Unter dem warmen Wasserstrahl der Dusche rinnen meine Haare in braunen Schlieren den Körper hinunter. Beim Föhnen fliegen sie, leicht wie Löwenzahnfallschirmchen, einfach so vom Kopf. Ich muss nachher das Bad saugen. Aber jetzt muss ich mich zusammennehmen. Ich schminke mich ein bisschen, ziehe mich an, bereite das Frühstück vor. Dominique muss in die Schule.
Ich mache mich auf den Weg nach Bern zum Frisör. Zuerst muss ich noch zum Onkologen, dem kleinen zynischen Mann, der die Beckenkammstanzung zwar gut hinbekommen hat, aber der mich weder ernst nimmt noch mir richtig zuhört. Und der mir ungefragt eine Lebensspanne von »maximal 10 Jahren« zumisst.
»Genießen Sie’s, Frau Knoll, alt werden Sie nicht mit dem Krebs!«
Später werde ich zu einem Kollegen wechseln, einem der gewissenhaftesten Ärzte, die ich im Laufe der Jahre kennenlerne, mit ruhigen Augen und einem liebevollen Lächeln. Aber noch sitze ich in der Ordination des Kleinen. Er fragt mich nicht, wie es mir geht, sagt nur: »Aha, hat die komische Eishaube nix gebracht, hab ich Ihnen gleich gesagt!« Er kommt auf mich zu, greift mir auf den Kopf, zupft mit spitzen Fingern ein Büschel frisch gewaschener Haare heraus und wirft meine Haare achtlos in den Papierkorb. »Na, dann ...« murmelt er – soll heißen, ich muss jetzt zum Perückenmacher.
Der Frisör, der auf Perücken für Krebskranke spezialisiert ist, hat mir Wochen zuvor bei meinem Besuch in seinem Laden gesagt, sollten die Haare trotz Eishaube ausfallen, könne ich ihn immer am Handy erreichen. Ich könne wirklich jederzeit anrufen. Auch am Wochenende. Sicher!
Ich bin berührt vom Einfühlungsvermögen dieses Mannes, der mit mir, wie schon mit Hunderten Kranken vor mir, miterlebt, wie weh meine Seele tut, wie ohnmächtig ich mich fühle, wenn die Haare einfach so ausgehen, ohne dass ich es verhindern kann.
Er erklärt mir, dass ich nicht warten darf, bis alle Haare endgültig ausgefallen sein werden, das könne wochenlang dauern. Es sei besser, sie jetzt ganz kurz zu schneiden und gleich eine Perücke anzupassen. Er schaut sich meine Haarfarbe und Frisur an, holt aus dem Lager aus Hunderten Perücken drei zur Auswahl, von denen er später eine meinem Stil anpassen und zurechtschneiden wird. Die ganze Zeit über spricht er ruhig, sachlich und mitfühlend - ich fühle mich gut aufgehoben bei ihm. Er greift zur Tondeuse, wie man in der Schweiz den Haartrimmer nennt, mit dem man schicke Kurzhaarfrisuren schneidet. Er stellt die minimale Schnitthöhe für eine Stoppelglatze ein. Dann fallen meine Haare – es sind immer noch so viele! – in dunklen Büscheln zu Boden.
Ich bin dankbar, dass der Frisör nicht versucht, mich aufzuheitern.
Es gibt keinen Trost.
In ein paar Wochen, wenn auch die Haarstummeln abgefallen sein werden, wird mein Schädel völlig kahl sein. Die Haare werden aber auch sonst überall ausfallen, bis ich keine Augenbrauen, keine Wimpern, keine Achselhaare, keine Schamhaare mehr haben werde. Mein ganzer Körper wird nackt sein.
Wenigstens werde ich mir im Sommer die Beine nicht rasieren müssen.
Die Krankenschwestern im Spital begrüßen mich herzlich, sie kennen mich mittlerweile, ich bin schon zum vierten Mal hier – und werde mit dieser Art Krebs, der behandel- aber nicht heilbar ist, noch oft kommen müssen. Sie freuen sich offenbar, mich zu sehen, denn ich bin eine unkomplizierte Patientin. Worüber die Krankenschwestern sich nicht freuen, sind meine Venen. Die sind schlecht. Dafür kann ich nichts, aber ich muss es jedes Mal ausbaden, wenn wieder daneben- oder durchgestochen wird und ich mit einem violetten Bluterguss in der Armbeuge nach Hause gehe. Gottseidank ist es kühl und ich trage lange Ärmel. Diesmal wollen die Schwestern sich – und mir – das Venensuchen ersparen.
»Bevor Sie sich umziehen (heißt: das unsägliche hinternfreie Spitalsnachthemd überwerfen) lassen Sie sich bitte im Soussol (=Untergeschoss) anstechen.«
Ich fahre mit dem Lift vom hellen 6. Stock in die Unterwelt.
