In innerem Frieden, ohne emotionale Beschwerden zu leben und uns von unserem Festhalten an einem »Selbst« zu lösen, ist der tibetischen Heilkunde zufolge das ultimative Mittel für geistige und ebenso für körperliche Gesundheit.
Was ist dieses »Selbst«, das nun schon verschiedentlich in diesem Buch angesprochen wurde? Die buddhistische Auffassung davon ist für Menschen außerhalb dieser Überlieferung mitunter schwer zu verstehen. Obwohl Sie meditieren können, ohne zu wissen, was hier unter diesem »Selbst« verstanden wird, werden einige Hintergrundinformationen dazu es Ihnen leichter machen, die später dargelegten Heilübungen durchzuführen.
Die Sprache kann recht unzuverlässig sein, wenn wir über große Wahrheiten reden. Im alltäglichen Sprachgebrauch ist es ganz natürlich und in Ordnung, von »mir selbst« und von »dir selbst« zu sprechen. Ich denke, wir können uns darauf einigen, daß Selbsterkenntnis gut ist und daß Selbstsucht uns unglücklich machen kann. Aber gehen wir ein bißchen weiter: Untersuchen wir die tiefere Wahrheit über das Selbst, so wie die Buddhisten es sehen.
Warum wir leiden
Unser Geist verursacht sowohl die Erfahrung von Glück als auch von Leid, und die Fähigkeit, Frieden zu finden, liegt in uns. Seiner wahren Natur nach ist der Geist friedvoll und erleuchtet. Jeder, dem dies klar wird, befindet sich schon auf dem Weg zur Weisheit.
Im Buddhismus ist das Prinzip der zwei Wahrheiten von zentraler Bedeutung – der absoluten und der relativen Wahrheit. Die absolute Wahrheit besteht darin, daß die wahre Natur unseres Geistes und des Universums erleuchtet, friedvoll und vollkommen ist. Unter der wahren Natur des Geistes versteht der Nyingma-Buddhismus die Vereinigung von Gewahrsein und Offenheit.
Die relative oder konventionelle Wahrheit besteht darin, daß die Welt innerhalb des gesamten Spektrums des gewöhnlichen Lebens – des flüchtigen, vergänglichen irdischen, zwischen Geburt und Tod verlaufenden Lebens, das Buddhisten Samsara nennen – als ein Ort des Leids, des unaufhörlichen Wandels und der Verblendung erfahren wird; denn das Antlitz der wahren Natur unseres Geistes und des Universums ist durch unsere geistigen Gewohnheiten und emotionalen Beschwerden verdunkelt, die in unserem Festhalten an einem »Ich« verwurzelt sind.
Im westlichen Denken bezeichnet die Vorstellung von einem »Ich« oder »Selbst« normalerweise unsere »Persönlichkeit« oder das Ichbewußtsein von »ich, mich betreffend und mein«. Der Buddhismus bezieht diese Bedeutung mit ein, versteht aber unter »Selbst« auch jedes Phänomen oder Objekt – schlechthin alles –, sofern wir daran festhalten, als ob es etwas wirklich und wahrhaftig Existierendes wäre. Es könnte das Selbst/Ich einer anderen Person sein, das Selbst eines Tisches, das Selbst von Geld oder das Selbst eines Gedankens.
Halten wir an diesen Dingen fest, dann erfahren wir sie auf dualistische Weise, nämlich so, daß ein Subjekt an einem Objekt festhält. Daraufhin beginnt der Geist, die Dinge zu unterscheiden, voneinander zu trennen und mit Bezeichnungen zu versehen – etwa in Form des Gedankens, daß »ich« »das« mag oder daß »ich« »das« nicht mag. Wir denken möglicherweise, »das« sei schön, und begehrliches Anhaften kommt auf, oder »das« sei nicht so schön, und dann tun wir uns womöglich schwer damit. Wir sehnen uns vielleicht nach etwas, das wir nicht haben, oder befürchten zu verlieren, was wir haben, oder sind deprimiert, wenn wir es verloren haben. Während unser Geist zunehmend angespannter wird, verspüren wir immer mehr Erregung oder Kummer: Das ist der Kreislauf des Leidens.
