Jürg leistet keinen Widerstand, er kann nicht mehr gegen seinen Körper und Geist ankämpfen.
Überraschend schnell bekommt er einen Termin für seinen Kuraufenthalt. Nach nur zwei Wochen, in denen er sich zuhause vor Scham und mit dem Gefühl des Versagens kaum aus dem Haus getraut hat, kommt die Zusage. Tatenlos sieht er zu, wie Susanne ihm den Koffer mit Freizeitkleidung, seinem Necessaire und ein paar Büchern packt.
Drei Stunden später steht Jürg in der Empfangshalle der auf die Behandlung von Erschöpfungsdepression spezialisierten Klinik Bergheim.
In der Phönix Versicherung zeigt man größtes Verständnis für die Situation von Jürg. Er soll sich ausruhen, wieder zu Kräften kommen, sich die Zeit nehmen, die er braucht. Manfred meldet sich persönlich bei ihm. »Schau, das ist doch, als ob du in einem Sabbatical wärst. Nimm dir acht Wochen Zeit. Und mach dir keine Sorgen, wir kommen ohne dich klar. Wir haben einen guten Stellvertreter für dich gefunden.« War er nicht unentbehrlich? Und jetzt: einfach abgeschoben. Ist das nur der Anfang vom Ende?
Zu Beginn wehrt sich Jürg heftig gegen die verordnete Auszeit. Er hat Angst, dass sein Zusammenbruch der Grund sein könnte, ihn endgültig »zu entsorgen«. Er kommt sich vor wie ein angezählter Boxer, der im Ring schwerfällig hin und her taumelt, kurz bevor er durch den nächsten Treffer k. o. geht. Er kann doch jetzt nicht tatenlos zusehen, wie seine Karriere den Bach runtergeht. Er liest die Mails auf seinem Handy, telefoniert mit seinem Stellvertreter, löchert seine Vertrauten nach Manfreds Äußerungen über ihn. Bald darauf meldet sich Jürgs persönlicher Betreuer aus dem HR-Department, fragt nach seinem Befinden und versichert ihm, dass es sich erst mal keine Sorgen um seine Arbeitsstelle zu machen brauche. Anrufe an Kollegen, Mitarbeitende und Vorgesetzte solle er allerdings konsequent unterlassen – nicht zuletzt aus versicherungstechnischen Gründen. Im Gegenteil, er solle sich ganz auf sich konzentrieren und sich möglichst rasch erholen.
Zwei Monate »Zwangsurlaub« – so ist es jetzt wohl. Jürg denkt an Kolleginnen und Kollegen, die ein ähnliches Schicksal getroffen hatte. Peter kommt ihm spontan in den Sinn, ein Arbeitskollege auf gleicher Hierarchiestufe. Er besuchte ihn vor Kurzem noch auf einen Kaffee. »Mach dir wegen Manfred keine Sorgen, Jürg. Ein Burn-out ist für ihn ein Zeichen, dass man vorher mit aller Energie für die Firma gebrannt hat. Es ist sozusagen ein Ritterschlag für Leistungsträger, den du da gerade erhalten hast. Es demonstriert deine Bereitschaft, vollen Einsatz für das Unternehmen zu leisten, und dass du gewillt bist, über deine eigenen Grenzen hinauszugehen.« Sein persönlicher Betreuer aus der HR-Abteilung sieht das allerdings anders: Er weist Jürg darauf hin, dass er Raubbau an seiner eigenen Gesundheit betreiben würde. Und darüber hinaus würde er erhebliche Kosten für die Behandlung, wie auch für den Arbeitsausfall und die entsprechende Lohnfortzahlung verursachen.
1 1Dirk Ruschmann, Genussfrei, gehetzt, kontrolliert: Warum Management keinen Spass mehr macht, 13. Januar 2020
2 2aus: Martin Suter, Unter Freunden und andere Geschichten aus der Business Class, Diogenes 2007, S. 143
3 3VUCA ist ein Akronym, erstmals 1987 verwendet und steht für Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity. VUCA war die Antwort des US Army War College auf den Zusammenbruch der UdSSR Anfang der 1990er. Plötzlich gab es nicht mehr den einen Feind, was neue Sicht- und Reaktionsweisen zur Folge hatte.
4 4Laut Google werden immer die zehn wahrscheinlichsten Autovervollständigungen einer Suchanfrage angezeigt. Quelle : https://www.blog.google/products/search/how-google-autocomplete-works-search/
5 5aus: Claudia Tödtmann: Gallup-Studie: Vorgesetzte schädigen die Firma, wenn sie das Thema Führung nicht beherrschen, Gallup, 2017
6 6aus: O.C. Tanner Learning Group, Performance Accelerated, 2017
7 7Peter Drucker zitiert in Marshall Goldsmith, Mark Reiter: What Got You Here Won't Get You There, Profile Books, New York, 2008
8 8Vgl. hierzu Paulina Purgal, Wertewandel der Y-Generation: Konsequenzen für die Mitarbeiterführung, Diplomica Verlag, 2015
9 9Ein Zitat von Henry J. Kaiser entnommen aus The Congressional Record, 24. August 1967
10 10Siehe: Marshall Goldsmith, Mark Reiter: What Got You Here Won't Get You There, Profile Books, New York, 2008
11 11Communications that result from little to no concern for truth, evidence and/or established semantic, logical, systemic, or empirical knowledge. John V. Petrocelli, Antecedents of bullshitting, Journal of Experimental Social Psychology, Volume 76, Mai 2018, S. 249
12 12Patrick Lencioni: Die 5 Dysfunktionen eines Teams überwinden – ein Wegweiser für die Praxis, Wiley-VCH Verlag GmbH, 2019
13 13Generation Y oder Millennials (zu Deutsch etwa »Jahrtausender«), seltener auch Generation Me, bezeichnet Menschen, die im Zeitraum der frühen 1980er bis zu den späten 1990er Jahren geboren wurden. Der Generation Z werden überwiegend diejenigen zugerechnet, die 1997 bis 2012 zur Welt gekommen sind.
14 14Studie von Mercuri Urval, September 2020
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