Alle drei Gleichgewichtssysteme empfangen und senden Botschaften für den Gleichgewichtserhalt vom und an das Gehirn. Sie können Ihr Gleichgewicht verbessern, indem Sie diese Systeme trainieren. Wenn Sie zum Beispiel Balanceübungen auf einem Fuß machen und diese auf einer instabilen Fläche ausführen, regt das die Propriorezeptoren des motorischen Systems dazu an, Botschaften ans Gehirn zu senden, um den Gleichgewichtssinn zu stärken. Führen Sie die Übungen mit geschlossenen Augen aus und schalten damit das visuelle System aus, müssen das vestibuläre und motorische System härter arbeiten. Dieser Effekt lässt sich auch erreichen, indem man mit offenen Augen trainiert, aber ständig von einer Seite zur anderen schaut. Sie können auch Relevé an der Stange mit geschlossenen Augen üben. Achten Sie darauf, in welche Richtung Sie schwanken und wie lang sie das Relevé halten, bevor Sie zur Stange greifen müssen.
Das Gleichgewicht lässt sich kurz gesagt trainieren und weiterentwickeln, um die neuromuskuläre Koordination zu verbessern. Übungen für das Training des Gleichgewichts finden Sie in Kapitel 11.
DAS AUSFÜHREN VON BEWEGUNGEN
Die Ausführung von Bewegungen wird über drei Nervenbahnen gesteuert:
1.Pyramidales System (Pyramidenbahn/Kortikospinaltrakt)
2.Kleinhirn
3.Extrapyramidales System
Die Pyramidenbahn überträgt motorische Signale für bewusste und präzise Muskelbewegungen. Sie beginnt im Zentrum der Großhirnrinde und verläuft durch den Hirnstamm ins Rückenmark. Über die Pyramidenbahn werden sehr detaillierte Bewegungen gesteuert. Das Kleinhirn hilft bei der Koordination der Muskeln – und das Extrapyramidale System leitet Informationen zu Gleichgewicht und Körperhaltung weiter.
Sehen wir uns mit diesem Hintergrundwissen an, was bei der Ausführung eines einfachen Tendu passiert: Die koordinierte Bewegung beginnt in der motorischen Rinde und durchläuft rund 20 Millionen Nervenfasern im Rückenmark. Die motorische Rinde ist in einzelne Bereiche aufgeteilt, die jeweils für unterschiedliche Körperteile zuständig sind. Die primär-motorische Rinde im Frontallappen erzeugt auf jeder Seite Nervenimpulse, die jeweils Muskeln auf der Gegenseite des Körpers aktivieren. Heißt: Die rechte Hirnhälfte steuert die linke Seite des Körpers und umgekehrt. Sehen Sie sich einmal in der folgenden Auflistung an, was das Nervensystem beim Erlernen eines Tendu alles leistet:
1.Die Augen sehen, wie der Lehrer ein Tendu zeigt; sofort werden Nerven und Muskeln aktiviert.
2.Das visuelle System sendet Signale an die Sehrinde im Okzipitallappen des Großhirns.
3.In der primär-motorischen Rinde im Frontallappen des Großhirns beginnt die Planung für die Aktivierung eines Tendu.
4.Die primär-motorische Rinde sendet Signale an die Stammganglien, die über den Thalamus motorische Steuerungs- und Lerninformationen zurück an die motorische Rinde senden.
5.Die motorische Rinde sendet mithilfe efferenter Nerven Signale durch den Kortikospinaltrakt.
6.Die Signale werden vom Thalamus weitergegeben.
7.Der Hippocampus wird stimuliert, um sich das Tendu einzuprägen.
8.Das Großhirn empfängt Signale zur Stimulierung des Gleichgewichtssystems.
9.Der Hirnstamm empfängt die Stimulierung und leitet sie an das Rückenmark weiter.
10.Das Rückenmark sendet Signale an Hüfte, Bein, Fußgelenk und Fuß und stimuliert so die Muskeln, die zur Ausführung des Tendu benötigt werden.
11.Die Gleichgewichtssysteme übermitteln weiter Informationen zur Tiefensensibilität.
Kommen wir noch einmal darauf zurück, wie Tanz und Training das Gehirn beeinflussen. Beim Training setzt das Gehirn diverse chemische Stoffe frei, die das Belohnungszentrum stimulieren und Stimmung und Einstellung verändern. Beim aerobischen Tanztraining werden mehr dieser Stoffe freigesetzt als beim anaeroben Tanzen – und die Produktion dieser Stoffe wird durch das Proben längerer Passagen, die für eine höhere Herzfrequenz sorgen, noch gesteigert. Zu den wichtigsten Stoffen in diesem Prozess gehören verschiedene Botenstoffe des Nervensystems (Neurotransmitter), die Impulse über die Synapsen senden. Vier dieser Transmitter – Endorphine, Serotonin, BDNF-Wachstumsfaktoren und Dopamine – stellen wir im Folgenden kurz vor:
Endorphine werden im Hypothalamus (einem Teil des limbischen Systems) produziert. Sie wirken stressmindernd und sind überdies in der Lage, Schmerzen zu dämpfen und ein Gefühl der Befriedigung oder ein Glücksgefühl zu erzeugen. Endorphine werden im aeroben Training freigesetzt.
