Die Familie Benziger unterstützte das Schulwesen auch durch grössere und kleinere finanzielle Zuwendungen. Das Vermächtnis von Nikolaus B.-Benziger I beispielsweise umfasste zahlreiche Legate. Neben Zuwendungen unter anderem an die Inländische Mission, die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft und den Bezirk Einsiedeln gehörte auch die Einrichtung von kleinen Bibliotheken von je rund hundert Bänden mit Jugendschriften in den Bezirksschulen in Einsiedeln sowie den sechs im Bezirk liegenden Vierteln dazu. 207
Die Förderung des Schulwesens durch Josef Karl B.-Meyer und Nikolaus B.-Benziger, die auch die folgende Generation weiterführte, lässt sich zum einen als soziales Engagement aus liberaler Warte interpretieren. Man war sich letztlich aber auch bewusst, dass die Firma ihr Personal mehrheitlich in der Region rekrutierte und sich eine solide Volksschulbildung langfristig positiv auf das eigene Geschäft auswirken würde. Bezeichnenderweise galt ihnen mit dem Zeichenunterricht jenes Fach als besonders förderungswürdig, das im grafischen Gewerbe besonders wichtig war. 208In einem Bericht zur Schweizer Landessausstellung 1883 schrieb Adelrich B.-Koch: «Wie in fast allen Gewerben das Zeichnen eine wichtige Rolle spielt, so ganz besonders in den Zweigen, mit denen wir es zu thun haben. Ein Arbeiter, der nicht etwas zeichnen kann, ist in den meisten grafischen Fächern schlecht verwendbar; dagegen ist er in dem Verhältnis werthvoller, in welchem er im Zeichnen tüchtig ist. Diese Bemerkung gilt selbst für jeden einfachen Drucker.» 209Zeitweise bestanden gar Pläne, in Einsiedeln eine Zeichnungs- und Kunstgewerbeschule einzurichten. 210
Verlagswerbung – Einsiedeln als «Label»
Die Firma Benziger investierte viel in die Bewerbung der eigenen Verlagsprodukte. Um das 1866 gegründete Unterhaltungsblatt «Alte und Neue Welt» bekannt zu machen, druckte sie nicht weniger als 250 000 Prospekte, die zusammen mit «tausende[n] von Noten, Circularen, köstliche[n] Inseraten in die Welt» geschickt wurden. 211In der «Alten und Neuen Welt» sowie im auflagenstarken «Einsiedler Kalender» wurden regelmässig und umfangreich übrige Verlagsprodukte beworben. Im Januar 1866 schrieb Adelrich B.-Koch in die USA, man müsse unbedingt die eigenen «Zeitungen besser benützen zu öfteren Anzeigen uns. Bücher» und diese «stark, gross u. oft» bewerben. 212
Fast immer dazu gehörte eine Abbildung des Klosters Einsiedeln. Einsiedeln und das Kloster waren zwei Begriffe, die zusammengehörten. Die emblematische Darstellung der Klosterfassade, die für viele Katholiken einen hohen Wiedererkennungswert besass, und der Name Einsiedeln, der in den Köpfen der Menschen Bilder von Wallfahrt und Frömmigkeit evoziert haben dürfte, wurden von der Firma Benziger als «Label» verwendet.
Die Firma Benziger war bestrebt, sich in die Geschichte und das Erscheinungsbild Einsiedelns einzuschreiben. Zeitgenössische Werbevignetten beispielsweise inszenierten nicht selten eine Art Beziehungsdreieck zwischen Einsiedeln, dem Kloster und dem Namen Benziger. 213Für einige Zeit evozierte der Name Einsiedeln genauso den Namen Benziger, wie er Bilder des Klosters hervorrief. 1888 erschien in der «New York Times» die Beschreibung einer Reise, die der amerikanische Minister John F. Lang im selben Jahr durch Bayern und die Schweiz gemacht hatte. Von München führte die Reise via Lindau und den Bodensee bis nach Romanshorn, von wo er mit der Eisenbahn nach Zürich fuhr. «At Zurich we waited to change cars without any visit about the city», schrieb Lang. Er bevorzugte es, anstatt die Zwinglistadt zu besichtigen, noch am selben Tag nach Einsiedeln zu reisen, wo er abends um neun Uhr eintraf. Von Einsiedeln schienen ihm in seinem kurzen Bericht drei Dinge erwähnenswert, erstens – und noch vor dem Kloster – die Firma Benziger und ihr «immense business», das Lang wahrscheinlich von den amerikanischen Filialen her bereits vor seiner Reise bekannt gewesen war, zweitens das Kloster und die Mönche, die er als eine «handsome class of gentlemen» beschrieb, und drittens die Wallfahrt und insbesondere die zahlreichen Pilgerhotels, die so gut ausgerüstet seien «as many in large cities». 214
Über Inserate und Verlagsprodukte machte die Firma Benziger den Namen Einsiedeln und die Einsiedler Wallfahrt auch bei Menschen bekannt, die noch nie eine Wallfahrt dahin unternommen hatten, und trug Bilder der Einsiedler Klosterfassade in Gegenden, die ausserhalb der traditionellen Einzugsgebiete der Wallfahrt lagen. Die Firma Benziger dürfte so gesehen einerseits vom «Label» Einsiedeln profitiert haben, dieses «Label» aber noch weiterverbreitet und so ihrerseits die Wallfahrt gefördert haben.
