Hans war früher Unteroffizier und Orsinis Vorgesetzter während seiner Zeit beim Militär gewesen. Ein Kurzschluss – anders war es nicht zu formulieren – hatte Orsini bewogen, eine Karriere als Offizier zu beginnen. Hans war einer seiner Ausbildner gewesen und es war in dieser Zeit so etwas wie Freundschaft zwischen den beiden entstanden. Orsini war es immer schleierhaft gewesen, wie der lebensfrohe, kontaktfreudige Hans es so lange in dieser hierarchischen Gesellschaft ausgehalten hatte, und er war deshalb auch nicht überrascht gewesen, als sie ungefähr zur selben Zeit aus dem Dienst geschieden waren. Orsini freiwillig, Hans unfreiwillig.
Der Zufall hatte sie wieder zusammengebracht und das gemeinsam Erlebte verband sie seitdem. Hans hatte Kontakte in alle und zu allen möglichen Kreisen der Gesellschaft. Schon in Orsinis Zeit als Kriminalbeamter hatte er dessen Hilfe einige Male in Anspruch genommen. Wie Hans an seine Informationen kam, wollte Orsini gar nicht so genau wissen. Eines wusste er allerdings mit ziemlicher Sicherheit: dass morgen mit Kopfschmerzen zu rechnen war.
Zu Beginn seiner Militärzeit hatte er nämlich zeitweise in der Unteroffiziersmesse aushelfen müssen. Dort wurde an sich schon enorm viel getrunken, der ungeschlagene Spitzenreiter war aber Hans. Orsini war jedes Mal aufs Neue erstaunt gewesen, welche Mengen Alkoholika Hans in sich hineinschüttete, ohne danach – so wie die meisten anderen – völlig wegzutreten. Hans schien auch nach den ärgsten Gelagen noch Herr der Lage zu sein.
Einmal war er allerdings nicht Herr der Lage und das genügte. Den höheren Dienstgraden schon länger ein Dorn im Auge, wurde er fristlos entlassen. Danach hielt er sich durch verschiedenste Arbeiten über Wasser und landete schließlich an der Quelle seines Problems, einer Bar in einem Etablissement.
Orsini stieg die wackeligen Trittbretter der Straßenbahn hinunter und ging das letzte Stück den Gürtel entlang. Das Etablissement – Orsini staunte nicht schlecht: Wo noch bei seinem letzten Besuch riesengroße rote Lettern und kitschige Schaukästen mit jungen Nacktheiten die Fassade gezierten hatten, war jetzt nichts.
Nicht nichts im eigentlichen Sinn, auch kein schwarzes Loch, vielmehr ein krisensicherer Arbeitsplatz für Fensterputzer: eine nach außen verspiegelte Glasfläche, die sich über die Länge der ganzen Fassade zog. Orsini trat ein. Aus dem ehemals verwinkelten, mit versteckten plüschbezogenen Nischen ausgestatteten Lokal war nun ein einziger riesiger Raum entstanden. Entkernt gewissermaßen, überlegte Orsini, was aber auch nicht ganz stimmte. Denn die neuen Inhaber hatten sogar die Haut, wenn nicht entfernt, dann zumindest erneuern lassen. Ein überdeutlicher optischer Bruch mit der Vergangenheit jedenfalls.
Halbvoll, höchstens. Auf einem Podest war ein DJ am Werk, der sich gerade musikalisch aufzuwärmen schien, was Lautstärke und Musikstil betraf. Wenigstens ansprechende Musik, fand Orsini und begab sich an die lange, mit rostigen Eisenplatten ausgestattete Theke, wo sofort ein junger, sonnengebräunter Mann in körperbetontem ärmellosem T-Shirt auf ihn zukam.
„Möchtest du etwas bestellen?“
Orsini war knapp davor, dem karottenbraunen übernetten Jüngling das Du-Wort wieder zu entziehen, beließ es aber nach einem tiefen Atemzug dabei. „Ja, ein Cola. Aber eigentlich bin ich hergekommen, um mit Hans zu sprechen, der arbeitet doch hier?“
„Hans ..., ja, der steht in der Küche und raucht gerade. Soll ich ihn holen?“, kam es mit hoher, sanfter Stimme retour.
„Das wäre nett von dir, aber lass ihn ruhig zu Ende rauchen, er hat sicher sehr viel zu tun, wie du ja bestimmt auch. Oder?“, säuselte Orsini und wiegte den Kopf.
Der sportliche Kellner verschwand hinter einer undurchsichtigen gläsernen Wand, einen Ausdruck des Erstaunens auf dem Gesicht.