Serotonin , das im Gehirn und im Darm erzeugt wird, sorgt ebenfalls für Wohlbefinden. Serotonin ist – kurz gesagt – für unsere gute Laune zuständig. Zu niedrige Serotoninspiegel werden dagegen in Zusammenhang mit Depressionen und Erkrankungen der Herzkranzgefäße gebracht. Regelmäßiges Training aber regt den Körper zur Produktion von Serotonin an.
BDNF („brain-derived neurotrophic factor“) ist ein weiterer Botenstoff, der durch regelmäßiges Training angeregt wird. Dieser Wachstumsfaktor beeinflusst maßgeblich den Gedächtnisausbau und unterstützt bei intensivem Training die Konzentrationsfähigkeit. Außerdem sorgt BDNF für neuronale Plastizität, die Fähigkeit des Gehirns, sich an Anforderungen anzupassen, zum Beispiel dann, wenn Sie eine neue Choreografie lernen.
Dopamin schließlich steht in Zusammenhang mit der Bewegungskoordination und Bewegungssteuerung. Es hilft außerdem dabei, konzentriert und motiviert zu bleiben. Niedrige Dopaminspiegel stehen in Verbindung mit Suchtverhalten wie zu hohem Alkohol- oder Zuckerkonsum und Drogenmissbrauch. Training regt die Produktion von Dopamin an, ebenso wie Ruhephasen und manche Antioxidantien, die man über die Nahrung aufnimmt.
Das Gehirn arbeitet 24 Stunden am Tag, sendet und empfängt Unmengen von Signalen, verarbeitet sämtliche Gefühlsregungen – und wiegt nur 1,5 Kilogramm. Überdies bildet es das Steuerungszentrum für jede Bewegung.
Wie aber kann man das Gehirn gesund und fit erhalten? Kurz: Zu den wichtigsten Maßnahmen gehören ein gutes Stressmanagement, ausreichend Schlaf und eine gesunde Ernährung.
Beginnen wir mit dem Thema Stress. Stress kann auf Dauer Funktionsstörungen der Synapsen und Nerven verursachen, weil er sich negativ auf die Produktion von Botenstoffen (Neurotransmittern) auswirkt. Stress führt überdies zur Produktion von Hormonen, die den Herzschlag beschleunigen, den Blutdruck erhöhen und die Atmung verändern.
Natrlich kann Stress manchmal anregend wirken, oft kippt das Stressgefühl jedoch ins Negative und wird übermächtig. Chronischer Stress ist Gift für Körper und Seele. Seine zerstörerische Wirkung zeigt sich an Schwächen in Kognition und Gedächtnis. Zu den Symptomen chronischer Stressbelastung gehören zudem innere Unruhe, Angstgefühle und Niedergeschlagenheit.
Um Stress zu minimieren, sollten Sie sich nicht zu viel zumuten, Selbstzweifel und Grübeln möglichst vermeiden und sich von emotional belastenden „Dramen“ in Studio oder Kompanie fernhalten. Achten Sie auch auf innere Stressursachen wie zu hohe Ansprüche an sich selbst. Nehmen Sie sich ausreichend Zeit zum Entspannen – beim Musikhören oder im Freien. Auch aktive Stressreduktion durch Atemübungen, Gebet oder Meditation ist eine Möglichkeit.
Unbedingt vermeiden sollte man chronischen Schlafmangel. Er führt zu Schwächen in Koordination, Konzentration und Gedächtnis, überdies reduziert er die Reaktionsfähigkeit. Wie aber soll man einen Auftritt bewältigen, wenn man sich nicht konzentrieren kann? Nach zu wenig Schlaf leisten Teile der Hirnrinde Mehrarbeit, um den Mangel an Erholung auszugleichen. Aber auch dann kann das Gehirn nicht dieselbe Leistung erbringen wie im ausgeruhten Zustand. Auch im Schlaf bleibt unser Gehirn aktiv, um die Nervenbahnen zu regenerieren. Machen Sie also zwischendurch ruhig mal ein Nickerchen, wenn Sie müde sind, und gönnen Sie sich Ruhe, um sich tagsüber zu erholen. Menschen brauchen unterschiedlich viel Schlaf, um sich fit zu fühlen. Wenn Sie sich erschöpft fühlen und Ihr Gehirn wie benebelt ist, brauchen Sie wahrscheinlich etwas mehr Schlaf.
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