Ich will damit nicht sagen, daß wir die Gegebenheiten des modernen Lebens ignorieren können oder sollten. Wir können nicht ohne die Befriedigung von Grundbedürfnissen überleben, und es ist wichtig, daß wir praktisch orientiert sind und weitverbreitete Ansichten respektieren. Aber wir sollten versuchen, alles in die richtige Perspektive zu rücken. Es ist unbedingt erforderlich, daß wir uns darüber klarwerden, wer wir sind, wo wir stehen, was wirklich wertvoll ist und wie man in der Welt leben soll.
Wenn wir unbedacht sind und unseren Geist durch gewohnheitsmäßiges Festhalten an allem und jedem starr und angespannt werden lassen, werden unsere negativen Gewohnheiten unsere Empfindung von Frieden aufzehren. Im Udanavarga heißt es:
Aus Eisen geht Rost hervor,
und Rost zerfrißt das Eisen.
Desgleichen führen uns die unbedachten Handlungen,
die wir begehen,
infolge von Karma zu höllischem Leben.
Ein unbedeutender Vorfall, der sich zu Beginn meines Flüchtlingsdaseins zutrug, hat mich stark beeindruckt. Ich war mit einigen Freunden in Kalimpong eingetroffen, einer hübschen Stadt im indischen Himalaya-Bergland. Hoch oben auf einer Anhöhe in der Nähe eines Friedhofs machten wir halt, um Tee zuzubereiten, da wir müde und hungrig waren und nicht genug Geld hatten, um in ein Gasthaus zu gehen.
Ich begab mich auf die Suche nach ein paar größeren Steinen und Holz für die Herdstelle. Als ich die andere Seite der Anhöhe erreichte, erblickte ich einen alten Mönch mit einem großen Gesicht und kleinen, leuchtenden Augen; er war wahrscheinlich Ende Siebzig oder Anfang Achtzig. An seinem runden Gesicht und den hohen Backenknochen erkannte ich, daß er ein Lama aus der Mongolei war. Er saß in einem winzigen Raum im hinteren Teil eines alten Hauses; die Tür und das Fenster des Zimmers standen weit offen. Es mochte etwa zweieinhalb mal zweieinhalb Meter groß sein. In ebendiesem kleinen Raum meditierte, las, kochte und schlief er; hier unterhielt er sich mit den Leuten und saß dabei den ganzen Tag im Schneidersitz auf demselben Bett. Er hatte einen kleinen Altar mit ein paar religiösen Gegenständen und Schriften auf einem kleinen Brett an der Wand. Neben seinem Bett befand sich ein winziger Eßtisch, der ihm auch als Studierpult diente. Dicht bei dem Tisch befand sich ein kleiner Holzkohlenherd, auf dem er sich gerade eine kleine Mahlzeit kochte.
Sein Gesicht hellte sich schlagartig mit einem gütigen und freudigen Lächeln auf, wobei er mich fragte: »Wonach suchen Sie?« Ich sagte: »Wir sind eben hier angekommen, und ich suche nach etwas Brennmaterial und nach Bausteinen für einen Ofen zum Teemachen.« Mit sanfter Stimme sagte er: »Viel gibt es ja nicht zu essen, aber möchten Sie mir vielleicht Gesellschaft leisten und die Mahlzeit mit mir teilen, die ich grade zubereite?« Ich dankte ihm, lehnte aber höflich ab. Meine Freunde warteten ja auf mich. Darauf sagte er: »Dann warten Sie einen Augenblick. Ich koche zu Ende, und Sie können sich meinen Herd ausleihen. Es ist noch genügend Holzkohle darin; das reicht Ihnen zum Teemachen.«
Ich war ganz überwältigt von dem, was ich da erlebte. Er war sehr alt, und offenbar konnte er sich nur mit Mühe über Wasser halten. Dennoch waren seine winzigen Augen voller Güte, seine anmutigen und würdigen Züge waren voller Freude, sein offenes Herz war voller Eifer zu teilen, und sein Geist war friedvoll. Er redete mit mir wie mit einem alten Freund, obwohl er mich gerade zum erstenmal gesehen hatte. Eine Art prickelnde Empfindung des Glücks und Friedens, der Freude und Verwunderung ging durch meinen Körper. Ich hatte den Eindruck, daß dieser Greis sich aufgrund seines geistigen Naturells und seiner spirituellen Stärke als einer der reichsten und glücklichsten Menschen der Welt hervortat. Doch vom Standpunkt der materialistischen Welt aus war er obdachlos, stellungslos und ein hoffnungsloser Fall. Er hatte keine Ersparnisse, kein Einkommen, keinen familiären Rückhalt, keine Sozialleistungen, keine staatliche Beihilfe, kein Heimatland, keine Zukunft. Vor allen Dingen konnte er sich als Flüchtling in einem fremden Land mit den Einheimischen wohl nicht einmal richtig verständigen. Noch heute muß ich, wenn ich an ihn denke, einfach vor Verwunderung den Kopf schütteln und ihm von Herzen meine Hochachtung aussprechen. Ich möchte hinzufügen, daß er nicht die einzige Person von solchem Naturell war, die mir begegnet ist. Es gibt viele schlichte, aber große Wesen.
