In jenen dunklen Tagen war das Weisheitslicht des Buddhismus in meinem Herzen das einzige, was mich leiten und trösten konnte. War ein Problem lösbar und wert, sich damit zu befassen, dann versuchte ich, mich mit friedvollem Geist, offener Einstellung und frohem Mut seiner Lösung zu widmen. War das Problem unlösbar, dann versuchte ich, mich nicht durch sinnlose Vergeudung meiner Zeit und Energie zu verausgaben. In beiden Situationen versuchte ich, die Emotionen, die Fixierungen des Geistes loszulassen: nicht an ihnen festzuhalten, nicht bei ihnen zu verweilen, mich ihretwegen nicht zu beunruhigen; denn das hätte die jeweilige Situation nur verschlechtert. Shantideva sagt:
Wenn du dein Problem lösen kannst,
welchen Grund gibt es dann, sich zu beunruhigen?
Wenn du es nicht lösen kannst,
welchen Zweck hat es dann, sich zu beunruhigen?
Seit meiner Flucht nach Indien lebe ich nicht mehr in einer klösterlichen Gemeinschaft, noch befolge ich monastische Regeln. Aber die Bilder meiner klösterlichen Zufluchtsstätte in Tibet, voller Frieden und Freude, sehe ich noch immer lebhaft vor meinem geistigen Auge. Den Klang der gütigen, besänftigenden Worte der so überaus weisen und mitfühlenden Lehrer meiner Kindheit habe ich noch genau im Ohr. Doch vor allem ist die Erfahrung der Offenheit, des Friedens und der Stärke, die ich damals entwickelt habe, in meinem Herzen durch die Härten, die mir im Leben widerfuhren, verfeinert worden und hat größeren Glanz erhalten, geradeso wie man Gold verfeinert, indem man es erst zum Schmelzen bringt, um es dann zu schmieden. Jene Bilder, Worte und Erfahrungen waren in allem Kummer, allen Verwirrungen und Schwächen meines Lebens stets erleuchtende Leitvorstellungen und heilende Energien.
Dem Kerzenlicht eines friedvollen Geistes Schutz vor dem stürmischen Wind des Existenzkampfes zu bieten; außerdem Offenheit und eine positive Einstellung auszustrahlen, um damit andere zu erreichen – diese beiden Faktoren ermöglichten es mir, während schwieriger Zeiten weiterzumachen.
In vieler Hinsicht erwiesen sich die großen Tragödien meines Lebens im nachhinein als segensreich: Sie veranschaulichten die buddhistische Grundaussage, daß das Leben einem Trugbild gleicht, indem sie den trügerischen Schleier vermeintlicher Sicherheit wegzogen. Nicht der geringste Zweifel blieb mehr an der Heilkraft, die daraus erwächst, daß man sich vom Festhalten an einem Selbst frei macht.
1980 übersiedelte ich in die Vereinigten Staaten, das Land der Freiheit und des Überflusses. Im allgemeinen fällt es dem friedvollen Geist schwerer, die Attacken sinnlicher Freuden und materieller Reize zu überstehen als die von Schmerz und Leid. Aber meine buddhistischen Schulungen haben zur Folge, daß ich zwar am materiellen Wohlstand des Westens Gefallen finde, dabei aber um so mehr das einfache, derbe und natürliche buddhistische Leben meiner Kindheit in seinem vollen Wert schätzen lerne. Und je mehr ich mich an meinem spirituellen Leben im Buddhismus erfreue, desto mehr weiß ich überdies den Glauben, das Mitgefühl und die Freigebigkeit zu schätzen, die auf jüdischchristlichen, mit dem materiellen Wohlstand des Westens verknüpften Werten basieren; diese haben wiederum meine spirituelle Kraft gesteigert. Im Licht buddhistischer Weisheit lebend, blicke ich durch das Fenster der friedvollen Natur des Geistes unter allen Umständen auf die positiven Qualitäten, statt auf die negativen Eigenschaften einzugehen. Das ist der Kern des Heilungspfades.
1984 konnte ich zum erstenmal nach 27 Jahren meine Heimat Tibet besuchen. Es machte mich sehr froh, ein paar meiner alten Freunde und Verwandten wiederzusehen, die überlebt hatten; und es machte mich sehr traurig, erfahren zu müssen, daß die meisten meiner Lieben, deren Gesichter ich jahrelang in zärtlicher Erinnerung bewahrt hatte, und meine hochgeachteten Lehrer, deren Worte die Quelle meiner Heilung bildeten, umgekommen waren. Das Kloster, die Stätte der Gelehrsamkeit aus meiner Erinnerung, lag schon jahrzehntelang verlassen da; seine Mauern waren eingestürzt. Vor kurzem sind mehrere Mönche dorthin zurückgekehrt, um mit dem Wiederaufbau des Klosters zu beginnen und ihr klösterliches Leben wiederaufzunehmen.
