Kapitel 2
Wer war Maria Montessori?
IN DIESEM KAPITEL
Die Geschichte einer freien und engagierten Frau
Vom ersten Kinderhaus zu einer vollständigen Lehrmethode
Die Ursprünge einer innovativen Pädagogik
Im Mai 1951 wurde von der AMI (Association Montessori Internationale) in London der neunte internationale Montessori-Kongress organisiert. An der Konferenz zum Thema »Bildung als Hilfe für die natürliche Entwicklung der kindlichen Psyche von der Geburt bis zur Universität« nahmen 150 Delegationen aus 17 verschiedenen Ländern teil. Mario Montessori, das Alter Ego seiner Mutter in ihrer Arbeit, sprach über ihre Methode. Bei den Abendveranstaltungen vermittelte Maria Montessori, damals 81 Jahre alt, ihre Bildungsphilosophie. Sie sprach vom Kind als »psychischem Embryo« mit der Fähigkeit, sich spontan »selbst zu erschaffen«, mithilfe einer mysteriösen inneren psychischen Kraft.
Maria Montessori ist in einem Zeitalter der Veränderungen, ja der Revolutionen geboren! Es ist also kaum erstaunlich, dass sie eine andere Denkweise über Dinge in der Bildung entwickelt hat. In jeder Phase ihres Lebens musste sie kämpfen, sich durchsetzen und neu erfinden. Dabei war sie nicht nur eine maßgebliche Figur im Bereich der Pädagogik, sondern auch eine freie und engagierte Frau, die sich jederzeit für ihre Mitmenschen eingesetzt hat. In ihrer Biografie entdecken wir eine wissenschaftliche und politische Persönlichkeit, deren Arbeiten die Schulen auf der ganzen Welt revolutioniert haben.
Maria Montessori ist am 31. August 1870 in Chiaravalle geboren, einer Stadt in der Provinz Ancona in Italien. Ihr Vater, Alessandro Montessori, war ein früherer Offizier aus einer adligen und sehr konservativen Familie. Er arbeitete in der Finanzdirektion eines Tabakunternehmens. Trotz seiner revolutionären Denkweise und seiner Ideale aus der Jugend wurde er ein angesehenes Mitglied des Bürgertums und hielt streng an seinem »guten Benehmen« fest. In diesem Zeitalter brachte es die Karriere in der Finanzverwaltung mit sich, dass man oft umziehen musste. Die Regierung schickte ihn von Unternehmen zu Unternehmen in unterschiedlichen Regionen. Seiner Familie blieb keine andere Wahl, als ihm zu folgen.
Die Mutter von Maria Montessori, Renilde Stoppani, ist die Nichte eines berühmten Priesters und Geologieprofessors in Mailand, der sein Leben lang versucht hat, die Dogmen der römisch-katholischen Kirche mit den modernen Naturwissenschaften zu verbinden. Sie war sehr gläubig und ging sehr liebevoll mit ihrer Tochter um, auch wenn immer die Autorität des Vaters wirkte!
Eine Gesellschaft im Umbruch
Mitten in der industriellen Revolution hatte Alessandro Montessori Schwierigkeiten, sich an die Dynamik der im Umbruch befindlichen Welt anzupassen. Seine Frau war sehr viel empfänglicher dafür und begrüßte den Wandel, zumal er auch eine hervorragende Zukunft für ihre einzige Tochter versprach.
Als Maria Montessori fünf Jahre alt war, wurde ihr Vater als Oberbuchhalter nach Rom versetzt. Damit hatten die ständigen Umzüge ein Ende, Alessandro gewann seine Stabilität zurück und konnte seinen beruflichen Aufstieg in Ruhe fortsetzen. Maria wuchs anschließend in der Hauptstadt auf und nutzte das riesige kulturelle Angebot in ihrer Umgebung in vollen Zügen.
Schon als Jugendliche hatte Maria Montessori konkrete Vorstellungen von ihrer Ausbildung. Und schon sehr früh begann sie, sich für Mathematik zu interessieren. Ihre Eltern wollten, dass sie Lehrerin wird, was ihrer Meinung nach ein hervorragender Beruf für die Mädchen der damaligen Zeit war, aber mit ihrem starken Charakter lehnte Maria das rundheraus ab. Sie wollte lieber Ingenieurwissenschaften studieren!
In den Vorlesungen, die sie besuchte, war sie das einzige Mädchen. Doch empfand sie diese Situation überhaupt nicht als unangenehm. Sie war von der Biologie fasziniert. Außerdem erklärte sie schnell, dass es ihre Berufung sei, Ärztin zu werden, etwas, das in Italien vor ihr noch keine Frau erreicht hatte. Ein absoluter Skandal! In dieser Zeit durften keine Frauen die medizinische Fakultät besuchen. Die Familienmitglieder und Freunde waren schockiert und gegen diese Entscheidung, und insbesondere ihr Vater verbot ihr, ihren Berufswunsch umzusetzen.