Die Familie Benziger als kapitalstarke Elite hat die Modernisierung Einsiedelns als Geschäftsbesitzerin, politischer Entscheidungsträgerin und private Gönnerin in vielfältiger Weise gefördert. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es kaum ein grösseres Projekt, an dem die Familie Benziger nicht beteiligt war. Mit zwei Bemerkungen möchte ich dieses Kapitel abschliessen. Erstens gilt es festzuhalten, dass sich die verschiedenen Funktionen, in denen Familienmitglieder als Akteure auftraten, nicht scharf voneinander trennen lassen. Sie waren nicht tagsüber Unternehmer, abends Privatleute und zwischendurch Politiker. Sie förderten als Bezirks-, Kantons- und Regierungsräte und als Schulpräsidenten die Volksschule und waren als Arbeitgeber auf solid geschulte Arbeitskräfte angewiesen, sie unterstützten die Einrichtung einer Waisenanstalt für Knaben und zogen diese zum Kolorieren von Andachtsbildern in ihrer Firma heran, sie ermöglichten die Errichtung eines Panoramas, förderten so die Attraktivität Einsiedelns für Pilger und Touristen, die gleichzeitig die Konsumenten ihrer Verlagserzeugnisse waren. Martin B.-Dietschy besuchte 1862 die Weltausstellung in London. Da er nicht nur Leiter der technischen Abteilung des Verlagsgeschäfts, sondern auch Feuerwehrkommandant war, interessierten ihn nicht nur Neuerungen im Druckerwesen, sondern auch eine neuartige, auf beweglichen Rädern angebrachte Feuerspritze, die er dort ausgestellt sah. Im März 1863 erkundigte er sich in Cincinnati, wo die Feuerspritzen offenbar hergestellt wurden, im eigenen Filialgeschäft nach Musterzeichnungen und Katalogen derselben und wollte eine für die Ortsfeuerwehr anschaffen lassen. 215
Die zweite Bemerkung betrifft die geografische Ausdehnung der beschriebenen Rückkoppelungseffekte. Die Familie Benziger pflegte einerseits weit verzweigte Kontakte. Nikolaus B.-Benziger II beispielsweise, der von 1883 bis 1905 im Nationalrat und ab 1905 bis zu seinem Tod 1908 im Ständerat und daneben Mitglied in zahlreichen regionalen und nationalen katholischen Vereinen und Vereinigungen war, betätigte sich in fortgeschrittenem Alter als Mäzen mit weit verzweigtem Korrespondentennetz. Zuwendungen erhielten neben nah und weniger nah verwandten Personen etwa der Abt des Klosters in Disentis, das Seraphische Liebeswerk, zahlreiche Geistliche im In- und Ausland, die Direktionen des Vereins der Glaubensverbreitung und des Vereins der heiligen Kindheit, die Oberin der Menzinger Schwestern, das Töchterinstitut Heilig Kreuz in Cham oder der Schweizer Piusverein. 216Andererseits tätigte man ausserhalb Einsiedelns kaum jemals grössere Investitionen. Immer wieder bestanden zwar Pläne dazu, etwa 1877, als man daran dachte, eine Papierfabrik im Kanton Nidwalden zu kaufen 217, oder 1882, als Adelrich B.-Koch die Pension Jütz, ein altes Kurgasthaus, in Seewen SZ kaufte und an dieser Stelle ein vom Orden der «Englischen Fräulein» 218geleitetes Töchterinstitut errichten lassen wollte. 219Pläne, die grössere Investitionen ausserhalb der Region Einsiedeln vorsahen, wurden letztlich aber nie realisiert. Das direkte Umfeld in und um Einsiedeln blieb im 19. Jahrhundert stets der wichtigste Bezugsraum.
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