Mit unserem »relativen« oder gewöhnlichen Geist greifen wir nach einem »Selbst«, als ob es fest und konkret wäre. Das Selbst ist jedoch eine Illusion, weil in der Erfahrung von Samsara alles flüchtig ist, sich wandelt und dem Ende zueilt. Unser gewöhnlicher Geist stellt sich das Ich als ein unabhängiges Gebilde vor, das wahrhaft existiert. Aber nach buddhistischer Anschauung existiert das Selbst nicht wirklich. Es ist kein fest umrissenes oder kompaktes Ding, sondern bloß eine vom Geist bezeichnete Festlegung. Das Selbst ist auch kein unabhängiges Gebilde. Nach buddhistischer Anschauung steht alles in einer Beziehung wechselseitiger Abhängigkeit, so daß es nichts gibt, dem wahre Unabhängigkeit zukäme oder wesensgemäß wäre.
Das Kausalgesetz wird im Buddhismus Karma genannt. Jede Handlung hat eine ihr entsprechende Wirkung; alles ist voneinander abhängig. Samen wachsen zu grünen Schößlingen heran, dann zu Bäumen, dann zu Früchten und Blüten, die wiederum Samen produzieren. Das ist ein sehr einfaches Beispiel für das Kausalprinzip. Karmisch bedingt formen wir durch unsere Handlungen unseren Lebenskreis, »unsere« Welt. Vasubandhu, der größte Metaphysiker innerhalb des Mahayana, schrieb: »Aufgrund von Karma [Taten] werden mannigfaltige Welten geboren.«
Festhalten schafft negatives Karma – unsere negativen Neigungen und Gewohnheiten. Aber nicht alles Karma ist negativ, obwohl manche Menschen irrtümlicherweise dieser Meinung sind. Wir können auch positives Karma schaffen, und genau darum geht es bei der Heilung. Das starre Festhalten an einem Selbst oder Ich schafft negatives Karma. Positives Karma führt dazu, daß wir unseren Griff lösen, und während wir innerlich loslassen, finden wir unseren friedvollen Mittelpunkt und werden glücklicher und gesünder.
Wir alle sind Buddha
Buddhisten glauben, daß alle Wesen Buddha-Natur besitzen. Unserer wahren Natur nach sind wir alle Buddhas. Das Antlitz unserer Buddha-Natur wird jedoch vom Karma und den von ihm hinterlassenen Einprägungen verdunkelt, die im Festhalten an einem Selbst wurzeln – geradeso wie die Sonne von Wolken verdeckt wird.
Darin, daß sie ihrer wahren Natur nach vollkommen sind, sind alle Wesen einander völlig gleich und eins. Wir wissen: Wenn unser Geist natürlich, entspannt und von geistigem oder emotionalem Druck und Umständen, die uns aus der Fassung bringen, unbelastet ist, dann erfahren wir Frieden. Dies belegt, daß die nicht verunreinigte Natur des Geistes friedvoll und von allem Unbehagen frei ist. Obwohl diese Weisheit, die uns innewohnende wahre Natur, von geistigen Befleckungen verdeckt ist, bleibt sie vollkommen und klar. Nagarjuna, der Begründer der Schule des Mittleren Weges im Mahayana-Buddhismus, schreibt:
Wasser in der Erde bleibt makellos.
Desgleichen bleibt die Weisheit
in den emotionalen Beschwernissen makellos.
Nagarjuna spricht von Frieden und Freiheit als unserer eigenen »letztendlichen Sphäre«, die immerfort in uns ist; wir müssen sie nur erkennen:
Obwohl im Schoß einer Schwangeren
ein Kind ist, können wir es nicht sehen.
Desgleichen sehen wir unsere »letztendliche Sphäre« nicht,
die von unseren emotionalen Beschwernissen verdeckt wird.
Der Friede ist in uns; wir brauchen nicht anderswo nach ihm zu suchen. Indem wir anwenden, was Buddhisten »kunstvolle Mittel« nennen – dazu gehören auch Meditationsübungen –, können wir diese letztendliche und höchste Zufluchtsstätte enthüllen. Nagarjuna beschreibt die letztendliche Sphäre – die große Offenheit, die Vereinigung von Geist und Universum – wie folgt:
Wie durch das Buttern der Milch ihre Kernsubstanz,
die Butter, makellos rein zum Vorschein kommt,
Tritt durch das Läutern mentaler Beschwernisse
die »letztendliche Sphäre« makellos rein zutage.
Wie eine Leuchte in einer Vase nicht offenkundig
sichtbar ist,
ist die »letztendliche Sphäre«, die von der Vase
mentaler Beschwernisse umschlossen wird, für uns
nicht sichtbar.
Wo immer du in der Wandung der Vase ein Loch machst – Aus ebender Stelle wird Licht von der Leuchte ausstrahlen. Wenn die Vase mentaler Beschwerden durch
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