Für Josef Karl B.-Meyer war klar, dass das vom Kloster unterstützte Konkurrenzunternehmen gezielt gegen die Firma Benziger aufgebaut wurde. Er vermutete politische Motive. Hintergrund war folgender: Josef Karl B.-Meyer und in geringerem Mass auch sein Bruder Nikolaus B.-Benziger I hatten sich politisch immer wieder für liberale Anliegen eingesetzt, die den Interessen des Klosters zuwiderliefen. Sie setzten sich beispielsweise für die Gleichberechtigung der äusseren Bezirke des Landes ein und befürworteten die vorübergehende Kantonstrennung im Jahr 1833. Vor allem aber setzte Josef Karl als Mitglied der «Kommission zur Verwaltung der Allmeindgüter von Waldstatt und Stift gemeinsam» und ab 1829 für vier Jahre als Bezirksammann die Trennung der Allmeindgüter durch. Im Kloster schuf er sich damit Feinde: «Es stosst ihm [dem Kloster] immer noch die alte Galle auf, wenn es nur unsere Namen hört», schrieb B.-Meyer im Januar 1838 an einen Freund. Durch die Unterstützung ihrer Konkurrenten habe das Kloster seinem Geschäft bereits «ungeheuren Schaden» zugefügt. 1661839 verkaufte das Kloster seine Anteile an der Firma zwar offiziell an Kuriger & Co., agierte aber weiterhin als deren Förderer. Wiederum ein Jahr später konfrontierte B.-Meyer Abt Cölestin Müller in einem Schreiben mit dem Vorwurf, aus «unedlem Nachgefühle» gezielt und gewaltsam auf den Niedergang des vom Kloster unabhängigen Einsiedler Druckereigewerbes hinzuarbeiten. 167Im selben Jahr wandte sich B.-Meyer an seinen Freund Nazar von Reding (1806–1863) in Schwyz, der aus einer politisch einflussreichen Familie stammte und in seiner Laufbahn die höchsten politischen Ämter des Kantons ausübte: «Ich sage es Ihnen also freimüthig […]: meine gegen das Kloster bisher beobachtete politische Stellung kann ich länger nicht behaupten, ohne die Meinigen zu verderben.» 168Das Kloster unterstütze die Firma Kuriger & Co. mit einem Kapital von mehr als 20 000 Florin, lasse alle eigenen Druckaufträge ausschliesslich bei seiner Konkurrenz ausführen, verbiete es seinen Lehensleuten, Bücher von seiner Firma zu beziehen und tue auch sonst alles, um den Absatz seines Geschäfts zu schmälern.
Konkreter Anlass für die Korrespondenz war ein attraktiver Druckauftrag, den das Kloster zu vergeben hatte. Das Kloster besorgte seit 1832 die deutsche Übersetzung der Annalen der französischen «Gesellschaft zur Verbreitung des Glaubens» und liess das Heft bei der Firma Kuriger & Co. drucken. Die Auflage der alle zwei Monate erscheinenden Schrift war mit 12 000 Exemplaren und rund 500 000 Druckbogen jährlich so hoch, dass die unliebsame Konkurrenz von der Firma Benziger kaum verdrängt werden konnte, solange sie sich dieses Grossauftrags gewiss sein konnte. B.-Meyer schrieb an von Reding: «Ohne diesen Zufall hätten wir die Hoffnung nähren können, es werde am Ende das Kloster an Opfern ermüden u. leichten Spieles hätten wir diese Pfuscher von Handelsleuten aus dem Felde getrieben. Jetzt aber können diese Lümmeln im Handel sorglos herumtappen u. zufahren …» 169B.-Meyer bat von Reding darum, direkt oder über einen Mittelsmann bei Subprior Pater Thomas Inderbitzin, der im Kloster für dieses Geschäft zuständig war, in dieser Sache Einfluss zu nehmen. Die Firma Benziger hat den Druckauftrag zwar selbst nie erhalten, nach 1842 scheint aber auch Kuriger & Co. die Annalen nicht mehr gedruckt zu haben. 1701849 gelang es der Firma Benziger schliesslich, die Firma Kuriger & Co. zu übernehmen. Bis 1851 kaufte man auch drei weitere Firmen vor Ort auf und sicherte sich eine Monopolstellung am Platz Einsiedeln. 171
Die spannungsvollen 1830er- und 1840er-Jahre der Unternehmensgeschichte widerspiegeln die kantonale Politik jener Jahrzehnte. Der Kanton Schwyz kam zwischen 1830 und 1848 politisch nicht zur Ruhe und war tief in einen inneren und einen äusseren Teil gespalten. Man stritt sich über eine neue Verfassung, die zu einer vorübergehenden Kantonstrennung und 1833 zur Besetzung des Kantons durch eidgenössische Truppen führte. Für Konflikte sorgte auch die Jesuitenberufung in Schwyz im Jahr 1836 und vor allem die Verteilung der Allmeindnutzungsrechte («Hörner- und Klauenstreit»). «Im alten Land wogt es von Grundwellen», heisst es 1835 in einem Brief von Josef Karl B.-Meyer, die «seit Tellssprung» nicht mehr «so aufgeregt» gewesen seien. 172Geteilt war die Meinung auch über den Beitritt zum Sonderbund 1845 und über den Eintritt in den Sonderbundskrieg zwei Jahre später. Die Gebrüder Benziger sprachen sich öffentlich für eine einvernehmliche Lösung und gegen den Kriegseintritt aus.
