüberlebenden gelingt, ihrer Erfahrung mit Neugierde zu begegnen – und vielleicht sogar mit Selbstmitgefühl –, öffnen sie sich der Möglichkeit, ihre Gegenwart und Vergangenheit mit offenem Herzen und Geist zu untersuchen. In einer Sitzung schlug ich vor, dass Nick seine Hand auf die Stelle legte, an der er die größte Wut spürte, und dass er versuchte, neugierig gegenüber den Empfindungen und Emotionen zu sein, die er dort vorfand. Oft schalt er sich dafür, diese Gefühle zu haben – als trüge er die Schuld an den Misshandlungen seiner Kindheit. Aber mithilfe von Achtsamkeit begann er, statt Frustration und Selbstabwertung mehr Liebe und Mitgefühl für sich selbst zu spüren. Das konnte der Auftakt zu einem stabileren und ausgeglichenen Leben sein. Eine Minute lang ruhte Nicks Hand auf seinem Bauch, er atmete ein und seine Stirn begann sich zu entspannen.
Читать дальше