Den Weg zur Heilung einschlagen
Das Lockern unseres Festhaltens an einem Selbst bringt uns Geistesfrieden, und wenn wir den haben, kann nichts uns Schaden zufügen. Auch wenn wir leiden, wird uns die rechte Einstellung helfen, unsere Emotionen gelassener zu tragen. Um aus Meditationstechniken, die auf die Stärkung unseres Geistes abzielen, gleich von Anfang an Nutzen zu ziehen, ist es wichtig, die betreffenden Unterweisungen frei von vorgefaßten Meinungen und vorschnellen Urteilen zur Kenntnis zu nehmen. Entdecken wir darin etwas, das wir nachvollziehbar finden und für unsere Erfordernisse zweckmäßig, dann sollten wir diese Technik mit vollem Einsatz zielstrebig in die Tat umsetzen – ohne Zögern, frei von Erwartung oder Zweifel. Gläubiges Vertrauen ist ein wirkungsvolles Heilmittel. Wenn wir unseren Geist einfach öffnen, dann werden wir vielleicht überrascht sein über unsere innere Stärke.
Durch die Schulung des Geistes entwickeln wir eine warmherzige Gesinnung; sie kann uns zu einem offeneren, flexibleren Gewahrsein führen. Obwohl nicht jede Technik, die ich hier vorstellen werde, in allen Einzelheiten der überlieferten, in den Schriften gelehrten Schulung entspricht, basieren die Vorschläge allesamt auf den Prinzipien und der Weisheit des Buddhismus. Das Ziel besteht darin, inneren Frieden hervorzubringen. Dazu entwickeln wir beispielsweise solche Qualitäten wie positive Wahrnehmung oder die Fähigkeit, alles, was uns widerfährt, nicht als Hindernis zu erleben, sondern in einen unterstützenden Faktor umzuwandeln.
Eine weitere wichtige Eigenschaft ist Hingabe. Sie ist bei jeder spirituellen Übung erforderlich; man muß sie jedoch nicht in einem religiösen Sinn auffassen. Für jemanden, der einen weltlich-profanen Ansatz vorzieht, könnte Hingabe einfach gleichbedeutend sein mit dem Entwickeln innerer Weisheit und einer tiefgehenden Aufgeschlossenheit für uns selbst, für andere Menschen und für die Welt ganz allgemein. Das Gebet bietet einem spirituellen Menschen die Möglichkeit, Energie so zu kanalisieren, daß sie Hingabe zum Ausdruck bringt, statt sich in ziellosem Geplapper zu vergeuden. Die weltlich-profane Variante des Gebets besteht darin, unsere glücklichen und freudigen Empfindungen mit eigenen Worten auszudrücken, die wir still oder auch laut sprechen können.
Für Mahayana-Buddhisten, denen daran gelegen ist, Probleme umzuwandeln und das Selbst aufzulösen, gilt das Mitgefühl als besonders heilsames Werkzeug. Wenn wir uns anderen zuwenden, kann dies die Starrheit des Ich allmählich mildern. Obwohl das letztendliche Ziel spiritueller Schulung darin liegt, frei und unabhängig zu werden von dem, was sich außerhalb des Geistes befindet, empfiehlt der Buddhismus engagierte Teilnahme an der Welt als positive Übung auf dem wahren Weg. Diese kann beispielsweise beinhalten, daß man anderen dient, Organisationen und Institutionen gründet, um anderen zu helfen, ihnen Schutz bietet, Geschenke verteilt, Gebete spricht und seine Achtung bezeugt. Selbst der ganz alltägliche Umgang mit anderen Menschen kann viel Gutes erbringen, wenn wir lernen, uns jeder Person, mit der wir zusammen sind, zu erfreuen und sie zu respektieren. Shantideva schreibt:
Wenn du sprichst, dann sprich ungezwungen,
nichts Belangloses, klar und freundlich,
ohne Begierde und Haß,
in sanftem Tonfall und nicht übermäßig lange.
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