Die meisten von ihnen konnten das Geschehene akzeptieren und von ihren unglücklichen Erfahrungen genesen, ohne jemand anderem die Schuld geben zu müssen. Freilich kann es einem vorübergehend wohltun, anderen die Schuld an seinem eigenen Mißgeschick zu geben, aber das endet immer damit, daß man noch größeren Schmerz und noch größere Verwirrung auslöst. Geschehenes ohne Beschuldigung zu akzeptieren – das ist der wahre Wendepunkt der Heilung. Es ist die Heilkraft des Geistes. Ebendeshalb schreibt Shantideva:
Wenn du jenen gegenüber schon kein Mitgefühl
entwickeln kannst,
die wegen ihrer emotionalen Gebrechen
[aus Unwissenheit und Wut]
gezwungen sind, dir zu schaden,
solltest du zumindest nicht wütend auf sie werden.
In Tibet suchen die Menschen religiöse Lehrer auf, um spirituelle Unterweisungen und ihren Segen zu erhalten oder um sie zu bitten, für die Lösung ihrer Probleme oder das Erreichen ihrer weltlichen oder spirituellen Ziele zu beten. Selten suchen sie Rat für psychische, soziale oder physische Probleme. In der westlichen Kultur hingegen werden Geistliche in den unterschiedlichsten Lebensfragen konsultiert. Seit meiner Ankunft in den Vereinigten Staaten kamen Freunde zu mir, um sich beraten zu lassen, sobald sie mit irgendwelchen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten. Zu meiner Verwunderung konnte ich ihnen für viele ihrer Probleme heilsame Lösungen vorschlagen: nicht etwa deshalb, weil ich mit irgendeiner therapeutischen Begabung, Heilkunst oder mystischen Kraft ausgestattet war, sondern weil ich mich in der Weisheit des Buddhismus geschult und die Geschicklichkeit erlangt habe, die Beschwernisse meines Lebens zu kurieren. Diese Erkenntnis regte mich dazu an, buddhistische Anschauungen und Übungen über das Heilen in Form eines Buches vorzulegen.
Dieses Buch ist ein praktischer Ratgeber für jeden, der Frieden finden und Kummer, Streß und Schmerz kurieren möchte; ein Kompendium von Unterweisungen zur Weisheit des Heilens, die ich den heiligen Schriften des Buddhismus und den sanft vorgetragenen Darlegungen großer Meister entnehmen konnte. Diese Weisheit wurde für mich und viele meiner Freunde die wirkungsvollste Quelle der Heilung. Dies sind überlieferte buddhistische Unterweisungen über das Heilen, und ich bemühe mich lediglich, sie an Sie weiterzugeben, ohne sie mit meiner eigenen Stimme und Meinung zu überschatten.
Das Buch hat drei Teile. Der erste vermittelt einen Überblick über die alltägliche Lebensführung und Meditation, die zur Heilung erforderlichen Voraussetzungen. Der zweite Teil stellt spezielle Übungen vor, mit deren Hilfe sich mentale, emotionale, soziale und spirituelle Probleme kurieren lassen. Physische Probleme sind am schwersten zu heilen. Aber auch bei ihnen können Übungen helfen, die Frieden, Stärke und positive Energie hervorbringen, den letztendlichen Quell unseres physischen Wohlbefindens. Der letzte Abschnitt stellt mehrere buddhistische Meditationen vor, in denen es nicht nur um Alltagsprobleme geht. Hier sollen vielmehr auch die Qualitäten eines Buddha erweckt werden, die in uns allen zu finden sind, und die unbegrenzte Heilkraft des Buddha-Geistes für uns und andere erschlossen werden.
Die Anleitungen und Ratschläge dieses Buches entstammen buddhistischen Unterweisungen, insbesondere einem kurzen, aber einzigartigen Text mit dem Titel Glück und Leid in den Pfad zur Erleuchtung verwandeln, von Dodrupchen Jigme Tenpe Nyima (1865–1926), einem der großen Lamas und maßgeblichen Gelehrten der Nyingma-Schule des tibetischen Buddhismus, und aus anderen Texten wie etwa Eintritt in das Leben zur Erleuchtung von Shantideva (8. Jahrhundert), einem der größten indischen Meister des Mahayana-Buddhismus.
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