Nach einer langen Odyssee durfte sie schließlich studieren. Dennoch war dies sehr schwierig, weil ihr Vater strikt bei seiner Meinung blieb. Sie wurde nur von ihrer Mutter unterstützt, die an ihren Erfolg glaubte. Erst 1896, als Maria ihre Abschlussrede in Anwesenheit ihres Vaters hielt, erkannte dieser beim Anblick des begeisterten Publikums seinen Stolz, die erste Ärztin Italiens zur Tochter zu haben.
Nach ihrem Studium wurde sie 1896 als Delegierte Italiens zum Feministinnenkongress in Berlin geschickt. Anschließend ging sie nach London, um die Arbeitsbedingungen für Frauen und Kinderarbeit in den Bergwerken von Sizilien anzuprangern. Sie unterstützte Königin Victoria, die eine Bewegung gegen Kinderarbeit ins Leben rufen wollte. Bereits hier war ihre Sensibilität für dieses Thema deutlich zu erkennen.
In den Jahren 1897 und 1898 besuchte sie Kurse in Pädagogik an der Universität Rom und las alle Arbeiten, die in den letzten zwei Jahrhunderten auf dem Gebiet der Pädagogik und Philosophie geschrieben wurden. Sie interessierte sich besonders für die Studien von zwei französischen Ärzten: Jean Itard und Édouard Séguin, die sich durch ihre Arbeit an Kindern mit geistigen Defiziten auszeichneten. Gefesselt von deren Forschungen, wusste sie ab diesem Zeitpunkt, dass der Bildung ihr ganz besonderes Interesse galt.
Jean Itard (1774–1838)
Jean Itard war Mediziner an einem Institut für Gehörlose. Er ist bekannt für seine Arbeit an der Ausbildung eines Jungen, der wie ein Wilder in den Wäldern des Departements Averyon lebte. Mit dieser Arbeit versuchte er zu beweisen, dass Kindern mit Defiziten durch ein System der Pädagogik und nicht nur durch Medizin geholfen werden kann.
Édouard Séguin interessierte sich während seines Studiums bei Jean Itard speziell für geistig behinderte Kinder. Mithilfe von selbst erstellten Unterrichtsmaterialien gelang es ihm, einigen dieser Kinder das Lesen und Schreiben beizubringen.
Am 31. März 1898 gebar Maria Montessori ihren Sohn Mario, der aus einem Verhältnis mit ihrem Kollegen Dr. Montesano entstanden war. Auf den Druck beider Familien hin wurde die Geburt geheim gehalten. Der Säugling wurde in eine Pflegefamilie gegeben, weit weg von Maria am Rande von Rom. Sie besuchte ihn regelmäßig, verriet ihm aber nicht, dass sie seine Mutter war. Zu dieser Zeit hätte ein uneheliches Kind ihre Karriere ruiniert und alle Hoffnung auf Veränderungen zunichtegemacht.
Die Trennung erwies sich jedoch als sehr schmerzhaft, deshalb vertiefte sie sich in ihre Arbeit, mit dem Wunsch, allen Kindern eine bessere Zukunft zu verschaffen, worin sie Motivation fand. Mario lebte erst ab 1912 bei Maria, nach dem Tode ihrer Mutter.
Inspiriert durch die Arbeit von Jean Itard und Édouard Séguin, begann Maria Montessori, Vorträge über die Notwendigkeit eines spezifischen Unterrichts für Kinder mit Defiziten zu halten. Ihr Engagement führte zur Gründung einer staatlichen Schule für behinderte Kinder in Rom. Maria Montessori leitete diese Schule von 1899 bis 1901. Sie nahm sich die Zeit, die Reaktion der Kinder auf den von ihr angebotenen Unterricht zu beobachten und zu analysieren. So stellte sie fest, dass sich Kinder, die als »zurückgeblieben« galten, mit diesen neuen und angepassten Methoden in überraschender Weise entwickelten, sogar lesen und schreiben lernten und einige von ihnen sogar staatliche Prüfungen bestanden. Angesichts des Erfolgs ihrer Methoden, die von allen um sie herum als wundersam angesehen werden, stellt sich Maria die Frage: Was würde passieren, wenn dieselben Methoden bei Kindern ohne Behinderung angewendet würden? Wie würden »normale« Kinder reagieren, wenn man sie in ihrer Entwicklung anregt, statt sie zu unterdrücken und zurückzuhalten? Dies waren die ersten Schritte zur »Montessori-Pädagogik«.
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