Teil II behandelt verschiedene praktische Themen der Liturgie in Pflegeheimen. Es geht um Räume, in denen Gottesdienste gefeiert werden, um verschiedene Formen von Gottesdiensten oder die Bedeutung von Musik und Symbolen für die Feier von Gottesdiensten mit Menschen mit Demenz.
Teil III stellt die Frage, welche Rolle liturgische Angebote im Rahmen der Institution spielen, ob – und wenn ja, in welchem Sinn – sie notwendiger Bestandteil eines umfassenden Verständnisses von Pflege und Betreuung sind.
Methode
Papst Franziskus sagt in Evangelii gaudium 234-235 über das Verhältnis von Idee und Wirklichkeit: „Die Wirklichkeit steht über der Idee. Die von der Wirklichkeit losgelöste Idee ruft wirkungslose Idealismen und Nominalismen hervor, die höchstens klassifizieren oder definieren, aber kein persönliches Engagement hervorrufen. Was ein solches Engagement auslöst, ist die durch die Argumentation erhellte Wirklichkeit.“ 10Diesem Gedanken fühle ich mich methodisch verpflichtet.
Die Beschäftigung mit der Frage, was demenzgerechte Liturgie in Pflegeeinrichtungen heute ausmacht, basiert auf einer qualitativen empirischen Forschung in zwei Schritten. In einem ersten Schritt habe ich die zuständigen Referentinnen und Referenten für Seelsorge in Altenheimen in österreichischen und deutschen Diözesen angeschrieben und sie darum gebeten, einen kurzen Fragebogen an die hauptamtlichen Seelsorger und Seelsorgerinnen in diesem Bereich zu schicken. 11
Die Rücklaufquote dieser Umfrage war gering: Es kamen aus Österreich acht Antworten von Pflegeheimseelsorgerinnen und –seelsorgern (einige Fragebogen kamen von anderen Personen beantwortet zurück, diese habe ich bei der Auswertung nicht berücksichtigt), davon einer aus der Diözese Innsbruck, zwei aus der Diözese Graz-Seckau und fünf aus der Erzdiözese Wien.
Direkt aus der Zielgruppe meiner Befragung kamen aus Deutschland nur fünf Antworten, obwohl ich mich bemüht habe, alle zuständigen diözesanen Stellen zu kontaktieren – eine aus Augsburg, eine aus Würzburg, eine aus Bentheim (Diözese Osnabrück), eine aus Köln, und eine aus Aachen. 12
In einem zweiten Schritt habe ich Gottesdienste in Einrichtungen besucht und Gespräche mit an der Gestaltung beteiligten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen geführt. Insgesamt war ich in zwölf Institutionen, drei in Deutschland und neun in Österreich. Ich habe dabei acht Gottesdienste besucht und vierzehn Gespräche geführt und protokolliert. Meine Gesprächspartnerinnen und -partner waren neun hauptamtliche katholische Seelsorgerinnen und Seelsorger – unter ihnen ein Priester –, sowie ein pensionierter Priester, der in dem Heim wohnt und priesterlichen Dienst versieht, zwei Ärzte, je eine Musiktherapeutin, eine Sozialbegleiterin und eine Mitarbeiterin mit verschiedenen Aufgaben in der Betreuung mit Schwerpunkt auf Seelsorge und Sterbebegleitung. Eines der Gespräche konnte aus gesundheitlichen Gründen nur in schriftlicher Befragungsform durchgeführt werden. 13
Die Auswahl der Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner macht deutlich, dass hier eine Vorentscheidung getroffen wurde, die nur eine von vielen möglichen Varianten ist. Eine grundlegende methodische Schwierigkeit dieser Arbeit ist es, dass die Menschen, die eigentlich Auskunft geben könnten, ob Gottesdienste demenzgerecht sind, als Gesprächspartnerinnen zu komplexeren Themen nicht in Frage kommen. 14Ich hätte mich ganz auf die Beobachtung von Menschen mit Demenz beschränken können, wofür die Methode der dichten Beschreibung ein gutes Instrument gewesen wäre. 15Ich hätte Gespräche mit Menschen am Beginn des Demenzprozesses führen können, die durchaus dazu in der Lage sind. Ich hätte Angehörige miteinbeziehen können. Am besten wäre es gewesen, all das und noch mehr zu tun. Daran haben mich meine beschränkten zeitlichen Möglichkeiten gehindert.
