Alte, pflegebedürftige Menschen sind eine gesellschaftliche Gruppe, die in vielfacher Weise in Gefahr ist, vergessen und übersehen zu werden, und das, obwohl ständig vom Wachstum dieser Gruppe die Rede ist: Die Wirtschaft interessiert sich für sportliche Aktiv-Senioren und Seniorinnen als kaufkräftige Gruppe (Stichwort ‚erfolgreiches Altern‘) und prägt ein Bild des Alters, das Krankheit, Verfall und Tod ausblendet. Wenn der zuständige diözesane Fachbereich von ‚Altenpastoral‘ in ‚Seniorenpastoral‘ umbenannt wird, wie in der Erzdiözese Wien geschehen, deutet das in die gleiche Richtung. In der politischen Diskussion sind alte, pflegebedürftige Menschen primär als Kostenfaktor präsent. Und aus Kirchengemeinden verschwinden Menschen, wenn der gesundheitliche Zustand sich verschlechtert – oft gemeinsam mit ihren pflegenden Angehörigen, die keine Zeit mehr haben, diesen Kontakt zu halten. Unter meinen Kolleginnen und Kollegen in der Seelsorge erlebe ich auch, dass Arbeit auf der Psychiatrie, in Intensiv- oder Palliativstationen eine höhere Reputation genießt als die Arbeit in der Geriatrie. Ganz ähnlich geht es Pflegenden und anderen Berufsgruppen in diesem Bereich.
Die Präsenz in Zeitschriften, Filmen und Büchern hat Demenz gesellschaftlich ins Gespräch gebracht, auch interessant gemacht. „Die Demenz nimmt zu, kriecht aus allen Ecken der Gesellschaft, wird zum Medienstar“, konstatiert der Theologe und Soziologe Reimer Gronemeyer. „Talkshows, Filme, Erfahrungsberichte – und vor allem Projekte, Projekte, Projekte und noch mal Projekte. Das Thema Demenz wird gerade in einer medialen Massenschlacht enttabuisiert. Aber die eine Frage, die tabuisierte, die verheimlichte Frage: ob die Demenz etwas mit der Gesellschaft, in der wir leben, zu tun hat – die darf nicht gestellt werden.“ 3
Peter Pulheim und Christine Schaumberger fordern eine Bekehrung von Seelsorge und Theologie zu Menschen mit ‚Demenz‘ . Sie schreiben dazu: „Menschen mit ‚Demenz‘ sind in zweifacher Hinsicht vom Vergessen bedroht: Sie werden marginalisiert und ‚unsichtbar‘ gemacht, und sie verlieren ihr Gedächtnis und ihre Erinnerungen. Die Kirche steht daher in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass diese Menschen, ihre Erfahrungen und Erinnerungen nicht verloren gehen. Wenn Menschen mit ‚Demenz‘ und ihre Erfahrungen in Gemeinden und theologischen Texten fehlen, steht die Kirche als Erinnerungs- und Erzählgemeinschaft auf dem Spiel.“ 4Vergessen werden diese Menschen leicht, und da ihre ‚Krankheit‘ 5das Vergessen ist, ist es für sie schwer bis unmöglich, sich selbst eine Stimme zu geben und ihre Situation selbstbestimmt in die Hand zu nehmen. Mit Peter Pulheim und Christine Schaumberger halte ich es für eine politische, eine gesellschaftliche, eine pastorale und eine theologische Notwendigkeit, sich diesem Thema verstärkt zuzuwenden, und mit diesem Buch möchte ich einen Schritt in diese Richtung tun.
Problemstellung und Aufbau
Ich habe für dieses Buch den Ansatz bei der Liturgie gewählt: In meiner täglichen Arbeit als Seelsorger im Pflegeheim feiere ich regelmäßig mit Menschen Gottesdienst, die einer Predigt nicht folgen können, die kein Gesangbuch lesen können, die die Fähigkeit zu sprechen und Sprache zu verstehen teilweise oder ganz verloren haben. Meine Aufgabe ist es dabei, darauf zu achten, dass die besonderen Bedürfnisse der Gemeindemitglieder in der Art, wie gefeiert wird, ernst genommen werden. Kann Liturgie ermöglichen, dass Menschen, die vieles, fast alles, vergessen haben, auch in ihrer Demenz erfahren: „Der Herr ist mein Hirte“? Bietet der Gottesdienst eine Möglichkeit, dass Lotte Hochrieder auch heute noch etwas von dem spüren kann, was sie vor einigen Jahren als gesunde Frau im Pfarrblatt geschrieben hat: „Er ist ja mein Vater und er hat mich unendlich gern.“? Oder zumindest dafür, ihrer Verzweiflung und Verlassenheit einen angemessenen Ausdruck zu verleihen? Sind Gottesdienste in Pflegeheimen Orte und Zeiten, in denen für Menschen, die an Demenz leiden, „tatsächlich etwas von der tröstenden, hilfreichen und verstörenden Nähe Gottes aufscheint“ 6, wie es Doris Nauer formuliert?
