Wer berufen war, zu sehen und wahrzunehmen, konnte in der »toten Zeit« viel über sich, über sein Leben und über zukünftiges Geschehen erfahren. An den Rauhnächten sollte man das sichere Haus nicht verlassen, denn um Höfe und Anwesen schlichen Dämonen, Werwölfe, Hexen, Teufel und andere üble Geisterwesen und bedrohten Menschen und Tiere. Zu allen Schrecken gesellte sich auch noch Odin, der wilde Jäger, der Wode, der mit seinem wilden Heer, der sogenannten Wilden Jagd, Angst und Schrecken verbreitete. Er herrschte über die Rauhnächte, bis er sich am 5. Januar um Mitternacht, der Nacht, die dem Dreikönigstag weichen musste, wieder in sein unheimliches Reich zurückzog.
Die »Wilde Jagd«
Dieser Begriff geistert seit vielen Jahrhunderten durch die Mythen und Überlieferungen. Die Wilde Jagd wird meist mit dem Übergang vom alten Jahr ins neue Jahr verbunden. Anführer der Wilden Jagd ist Odin (Wodan), der einäugige germanische Gott, der das achtbeinige Pferd Sleipnir reitet und von den Wölfen Geri und Freki (der Gierige und der Gefräßige) und den Raben Hugin (Gedanke) und Munin (Gedächtnis/Erinnerung) begleitet wird. Er ist der höchste und älteste aller Götter und trägt viele Namen: Allvater, Galgengott, Herr der Gefallenen, Grimnir, der Dritte. Auch Wildjäger, Helljäger oder Nachtjäger. Bei den Nordgermanen hieß er Odin, bei den Westgermanen Wodan. Odin, als Walvater, wählte die auserwählten Helden und Walküren (die im Dienste Wodans stehenden »Totenwählerinnen« aus), die in Walhall Aufnahme fanden.
Wodans Welt und Herrschaftsbereich ist Walhall, wo die in der Schlacht getöteten Krieger sich um ihn versammeln und ihm huldigen. Odin, der oberste aller Asen, der Allvater, gebietet dem Wodesheer, das die Menschen während der Rauhnächte in Angst und Schrecken versetzt.
Odins Geisterzug besteht aus toten Seelen, aus Menschen, die vorzeitig gewaltsam oder unglücklich zu Tode kamen. Aus ungetauften Kindern, Hexen, Druden, bösen Geistern, Kobolden und – nach einer sehr alten Überlieferung – aus einem einäugigen Schwein. Wenn das wilde Heer in den Rauhnächten lärmend und tosend durch die Lüfte brauste, duckten die Menschen sich in Häusern, Höfen und Kammern ängstlich und furchtsam zusammen, in der Ungewissheit, was ihnen bevorstand. Oder was die Wilde Jagd noch mit ihnen vorhatte.
Um Odin und sein Jagdgefolge gütlich zu stimmen und zu besänftigen, brachte man Opfer dar und stellte Reste vom Weihnachtsessen und Weihnachtsgebäck unter den Obstbäumen bereit und vertraute auf den Schutz durch die Räucherungen.
Die Nacht gehört den Geistern
Der Glaube an Geister, nicht sichtbare Wesen, Hexen und Kobolde war im Volksglauben tief verhaftet. Vor allem vor der Nacht fürchteten sich die Menschen. Die Nacht gehörte den Unwesen, den Gespenstern, den Jenseitigen, die sich nicht sichtbar machten oder nicht sichtbar werden konnten, der Zeit, nach deren Ende das Licht der Sonne durch ihre Strahlkraft allem Spuk ein Ende bereitete.
Unsere Vorfahren glaubten, dass in den Rauhnächten die Naturgesetze außer Kraft seien und die Tore zur Anderswelt sich immer wieder öffneten. Aus diesem Grund konnte man mit seinen Ahnen leichter in Kontakt treten, wodurch Orakel und Weissagungen begünstigt wurden. Allerdings musste man sich auch sehr vor den herumwandernden bösen Geistern in Acht nehmen – z. B. vor der Percht. Um diese zu besänftigen, stellte man in manchen Gebieten Milch und Brot vor die Tür. Vor allem um Silvester soll nach altem Volksglauben die Wilde Jagd stattfinden, in der Geister, Dämonen, wilde Tiere und andere Seelen über den Himmel toben und ihr Unwesen treiben. Deshalb sollte man in der Nacht nicht aus dem Haus gehen, schon gar nicht die Kinder hinauslassen und zum Schutz eine Kerze ins Fenster stellen. Im alpinen Raum schürten die tosenden Winterstürme die Angst vor den dunklen Wesen und verstärkten den Glauben an die Wilde Jagd.
