Die Schwester hilft mir beim Anziehen, ich bin wackelig auf den Beinen, stütze mich erst auf ihren Arm, hänge mich dann bei Fritz ein. Kaum sitze ich auf dem Beifahrersitz überfällt mich wieder ein so heftiger Schüttelfrost, dass ich mir beim Versuch zu sprechen auf die Zunge beiße. Der treffende Wienerische Ausdruck »scheppern wie ein Kluppensackerl« fällt mir ein: klappern wie ein Sack Wäscheklammern. Genauso »scheppere« ich, mir ist eiskalt. Es ist immer dasselbe mit mir: Ich will so taff sein – und habe auch nur Nerven.
Seit der Heimfahrt vom Spital weiß ich, wie wichtig eine starke Sitzheizung ist.
Ich möchte sie drücken, uns beide trösten, ihr – wie in einer Seifenoper – zuversichtlich lächelnd versprechen, dass »alles wieder gut« wird. Dass ich ihre Matura erleben werde. Dass wir beide feiern werden. Ich bin für die zweite Chemotherapie im Spital. Mein Herz tut weh – ich möchte Dominique bei mir haben.
Die junge Krankenschwester kommt schwungvoll ins Zimmer, den Galgen vor sich herrollend, an dem vier Plastikbeutel unterschiedlicher Größe baumeln, jeder mit einer durchsichtigen Flüssigkeit gefüllt. Ich weiß, der kleinste ist der schlimmste. Vor dem hab ich Angst. Von diesem Mittel habe ich nach der ersten Therapie Halluzinationen bekommen – so stelle ich mir einen Drogen-Horrortrip vor. Grauenvolle Fratzen sind auf mich herabgestürzt, ich bin bewegungsunfähig auf dem Boden gelegen, mein Körper hat sich angefühlt wie ein Luftballon mit einer kleinen Bleikugel irgendwo in der Leere – mein Herz, das schmerzhaft geklopft hat.
Ich weiß, diese Wirkung muss nicht unbedingt jedes Mal auftreten, aber ...
Auf dem Spitalsnachttischchen stapeln sich weise Bücher über Selbstheilung, Spontanremissionen, Buddhismus und Spiritualität. Was habe ich vor kurzem gelesen? Ich soll mich nicht schon im Vorhinein fürchten. Ich solle die Angst loslassen. Ich kann das Wort nicht mehr hören. Wie soll das gehen? In den Büchern steht, Loslassen bedeutet, im viel zitierten Hier und Jetzt leben. »In Situationen, die scheinbar aussichtslos sind, verstärkt sich zunächst der normale Widerstand gegen den gegenwärtigen Moment – und somit das Leid – um ein Vielfaches. Das Jetzt wird fast unerträglich. Es innerlich zuzulassen, das »so-Sein« des Jetzt zu akzeptieren, scheint unmöglich und sinnlos.« (E. Tolle)
Genau!
Die Schwester hängt die erste Flasche an, die größte, die Flüssigkeit tropft in den Schlauch und von dort in meine Vene.
Also: »hier und jetzt«, also: Chemotherapie, also: Spitalsbett, also: Desinfektionsgestank.
Wie geht es mir hier und jetzt?
Ich habe das Glück, allein in einem Zweibettzimmer zu liegen.
Und das erste Mittel, das gerade in mich rinnt, vertrage ich gut. Und ich habe nur leichte Kopfschmerzen.
Und durchs Fenster scheint die Sonne.
Also hier und jetzt: alles gut.
Und mehr ist im Moment nicht.
Also: entspannen.
In meinen schlauen Büchern steht, es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen Schmerzen und Leiden. Schmerzen gehören zum Leben und sind nicht zu vermeiden. Punkt. Klingt schlimm, ist es auch. Dennoch versuchen wir, Schmerz zu vermeiden und zu leugnen. Psychopharmaka, Schmerzkiller und alle Arten von Ablenkungen versprechen uns, uns das Wahrnehmen des Schmerzes zu ersparen. Doch Schmerzen sind unausweichlich.
Im Gegensatz zum Leiden: Das Leiden kann man vermeiden. Denn das Leiden »macht man sich selber«. Leiden bedeutet, den Schmerzen etwas hinzufügen. Darüber nachdenken. Damit hadern. Sich ausmalen, was alles passieren könnte. Phantasieren, wie es wäre, wenn alles anders wäre. Bewerten, wie aussichtsreich oder aussichtslos eine Situation ist.