Auf der Suche nach einer geeigneten qualitativen sozialwissenschaftlichen Methode haben mich die von Roland Girtler in seinen Methoden der Feldforschung vorgeschlagenen Vorgehensweisen überzeugt. 16Ihnen liegt ein stärker am Verstehenwollen als an „Unterscheiden, Vergleichen, Messen, Kategorisieren, Analysieren“ 17orientiertes Wissenschaftsverständnis zugrunde, das ein Eintauchen in die Lebenswelt der Menschen, um die es geht, erforderlich macht. An seinem Forschungsplan orientiert habe ich Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen geführt, die professionell im Bereich der Seelsorge in Einrichtungen der Altenpflege tätig sind. Meine Hoffnung hat sich bestätigt, dabei auf Menschen zu treffen, die sich schon viele Gedanken darüber gemacht haben, wie gute Liturgie mit alten Menschen, die von Demenz betroffen sind, gefeiert werden kann. In ihren Einrichtungen habe ich als teilnehmender Beobachter Gottesdienste mitgefeiert und protokolliert. 18
Als langjähriger Seelsorger im Krankenhaus und Pflegeheim gehe ich selbstverständlich mit einem ‚Vorverständnis‘ an die wissenschaftliche Arbeit heran und kann nicht so tun, als würde ich als distanziert agierender Wissenschaftler wissenschaftliche Hypothesen verifizieren oder falsifizieren. Girtler bemängelt, dass dieses „Vorverständnis bzw. Alltagswissen des Forschers […] bei den Verfahren, bei denen ‚Hypothesen aufgestellt und getestet‘ werden, kaum oder nicht reflektiert“ wird. 19Die Methode Girtlers ermöglicht es, das Vorverständnis als Ressource einzubringen, wobei natürlich „das eigene Vorverständnis einer dauernden Prüfung unterzogen wird“ 20. Der Forscher „muss die Demut aufbringen, sich überraschen zu lassen und von seinen vorgefassten Interpretationen abzurücken. Das ist allerdings erst dann möglich, wenn ein intensiver Kontakt zu den betreffenden Menschen besteht.“ 21
Neugier und Poesie sind zwei weitere Stichwörter, die für Girtlers Zugang zu einem Forschungsfeld bedeutsam sind. „Es ist die Lust, hinter den Schleier der Wirklichkeit zu schauen und darüber zu berichten.“ 22Diese Lust hat auch mich dazu bewegt, einen Schritt von der praktischen Alltagsarbeit zur wissenschaftlichen Erforschung meiner Arbeitswelt zu versuchen. Poesie ist für den Menschen, der dafür sensibel ist, ein dauernder ‚Gast‘ in der Begegnung mit Menschen mit Demenz. Ihre ‚gestörte‘ Sprache ist oft hoch poetisch, ihr Verhalten faszinierend, manchmal komisch, oft bewegend tragisch. Dieser Tatsache versuche ich mit kursiv gedruckten Textpassagen Rechnung zu tragen. Es sind Geschichten aus meinem eigenen Arbeitsalltag oder solche, die mir persönlich erzählt wurden. Ohne methodischwissenschaftlichen Anspruch sollen diese Einschübe etwas von der Lebendigkeit des Alltags, die auch in einem Pflegeheim-Wohnbereich täglich erlebt werden kann, in den vielleicht sonst trockenen Text bringen.
Gedichte, die manchmal am Beginn oder Ende eines Abschnittes stehen, haben nur einen assoziativen Bezug zum Text. Auch sie bringen für mich den Aspekt der Poesie in eine sich als wissenschaftlich darstellende Arbeit. Sosehr mich theologisches Nachdenken über Gott und die Welt fasziniert, brauche ich selbst Poesie als ein ‚Grundnahrungsmittel‘ für mein Leben. Gedichte eröffnen mir Zugänge, die dem Denken sonst verschlossen bleiben, und so sind diese Texte für mich persönlich Ermutigung, Stärkung und Trost beim Schreiben gewesen. Aus diesem Grund habe ich sie eingefügt und belassen, weil ich mir denke: Vielleicht geht es jemandem, der diese Arbeit liest, damit ähnlich wie mir.
In einem wichtigen Punkt folge ich in diesem Buch dem Beispiel der Autorinnen von Demenz und Palliative Care in der Praxis, Marina Kojer und Martina Schmidl: „Pflegeheime sind Frauenwelten, […] Welten, in denen überwiegend hochbetagte Frauen leben, die von jüngeren Frauen gepflegt, ärztlich versorgt, therapeutisch betreut sowie von weiblichen Angehörigen und Ehrenamtlichen besucht werden. Um diese Realität zu spiegeln, und auch um der weniger schwerfälligen Lesart willen, verzichten wir, wenn nicht ausdrücklich von einem Mann die Rede ist, auf Gendergerechtigkeit und verwenden daher ausschließlich die weibliche Form.“ 23
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