In den Quellen der Firma Benziger finden sich allerdings keine Hinweise darauf, dass die Geschäftstätigkeit durch die politischen Spannungen eingeschränkt worden wäre. «Unser Verlag schwol von Jahr zu Jahr immer mehr an», heisst es beispielsweise in einem Brief von Josef Karl B.-Meyer von 1840. 173So turbulent jene Jahrzehnte politisch auch waren, so sollte der direkte Einfluss der Politik auf die Wirtschaft dennoch nicht überschätzt werden. Wie die oben geschilderte Auseinandersetzung mit dem Kloster zeigt, spielte die politische Grosswetterlage indirekt dennoch eine Rolle. Die Firma Benziger war auf ein gutes Verhältnis zum nach wie vor mächtigen Kloster angewiesen. Und dieses Verhältnis war durch die politischen Auseinandersetzungen zerrüttet, wenn auch zu einzelnen liberal-katholisch gesinnten Konventualen stets gute Kontakte bestanden. 174
Auf die internationalen Geschäftskontakte und den internationalen Absatz hatten die politische Haltung und die Exponiertheit der Verleger Benziger freilich kaum Auswirkungen; im lokalen Raum aber engte die politisch dezidiert liberale Haltung den geschäftlichen Handlungsspielraum ein, indem sie geschäftliche Beziehungen zu politisch anders Gesinnten erschwerte.
Durch die Übernahme der lokalen Konkurrenzfirmen sicherte sich die Firma Benziger ab 1851 für einige Jahre eine Monopolstellung. Schon bald wurden in Einsiedeln aber erneut «unliebe Conkurrentschaften» gegründet, so 1858 die Firma Eberle, Kälin & Co. und 1865 die Firma Wyss, Eberle & Cie. Auch diese Geschäfte erreichten eine beträchtliche Ausdehnung. Die Firma Wyss, Eberle & Cie. beschäftigte 1882 immerhin 52 Fabrikarbeiter. 175Bei der Firma Eberle, Kälin & Co. dürfte die Zahl der Angestellten noch deutlich höher gewesen sein.
Besonders Eberle, Kälin & Co., die grössere der beiden Firmen, trat in einen mit harten Bandagen geführten Konkurrenzkampf zur Firma Benziger. Gegründet haben die Firma der Jurist und spätere Nationalrat Josef Anton Eberle (1808–1891) und der Kantonsschreiber und später ebenfalls in den Nationalrat gewählte Ambros Eberle (1820–1883) sowie dessen beide Schwäger Anton (1840–1923) und Werner Kälin (1833–1923). Ambros Eberle hatte bereits in den 1840er-Jahren in Schwyz eine Druckerei betrieben und gab ab 1846 das «Schwyzerische Volksblatt» (später «Schwyzer Zeitung») heraus. Die Firma Eberle, Kälin & Co. errichtete ein Fabrikationsgebäude in Einsiedeln, verfügte über dampfbetriebene Buchdruckschnellpressen und betrieb eine eigene lithographische Anstalt, eine Rosenkranzfabrikation und eine moderne Buchbinderei. In den 1870er-Jahren richtete die Firma eine Filiale in Sulz im Oberelsass ein. Bereits zu Beginn der 1860er-Jahre bestanden Pläne, die Firma Benziger auch in den USA zu konkurrenzieren und eine eigene Filiale in New York oder Cincinnati zu errichten. Die Pläne wurden über eine intensive Zusammenarbeit mit der Firma Pustet in Regensburg, einem der grössten Konkurrenzgeschäfte von Benziger, Tatsache. Die Firma Pustet gründete 1866 eine Filiale in den USA und sorgte ab 1868 auch dort für Absatz der Bücher der Firma Eberle.
Ab 1866 gab die Firma Eberle einen eigenen Volkskalender, den «Neuen Einsiedler Kalender», heraus, der den «Einsiedler Kalender» (seit 1841) konkurrenzierte. Besonders aber profilierte sich die Firma Eberle in der Herstellung und im Vertrieb von Gebetbüchern. Die Praxis von Eberle, Kälin & Co., Verlagswerke von Benziger nachzudrucken, gab häufig Anlass zu Konflikten. International war die alte Praxis der Raubkopie ab den 1850er-Jahren stark unter Druck geraten. Im August 1863 schrieb die Verlagsleitung in die USA: «Die Lage in Europa & die Auffassung in Europa ist seit wenig Jahren ganz anders als früher. Vor 10 Jahren lebte Belgien von franz. Nachdruck, jetzt haben England, Frankreich, Belgien, alle deutschen Staaten, Oesterreich, ganz Italien Nachdrucke gesehen & Verträge gegenseitig zu Schutz & Abhülfe. Selbst in der Schweiz sind 12 Kantone schon beigetreten. […] es folgt voraussichtlich für die ganze Schweiz der Zwang einzutretten in Gegenseitigkeit von Verfolgung des Nachdrucks.» Die Firma Eberle, Kälin & Co., die bereits zwanzig Bücher aus ihrem Verlag nachgedruckt hätten, gelte es in dieser Situation nachdrücklich an den «Pranger zu stellen als Nachdrücker». 176Auch für die Firma Wyss, Eberle & Cie. war der Nachdruck von Verlagswerken von Benziger ein wichtiger Pfeiler ihres Unternehmens. Die ersten zehn Gebetbücher, die bis 1866 in ihrem Verlag erschienen, waren alles Nachdrucke von Werken aus dem Benziger Verlag. 177
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