PERCHTENLÄUFE
INFO
Den Sieg über die bösen Mächte demonstrierten die Perchtenläufe, bei denen durch Peitschenknallen, Böllerschießen und Glockenläuten viel Lärm gemacht wurde, um das Böse zu vertreiben, damit man nicht von Krankheit befallen oder gar dem Tod ausgeliefert wurde. Dieser Brauch wird auch heute noch vielerorts ernst genommen.
Um sein Haus, seine Familie und seine Tiere zu schützen, räucherte das Familienoberhaupt Haus, Stall und Hof mit Kräutern und Weihrauch oder anderen Räuchermitteln aus. Abschließend wurde in allen Räumen, aber auch in den Ställen, Weihwasser vom letztjährigen Dreikönigstag ausgeteilt.
Die Wilde Jagd in unserer Zeit
Im sogenannten aufgeklärten 21. Jahrhundert glauben wir nicht mehr an die Wilde Jagd mit Wodan als Chef einer lärmenden und Krawall machenden Bande unbeherrschter oder adrenalindurchpulster Horden.
Doch wer hat noch nicht an unsichtbare Geister gedacht, wenn es im Himmel über uns donnert und blitzt und ein Höllenlärm jedes Gespräch erstickt? Wenn der Wind uns die Mütze vom Kopf bläst, den Regenschirm zum Regen-auffangbecken umkehrt, die zuckenden Blitze uns mehr erschrecken als das Flashlight jedes Selfie-Fotos?
Kommt da nicht die Angst hoch, dass die Elemente es uns jetzt heimzahlen wollen, weil wir manchmal so in den Tag hineinleben – ohne uns zu vergegenwärtigen, dass es da noch etwas anderes gibt als unseren ganz persönlichen Alltag?
Es gibt noch immer sehr viele Menschen, die Angst vor einem Gewitter haben, die zusammenzucken, wenn der Donner übers Land rollt, denen das Blut aus dem Gesicht weicht, wenn knochenweiße Blitze die Nacht erhellen.
Ob es vielleicht doch noch Geister und Wesen gibt, die für unsere menschlichen Augen zwar unsichtbar sind, aber uns ständig und aufmerksam umgeben? Ist ein Kurzschluss im Stromkreislauf wirklich nur eine technische Störung? Oder der Riss des Keilriemens im Auto nur ein Materialfehler? Was ist, wenn auf einmal das Smartphone flackert? Möglich, dass einem Kobold oder einem schlecht gelaunten Besucher aus der Anderswelt unser Gespräch oder eine Formulierung nicht passte und er deshalb böse reagierte … Wenn wir im Leben alles ausschließen, können wir auch nicht mehr überrascht werden. Lassen wir uns also darauf ein!
Warum »rauh«?
Es gibt verschiedene Überlieferungen und Auslegungen, woher sich die Bezeichnung »rauch« oder »rauh« ableitet. Wahrscheinlich ist, dass es vom »Räuchern« herkam, da während der Rauhnächte Häuser, Höfe und Ställe ausgeräuchert wurden, um die bösen Geister und Dämonen davonzujagen und alle Übel des letzten Jahres zu beseitigen.

Haarige Gestalten treiben ihr Unwesen …
Einer anderen Auslegung nach kommt rauh von »haarig, wild«, weil die Dämonen, bekleidet mit dicken Fellen, ihr nächtliches Unwesen trieben. In der Oberpfalz wurden die Rauhnächte auch als Raubnächte bezeichnet.
Die heiligen Nächte
Die zwölf Nächte haben eine wichtige Bedeutung für das bevorstehende neue Jahr, sie gelten als Zaubernächte, mancherorts als heilige Nächte, als zukunftsweisend. Jede Rauhnacht steht für einen Monat des kommenden Jahres, daher lässt sich mit ausgesuchten und überlieferten Orakeln in die Zukunft blicken. Was man beispielsweise in der letzten Rauhnacht (der Nacht vom 5. auf den 6. Januar) träumt, kann im Dezember des nächsten Jahres in Erfüllung gehen.
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