„Conrad!! So geht das aber wirklich nicht“ Hans kam hinter dem gläsernen Verschlag hervor. Er schüttelte ihm überschwänglich die Hand und umarmte ihn über die Theke. Etwas kleiner als Orsini, kompakter Körperbau und wie immer – und von ihm selbst als letztes Überbleibsel seiner Vergangenheit bezeichnet – der kurze Bürstenhaarschnitt. Die Haare zwar mittlerweile grau, aber immer noch kräftig, standen wie die Borsten eines Igels vom Kopf ab. Zusammen mit der engen, schwarzen Kleidung, die alle Angestellten trugen, wirkte er jünger, als er tatsächlich war. „Mit mir trinkst auf jeden Fall was Ordentliches, net des braune ungsunde Gsöff, da ruinierst dir doch die Leber! Also was willst wirklich?“
„Sind bei euch alle so braun gebrannt und sportlich wie der Kollege?“, versuchte Orsini auszuweichen.
„Ist eine andere Generation“, lachte Hans, „aber sonst harmlos. Also Wodka, Whisky oder was Härteres?“
Orsini hatte naiverweise geglaubt, zumindest das erste Getränk alkoholfrei bestellen zu können. Hätte ich wenigstens auf mein Cola gewartet und erst dann nach ihm gefragt, ärgerte er sich. „Na wenn’s sein muss, ein kleines Bier.“
„Ein großes Bier, das ist ja schon ganz was andres und auch wesentlich gsünder.“
Orsini fügte sich seinem Schicksal und dachte kurz an den nächsten Morgen, wischte den Gedanken aber sofort beiseite. Er brauchte Informationen, da musste man Opfer bringen.
„Also Prost Conrad, auf unsre gemeinsame Vergangenheit.“
„Aber ..., du trinkst ja nur Sodawasser!“
„Na ja, nicht ganz“, erwiderte Hans leise, um dann mit normaler Lautstärke fortzufahren: „Ja, leider, die neuen Geschäftsinhaber, junge Leut, kein Verständnis. Absolutes Alkoholverbot für alle Bediensteten – kannst dir das vorstelln? Soll angeblich sehr gsund sein.“
„Und das schaffst du, ich mein meistens halt?“, kam Orsini aus dem Staunen nicht heraus.
„Wenn ich den Job behalten will, muss ich’s schaffen, sonst, ... Was sagst du eigentlich zu dem Schuppen?“, wechselte Hans abrupt das Thema.
Orsini hatte das kurze Zögern und die Änderung des Tonfalls in seiner Stimme bemerkt, ging jedoch nicht darauf ein. „Bisschen wie ein ... Seziersaal, oder? Scheint trotzdem gut zu gehen.“
„Seziersaal ist gut, muss ich mir merken. Da wird ja auch viel ausgräumt, wieder zugmacht und dann die Oberfläche poliert. Bin übrigens der einzige Überlebende.“
„Wie meinst du das?“
„Na vom alten Seziersaal, das restliche Personal halt. Alle weg ... bis auf mich. Schöne neue Welt – solangst noch jung bist!“
„Die Musik ist aber okay.“
„Na ja, mein Gschmack is es nicht, aber den jungen Leuten gfällt’s. Ist fast jeden Tag voll. Fängt eigentlich erst richtig um halb zwölf, zwölf an. Wirst schon sehn.“
Hoffentlich erwartet er nicht, dass ich solang dableibe und mit ihm trinke! „Prost Conrad, sag was brauchst eigentlich von mir? Moment – bin gleich wieder zurück.“
Das Lokal füllte sich wie auf ein vereinbartes Zeichen und der DJ schraubte kontinuierlich die Lautstärke in die Höhe.
Nach einer Weile tauchte Hans wieder auf. „So ... Prost. Nachschub gefällig?“
Orsini wollte abwehren, aber es war zwecklos.
„Und, gehst noch zum Training, fightest noch?“, deutete Hans einen Schwinger mit der Rechten an, während er mit der Linken nach einem frischen Glas griff.
„Manchmal, hab aber grade den Club gewechselt.“
„So, frisch gezapft! Wo waren wir stehn blieben?“
„Ich ermittle in einer Erbschaft und brauch deine Hilfe.“ Orsini musste jetzt immer lauter reden, um die Musik zu übertönen. Kurz erzählte er Hans von der Auftraggeberin.
„Ist aber ein Abstieg für dich, oder?“
„Nicht ganz, der Erblasser ist nämlich ermordet worden.“
„Aha – und von wem?“
„Die Polizei hat ein paar Drogensüchtige im Visier.“
„Versteh, und was sagst du dazu? Nein, lass mich raten! Nicht das Gleiche wie die Polizei, stimmt’s?“ Hans warf Orsini einen vielsagenden Blick zu und fuhr dann fort, ohne ihn antworten zu lassen: „Bei Mord helf ich dir gern, aber Erbschaft ist unter deinem Niveau. Also, schieß los!“
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