Diese Erklärung war eigentlich genauso dumm wie unangemessen. Das Hackerproblem wurde dadurch nicht gelöst – vorausgesetzt, die unerlaubte Nutzung einer Identität wurde überhaupt erkannt, was eher selten der Fall war – denn man konnte sich ja jederzeit erneut mit einer anderen Identität Zutritt verschaffen, sogar, wie in seinem Fall, mit einer nur für diesen Zweck programmierten.
Er schüttelte seinen virtuellen Kopf, als ob er die Gedanken verscheuchen wollte. Die Zeit drängte, er musste zurück, seine Identität wechseln, um den zweiten Networker zu eliminieren.
*
Zwei Stunden später wachte er auf, mit dem Oberkörper auf der Schreibtischplatte liegend, den schweren Kopf in die Ellenbeuge seines linken Arms gebettet.
Auf dem Ärmel seines Seidenhemdes hatte sich ein Speichelfleck gebildet. Er hatte einen schalen Geschmack im Mund, seine Brust fühlte sich dort, wo das Unterhemd schweißdurchnässt am Körper klebte, unangenehm klamm an.
Er richtete sich auf, drückte seinen Rücken durch und neigte seinen Kopf ruckartig nach links. Seine Halswirbel knackten laut. Die Nackenmuskulatur war vollkommen verkrampft. Er versuchte gar nicht erst, sich einzureden, dass es von der schiefen Schlaflage herrührte. PVDS, Post-Virtuelles-Dissonanz-Syndrom, nannten das die Netzpsychologen, was einfach gesagt eine psychosomatische Reaktion auf eine hochgradige Dissonanz zwischen »realem Gewissen« – gewissermaßen dem unbewussten Über-Ich, das auch im Netz nicht ausgeschaltet werden konnte – und einer im Netz begangenen Aktion beschrieb.
Das Syndrom trat vor allem bei hochmoralisch erzogenen Personen auf, die im Netz Dinge ausprobierten, die sie sich im normalen Leben niemals erlauben, sogar aufs Energischste ablehnen würden – häufige Klienten der Netzpsychologen waren beispielsweise zölibatär lebende Angehörige verschiedenster Religionen, die im Netz sexuellen Ausschweifungen frönten, oder engagierte Lehrer von Eliteschulen, die ihren Frust in virtuellen Schüler-Prügelexzessen zu bewältigen suchten.
Bei den meisten äußerte sich PVDS in einem unmittelbar nach dem Auschecken auftretenden Erschöpfungszustand, anfallsartigem Schlaf und starken, glücklicherweise reversiblen Schmerzzuständen.
ZZZ erinnerte sich dumpf an die Eliminierung des zweiten Networkers, des Entertainers, den er vor dem Auschecken noch schnell erledigt hatte. Der Typ hatte es echt verdient, schoss es ihm durch den Kopf, so einer hätte gar nicht erst die Zulassung bekommen dürfen, bei derart schalen, lustlosen Witzen.
Sein Timer läutete. Er musste ins Bett, er hatte nur noch vier Stunden, bis er sich für seinen offiziellen Job frisch machen musste.
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