In den weisen Büchern steht sinngemäß: Verstehe die direkten Ursachen in dir selbst für dein Leiden. Und höre auf, zu den Ursachen beizutragen. Dann verschwindet auch dein Leiden. Der Buddhismus ist ein großer Befürworter der Eigenverantwortung. Unsere Gedanken betrachten das Hier und Jetzt als Hindernis auf dem Weg, wo wir eigentlich hinwollen: in die Zukunft, in irgendeine Situation, in der dann alles gut sein wird. Alles, nur nicht jetzt. Überall, nur nicht hier. Das ist Leiden.
In unserem Kulturkreis bewerten wir ständig. Wir merken es gar nicht. Dauernd beurteilen wir Situationen, andere Menschen, uns selbst. Alles wird eingeteilt in gut versus schlecht, freundlich versus aggressiv, schön versus hässlich, angenehm versus schmerzhaft, erstrebenswert versus vermeidend und so weiter.
Natürlich können wir im Alltag nicht nicht bewerten. Bewertungen sind nützlich und zeitsparend, wenn z.B. Entscheidungen gefällt werden müssen. Andererseits tragen sie zum Leiden bei.
Ich bin sozusagen »programmiert« auf’s Bewerten und Beurteilen, habe ich doch einen Beruf, in dem ich tagtäglich Menschen psychodiagnostisch bewerten, in Kategorien einteilen und über sie gewisse Urteile fällen muss. Dafür werde ich bezahlt. Und als analytischem Menschen fällt mir diese Arbeit leicht, in der ich erfolgreich bin.
Und ich soll jetzt das Bewerten loslassen.
Es geht mir plötzlich alles auf die Nerven. Der Krebs, die Chemo, die weisen Bücher, die buddhistischen Ratschläge, der Berner Dialekt, die freundliche Onkologieschwester. Alles. Aber es nützt ja nichts und wenn ich schon hier liege, kann ich ja versuchen, etwas zu lernen.
Ich reiße mich zusammen.
Wenn ich also sage: diese Situation hier und jetzt ist relativ angenehm – allein im Zimmer, fast nichts tut mir weh, die Sonne scheint –, dann merke ich natürlich nichts vom Leiden durch Bewerten, denn ich fälle eine positive Bewertung. Aber wenn ich Schmerzen hätte, und ich würde mir vorsagen: meine Situation ist schlimm, niemand kann verstehen, wie es mir geht, wieso bin ich so gestraft mit dem Krebs, niemand wird mich besuchen kommen, das letzte Chemo-Mittel wird mich wieder furchtbar hernehmen, ich werde nicht schlafen können, ich belaste Dominique mit meiner Krankheit, ich gehe ihr damit auf die Nerven – dann leide ich. Aber es sind nicht die Schmerzen, an denen ich leide, sondern die Gedanken, die ich mir dazu selbst mache. Das ist alles außerhalb des Hier und Jetzt des Spitalsbettes. Irgendwo habe ich gelesen: »Leiden stellst du ab, indem du das abstellst, was in dir das Leiden erzeugt.«
Wenn man – ich? – es schafft, alles das, was ist, zu akzeptieren, kann man – ich? – sich vom Leiden befreien und das Leiden loslassen. Alles, was nicht gerade jetzt passiert, ist unwichtig. Jetzt – jetzt – jetzt ...
Jetzt habe ich keine Venenentzündung.
Nicht gut, nicht schlecht. Es ist, wie es ist.
Jetzt habe ich starke Kopfschmerzen.
Nicht schlecht, nicht gut. Es ist, wie es ist.
Jetzt scheint die Sonne durchs Spitalzimmerfenster.
Nicht gut, nicht schlecht. Es ist, wie es ist.
Jetzt fehlt mir meine Tochter.
Es ist, wie es ist.
Jetzt bin ich traurig. Ich spüre einen Druck auf der Brust. Ich kann nicht weinen. Es ist, wie es ist.
Neben mir beginnt das Kontrollgerät am Galgen zu piepsen. Die Schwester kommt, hängt den leeren Beutel ab und den nächsten an. Sie schaut mich fragend an. Ich signalisiere ihr: alles »normal«, nur traurig halt. Sie drückt mir leicht den Unterarm, lächelt mich kurz an und geht wieder. Ich bin froh und dankbar um diese Geste – sie scheint mich zu verstehen. Ich würde gar nicht sprechen wollen.
Mein Magen verkrampft sich ein bisschen. Ist das Ärger? Dass ich mich schon wieder in vorausschauenden Gedanken verliere, anstatt im Hier und Jetzt zu bleiben? Dass ich schon wieder überlege, wie ich die Nebenwirkungen der letzten Chemo-Flasche überstehen werde, ob ich für die Nacht um ein Schlafmittel bitten soll, ob es dumm ist, noch ein Medikament mehr einzunehmen, oder ob das auch schon egal ist.
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