»Seit ich Sie kenne – immerhin seit ein paar Monaten –, managen Sie Ihr Leben und das Ihrer Tochter in absolut perfekter Manier. Sie sind immer gepflegt, geschminkt, Sie versorgen Ihre Tochter, erledigen den Haushalt, kümmern sich um die Katzen, halten Kontakt zu Ihren Freunden, Sie nehmen Ihre Untersuchungstermine zuverlässig wahr, kommen zu den CTs, Blutabnahmen, Infusionen ins Spital ...«
Ja, so soll es ja auch sein. Ich mache kein Geheimnis draus, dass ich schwer krank bin, aber es soll niemand drunter leiden müssen.
»Sie sind eine Kämpferin, ich hab den Eindruck, Sie lassen sich nicht unterkriegen. Aber bitte, Frau Knoll: lassen Sie ein bisschen nach!«
Ich verstehe nicht. Ich sehe nicht, wo ich weniger machen könnte. Wenn Dominique in der Schule ist, lege ich mich manchmal ein, zwei Stunden nieder. Dann hole ich sie mit dem Auto von der Bahn ab. Das könnte ich vielleicht sein lassen, denn weit ist es nicht zu Fuß von der Station bis zu uns nach Hause. Aber da ist das schlechte Gewissen, was ich meiner Tochter antue, dass sie Angst um mich haben muss.
Der Arzt schaut mich fragend an.
»Ich schlafe eh schon so viel ...«
»Schlafen Sie mehr. Schlafen Sie noch mehr. Schlafen Sie 20 Stunden. Stehen Sie nur mehr auf, um ins Bad zu gehen und um etwas zu essen oder trinken.«
Ich weiß, was er meint, und ich würde gerne. Aber wer soll dann kochen? Ich antworte nicht, habe den Eindruck, er nimmt mich im Moment nicht ernst. Wenn ich etwas nicht mache, bleibt es un-gemacht, was ich nicht tue, bleibt un-getan! Ist das so schwer zu verstehen?
»Ihr Körper, Frau Knoll, arbeitet seit Monaten täglich 24 Stunden lang unter höchstem Stress! Da spielt sich ein Töten und Absterben von Millionen und Abermillionen Zellen in Ihnen ab! Ich bemühe das Bild nicht gerne, aber: In Ihrem Körper herrscht Krieg! Die Millionen toten Zellen müssen abtransportiert werden und ausgeschieden, es müssen rasch neue gebildet werden. Im Moment ist Ihr Körper eine noch effizientere chemische Fabrik als sonst. Alles läuft auf Hochtouren. Das ist sehr anstrengend für Ihren Körper!«
Jetzt wird mir ein bisschen mulmig zumute. Ein so intensives Sprechen in den höchsten Steigerungsstufen ist unschweizerisch, normalerweise wird nicht übertrieben beim Reden, alles ist wohltemperiert. Die letzten Worte klingen doch äußerst eindringlich.
»Was soll ich denn machen?«
Ich bin verzweifelt, ich fühle mich gefangen, merke, wie ich aggressiv werde.
Wieso versteht das keiner?
»Gut, wenn das so ist, dann muss ich Sie aus dem Verkehr ziehen.«
Er nimmt ein Blatt Papier aus der Schublade.
Das klingt so verlockend – ja, bitte! Ab – weg – fort! Eine Zeit lang keine Verantwortung, keine Pflichten, nur auf mich selbst schauen. Und schlafen. Ich fühle mich zu Tode erschöpft und die Vorstellung ist großartig.
Schlafen, dösen, rasten, liegen, faulenzen, vermodern – wie wundervoll!
»Haben Sie schon einmal etwas von der Lukasklinik in Arlesheim gehört?«
»Ja, klar! Die Anthroposophische Krebsklinik in Basel. Dort könnte ich hin?«
»Ich würde Sie dort hin überweisen, wenn Sie das möchten. Ich würde Ihnen raten, einmal hin zu fahren und ein Gespräch mit einem dortigen Arzt zu führen. Dann können Sie sich entscheiden. Ich habe hier ein Informationsblatt.«
»Wie lange bleibt man denn in dieser Klinik?«
»Etwa zwei bis drei Wochen.«
Das wäre der Himmel auf Erden. Zwei bis drei Wochen schlafen, schlafen, schlafen ...
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.