6 – 5 – 4 – 3 – 2 – 1 – E – UG
Kalte Neonröhren, ausrangierte metallene Spitalbetten, die den Durchgang halb versperren, muffige Luft, dicke Rohre an der Decke, Kabelschächte: die Eingeweide des Spitalsbetriebs.
Nach ein paar Metern stoße ich eine Schwingtüre auf und stehe in einem spärlich beleuchteten Raum mit einem zweiten Ein- bzw. Ausgang schräg gegenüber, und einer frisch überzogenen Liege in der Mitte. Bei meinem Eintreten flammen Neonlampen auf.
Vom anderen Eingang her stürmt eine Gestalt mit Gesichtsmaske und blutbesudelter Schürze über weißem Kittel herein. Jenseits der hinter ihr zuschwingenden Türe erkenne ich ein glänzend gekacheltes Zimmer mit verschiedenen metallen schimmernden und rot blinkenden Geräten. Natürlich: die Notfallambulanz!
Die Frau nickt mir zackig-auffordernd zu. »Ich komme zum Anstechen! Auf der Onkologie sagen sie, ich habe schlechte Venen.«
Ich bin mir meiner Schuld bewusst.
Mit einem Ruck reißt die Schwester ihren Mundschutz vom Gesicht, – fehlen ihr ein paar Zähne? – deutet mir, mich auf die Liege zu setzen. Sie nestelt eine plastikverschweißte Nadel von irgendwoher aus ihrem Kittel hervor, reißt die Nadelumhüllung einhändig auf und fixiert mit der anderen Hand meinen linken Arm an ihrem Bauch. Ohne die Vene mit einem Gummischlauch am Oberarm zu stauen stößt sie die Nadel mit einer geschmeidigen Bewegung in die Armbeuge – sitzt.
Während sie sich den Mundschutz wieder überzieht, murmelt sie beim Aufstehen genervt: »Schlechte Venen gibt’s nicht.«
Wenn ich zur Chemotherapie fahre, achte ich darauf, dass mein Bettzeug nicht ganz frisch gewaschen ist. Wenn ich nach Hause zurückkomme und ins Bett muss, möchte ich mich selbst riechen, nicht ein Waschmittel. Der Geruch meines eigenen Körpers gibt mir ein Gefühl der Geborgenheit. Daheim in meiner Höhle suche ich Schutz und Sicherheit.
Dann will ich mich von der Welt absondern und Ruhe finden zum Heilen.
Ich schwimme in der Aare. Das Wasser ist sehr kalt, es ist milchig-grünlich, es kommt direkt von den Gletschern der Alpen. Ich muss kräftig mit den Armen rudern, der Sog des Flusses ist stark. Etwas streift scharf und schmerzhaft meine Beine. Ich versuche, durch das Wasser zu sehen, was mich verletzt hat. Das rostige Gerüst eines Tisches oder Sessels treibt neben mir im Wasser. Ich schaue mich um – da schwimmen noch andere Gegenstände an der Oberfläche, alle dreckig oder halb verrottet. Das Gerümpel wird immer mehr. Ich fühle mich fast bedroht davon. Auch das Wasser ist mit einem Mal nicht mehr sauber. Rost, kleine Farbpartikel, Fäkalien – die Aare gleicht einer Kloake! Der Fluss ist völlig verschmutzt.
Traum Nov. 2000
Ich sitze bei meinem Homöopathen, von dem ich mich während der Chemotherapien begleiten lasse, und erzähle ihm den Traum von vor ein paar Monaten.
»Ich hatte vor der Diagnose immer wieder solche Träume von Flüssen.« »Von verschmutzten Flüssen?«
»Ja – immer so oder so ähnlich wie der, den ich Ihnen gerade erzählt habe. Manchmal war das Wasser durch die Abwässer von Fabriken verfärbt, manchmal war es voll kaputter Möbel ...«
Seit der Diagnose beschäftigt mich die Frage, wie ich mir den Krebs des Immunsystems vorstellen muss. Das Wort »lympha« bedeutet »klares Wasser«. Die Lymphgefäße durchziehen – ähnlich den Blutgefäßen – fast den ganzen Körper. Sie transportieren das Gewebswasser, die Lymphe, die der Drainage der Körpergewebe und dem Transport verschiedener Substanzen und Abwehrzellen dient. Die Lymphe nimmt dabei auch Stoffwechselendprodukte (Abfallstoffe und Kohlendioxid) aus den Geweben auf. Schließlich wird sie über das im Körper verzweigte Netz der Lymphbahnen in der Nähe des Herzens wieder in den Blutkreislauf zurückgeführt.
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