»Ella, ich komm jetzt zu dir rüber!«, schreit Josefin ins Telefon, damit Helen es durch den Küchenlärm hört.
Jetzt ist es so weit, jetzt geht sie hinaus in die glitzernde Welt in ihrer neuen Verpackung. Sie holt tief Luft, um sich zu beruhigen. Sie muss selbstverständlich und entspannt wirken, sonst kann sie nicht reden. »Wie wird man Anwalt, was hast du für Hobbys, hast du in letzter Zeit ein gutes Buch gelesen?« Sie läuft mit kleinen Schritten zur Bushaltestelle. Sie ist es gewohnt, lautlos und schnell in Turnschuhen zu gehen, wie eine Katze, aber heute Abend schlagen ihre Absätze laut gegen den Asphalt. Hier komme ich, Josefin, denkt sie und streckt stolz den Hals.
***
Ella drückt auf den EG-Knopf, und sobald der Aufzug sich in Bewegung gesetzt hat, sagt sie laut zum Spiegel: »Hallooo! Natürlich komme ich auch! Aber ihr hättet doch nicht auf mich zu warten brauchen. Aber mein Gott! Hallo! Bist du auch hier?!«
Sie drückt sich dicht an den Spiegel, dass er angehaucht wird, und sagt dann vertraulich und schicksalsschwer: »Ich hatte keine Ahnung, dass es passieren würde. Ich bin hingegangen, weil ich sonst nichts zu tun hatte. Dann stand er vor mir und es wurde der glücklichste Abend meines Lebens. War es Zufall oder Schicksal?«
Sie ist nicht zufrieden. Sie muss eine andere Haltung ausprobieren. Cool wirft sie die Haare über die Schultern, schiebt die Hüften vor und verzieht den Mund schief nach unten.
»Hi! Und sonst? Cool ey! Ich war in meinem ganzen verdammten Leben noch nie so verdammt voll!«
Ella hört auf, als sie bemerkt, dass der Aufzug schon lange hält und eine ältere Dame, ihre eigene Nachbarin, vor dem Aufzug steht und sie anstarrt. Sie geht schnell hinaus.
»Schultheater! Ich bin total nervös!«
Sie läuft zur Haustür. Die Dame starrt ihr hinterher.
»Hauptrolle!«, ruft sie und verschwindet errötend auf die Straße.
Martina wohnt in einem Einfamilienhaus am Vallmovägen. Ihre Familie ist übers Wochenende verreist, sodass sie und ihre Gäste das ganze Haus für sich haben. Ella zupft das Kleid zurecht, räuspert sich und klingelt. Martina öffnet mit einem strahlenden Lächeln, aber in den Augen blitzt ein Schimmer von Enttäuschung, als sie sieht, dass es nur Ella ist. Sie bittet sie herein und schaut gleichzeitig mit einem Auge die Straße entlang, in der Hoffnung, dass Odin und seine Freunde endlich auftauchen mögen.
Martina gibt Ella eine Karte mit einem hässlichen Leguan und erklärt, dass sie, wenn sie sich zu Tisch setzen, nach einem Jungen Ausschau halten muss, der auch eine solche Karte hat. Das sei, damit alle sich kennen lernen und man nicht wieder neben seinen üblichen Freundinnen sitzt. Ella findet das gut, das gibt ihr eine Chance neben Odin zu landen.
Die ganze Klasse ist schon im Wohnzimmer versammelt. Sie stehen mit kleinen Plastikbechern an den Wänden entlang und schauen sich suchend um. Als Ella eintritt, haben sie die Gelegenheit für einen Moment ihre gekünstelten Gespräche zu unterbrechen, um sie anzuschauen. Die gedrückte Stimmung macht sie verlegen. Als sie Hallo sagt, bekommt sie nur vereinzelt heiser Antwort, als ob die Stimmen eingerostet wären.
Die einzigen der Gesellschaft, die sich wohl zu fühlen scheinen, sind Finn und Anette, die nebeneinander auf dem Sofa sitzen. Er erklärt Anette die faszinierenden Geheimnisse des Schachspiels und sie hört ihm mit glänzenden Augen zu. Ella nimmt sich Popcorn und gesellt sich zu ihnen.
»Macht noch Popcorn!«, kommandiert Martina.
»Nicht schon wieder ich! Ich werde so fettig!«, jammert Teres.
»Und die Bowle ist auch alle! Ihr müsst neue machen! Wir dürfen uns nicht zu Tisch setzen, bevor nicht alle Gäste gekommen sind!«, tönt Martina vom Fenster aus.
Paula greift sich die Popcorn-Schüssel und stöckelt auf sehr hohen Schuhen und in tief ausgeschnittenem Kleid davon und Teres folgt ihr mit dem Bowlenkrug, demonstrativ mit den falschen Wimpern klimpernd. Martina saust ins Wohnzimmer und zischt, dass ihre Augen blitzen: »Jetzt seid doch ein bisschen locker! Alle müssen was beitragen! Ich kann nicht allein für die Unterhaltung sorgen!«
Die Gäste schauen beschämt zu Boden und tun ihr Bestes, sich miteinander zu unterhalten und hin und wieder leichtes Lachen von sich zu geben, aber es wird nicht so lustig und ausgelassen, wie Jugendliche immer in Werbefilmen feiern. Als wieder Bowle und Popcorn auf dem Tisch stehen, steht Anette auf und holt sich etwas. Ella leistet ihr Gesellschaft.
»Ich habe ihn bezirzt«, flüstert Anette ausgelassen.
»Sieht so aus!«, lächelt Ella.
Die hungrigen Gäste versammeln sich um die Bowle und das Popcorn, und Finn, der Anette gefolgt ist, bemerkt plötzlich, dass er im Zentrum steht. Jetzt sollte der widerwärtige Referent ihn einmal sehen! Es gibt ihn! Er kann Platz einnehmen! Und zwar, weil er er selbst ist!
»Da fällt mir der kleine José ein! Habt ihr vom kleinen José gehört?«
»Neee!«, sagen alle außer Sofi, die mit heiserer Stimme antwortet:
»Doch, vom kleinen José haben wir schon gehört!«
Alle müssen über ihre Zweideutigkeit lachen und zum ersten Mal an diesem Abend lachen die Gäste. Es ist wunderbar endlich lachen zu können und am allermeisten lacht Anette. Sie lacht so sehr, dass die Bowle ihr aus dem Mund spritzt und den Tisch und ihr Kleid bekleckert. Da fängt auch Finn zu lachen an und die beiden lachen, wie Menschen, die zu lange ihr Lachen in sich getragen haben. Sie lachen zu viel über zu wenig und sie können nicht aufhören, obwohl sie knallrot und außer Atem sind, nur weil es so wunderbar ist, das ganze Wesen mit Lachen zu füllen.
Die anderen erheben nacheinander die Augenbrauen.
Anette beherrscht sich und wirft den anderen scheue Blicke zu, sie stehen da und glotzen schweigend, Finn lacht weiter, glücklich wie ein Vogel am Himmel. Aber als er die Eiseskälte bemerkt, die die Stille um ihn erschafft, beugt er sich schnell über sein Lachen und versteckt es keuchend hinter seinen Rippen.
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