Welche Fragen das Thema Demenz an theologische Reflexion stellt, möchte ich im Teil I behandeln. Wichtig ist mir in diesem ersten Teil, das Feld abzustecken, auch wenn die einzelnen Themen nur angerissen und nicht in ihrer Tiefe ausgelotet werden können. Als Folge einer Demenz vergessen Menschen immer mehr. Biologie, Medizin, Psychologie und Psychotherapie können Gründe und Ursachen dafür erforschen. Theologisch betrachtet ist die Frage, warum ein Mensch am Ende seines Lebens seine Erinnerungen verliert und im schlimmsten Fall Jahre in einem Pflegeheimbett „vegetiert“ (Naomi Feil verwendet diesen Ausdruck für das vierte Stadium der Demenz) 7, eine Entfaltung der Frage nach Gottes Güte, die angesichts menschlicher Leiden fragwürdig wird. Es ist eine spezifische Entfaltung, die sich wesentlich von der Frage nach dem Leiden von Kindern, wie sie Camus in der Pest oder Dostojewskij in den Brüdern Karamasow stellen, unterscheidet, wo die Unschuld der Opfer die Frage zuspitzt. Oder von der Frage nach Gott angesichts der Shoah, die in ihrem unfassbaren Ausmaß die Deutungen radikal in Frage stellt, die das jüdische Volk im Lauf der Geschichte für seine leidvollen Erfahrungen gefunden hat 8, und auch siebzig Jahre danach – vor allem im deutschen Sprachraum – den Denkrahmen für jedes Nachdenken über die Theodizeefrage bildet.
In der heutigen Zeit, in der Millionen Menschen als Folge einer ungerechten politischen und wirtschaftlichen Weltordnung zugrunde gehen, könnte man sagen, die Leiden alter Menschen in österreichischen Pflegeheimen wären ein vergleichsweise harmloses Problem. Das mag in globaler Sicht stimmen. Es ist aber immer ein Mensch, der leidet und hofft und betet. Im Rahmen dieser Arbeit sind es die alten Menschen mit Demenz in Pflegeheimen.
Das Spezifische der Frage nach Gott im Zusammenhang mit dem Altwerden und dem Verlust der geistigen Kräfte scheint mir in der Spannung der Begriffe ‚Vergessen‘ und ‚Erinnern‘ zu liegen, die darum den Titel dieser Arbeit bilden. Im Buch Jesaja und im Buch der Psalmen gibt es bekannte, sehr berührende Stellen, in denen (alte) Menschen Gott anrufen, sie nicht zu verlassen, und Gott ihnen das verspricht:
Jes 46,4: „Ich bleibe derselbe, so alt ihr auch werdet, bis ihr grau werdet, will ich euch tragen. Ich habe es getan, und ich werde euch weiterhin tragen, ich werde euch schleppen und retten.“ (Vgl. Ps 71,18; Jes. 49,15)
Oder Ps 27:10 „Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, der Herr nimmt mich auf.“
Eine alte Frau hält ihre Tasche fest, in die sie alles gepackt hat, was sie zu brauchen glaubt. Am Beginn des Demenzprozesses spürt sie, dass sie immer vergesslicher wird. Ihr ganzes Bemühen ist darauf gerichtet, dass es niemand bemerken soll. Einige Monate, vielleicht Jahre später hat sie vergessen, wer sie ist, erkennt ihren Sohn nicht mehr und spricht unverständliche Sätze. Noch später liegt sie im Bett, es ist nicht mehr möglich, sie in einen Rollstuhl zu setzen. Sie streckt ihre Arme aus und ruft nach ihrer Mutter. Ihre Mutter hat sie schon lange verlassen: Vor vielen Jahren ist sie gestorben. Daran kann die alte Frau sich nicht mehr erinnern, fühlt sich wie ein verlassenes Kind .
Der zweite und dritte Teil (II, III) beschäftigen sich mit konkreter Liturgie in österreichischen und deutschen Pflegeheimen und ähnlichen Einrichtungen, die ich besucht habe. Ich verwende den Ausdruck ‚Pflegeheim‘ bewusst unscharf als Sammelbegriff für Einrichtungen, in denen pflegebedürftige Menschen über einen längeren Zeitraum, in den meisten Fällen bis zum Tod, betreut werden. Ich problematisiere das Wort ‚Pflegeheim‘ in dieser Arbeit nicht. Der Begriff ‚Heim‘ ist durch katastrophale Zustände in Kinder- und Jugendheimen, aber auch Altenheimen in der Vergangenheit belastet. Die Aufarbeitung dieser oft verbrecherischen Zustände und die Bemühungen um Verbesserungen sind notwendig. Die Bemühungen um Verbesserungen müssen weitergeführt werden, auch die Diskussion darüber, ob solche Einrichtungen heute überhaupt noch zeitgemäß sind, ist zu führen. 9Wenig halte ich von beschönigenden Umbenennungen. Ein Heim wird nicht alleine dadurch besser, dass es Seniorenresidenz, Pflegewohnhaus oder Geriatriezentrum genannt wird. Wenn ‚Heime‘ für pflegebedürftige Menschen wirklich das sind, was das Wort bedeutet, nämlich Orte der Geborgenheit, Sicherheit, an denen Leib und Seele sich beheimatet fühlen können, wird es nicht mehr nötig sein, ständig neue Bezeichnungen zu suchen.
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