In diesem Moment will Professor Gadner von mir wissen, ob ich noch Fragen an ihn habe, und ich schrecke auf.
»Wie lange werden die Untersuchungen dauern? Kann ich morgen wieder in St. Pölten sein?«, frage ich, ohne daran zu glauben.
Dr. Gadner schüttelt den Kopf mit einer Vehemenz, als wolle er mir verdeutlichen, dass ich den Ernst der Lage verkenne. »Ich fürchte, das ist unmöglich, Nino«, sagt er mit ruhiger Stimme.
Nach dem Gespräch schickt uns Professor Gadner zur Aufnahme auf unsere Station. Wir gehen durch die Gänge des Spitals, die mir mit jedem Schritt enger und dunkler erscheinen, benützen den Aufzug, dessen sich schließende Türen mir das Gefühl geben, gefangen zu sein.
Die Schwester auf der Station begrüßt uns freundlich, fragt, ob ich Schmerzen habe, und ich verneine. Sie bietet uns ein Glas Wasser an, das ich dankbar annehme und in einem Zug leere. Meine Mutter trinkt schluckweise und mechanisch, so als sei sie in Gedanken an einem ganz anderen Ort. Die Schwester verschwindet im Personalzimmer, kehrt mit einem Stapel Blätter und einem Kugelschreiber zurück.
Sie fragt meine Mutter, ob sie mit aufgenommen werden möchte. Meine Mutter nickt. Sie nennt der Schwester unsere Namen, die Adresse, Telefonnummer, Versicherungs- und Geburtsdaten. Nach der Reihe muss sie Fragen über meine Kinderkrankheiten, vorangegangene Operationen und getätigte Impfungen beantworten, noch einmal meinen Gesundheitszustand schildern, wird nach bei mir vorhandenen Allergien und Unverträglichkeiten, regelmäßigen Medikamentengaben, meinen Ess- und Trinkgewohnheiten befragt. Sie soll den Verlauf ihrer Schwangerschaft mit mir und meine Geburt schildern und ich stutze, ärgere mich, frage mich, wozu das nach all den Jahren noch nützlich sein soll.
Ich habe das beklemmende Gefühl, dass nicht nur meine Gegenwart, sondern auch meine ganze Vergangenheit von diesem Spital aufgesogen wird. Bald wird mein Leben, ein Fußballer auf dem Weg zum Profi, nicht mehr wahr sein, denke ich. Bald werden sie mich zu einem Krebskind degradiert haben, das wie alle anderen nur noch das Recht auf Sterben und Mitleid hat. Aber obwohl ich die Fragerei als peinlich und indiskret empfinde, schweige ich, weil ich mich ausgelaugt und erschöpft fühle. Zum Schluss will die Schwester wissen, ob meine Mutter bereit ist, ihre Zustimmung zur Teilnahme an den laufenden Studien zu geben. Sie erklärt, dass die Ergebnisse der Studien Grundlage neuer Forschung seien und somit der Entwicklung von verbesserten Heilmethoden dienen würden. Sie versichert, meine Patientendaten würden dabei vertraulich behandelt werden, und meine Mutter gibt ohne langes Zögern ihr Einverständnis, nickt und unterschreibt wie ein Roboter. Gerne würde ich ihr den Stift aus der Hand nehmen. Was kümmern mich »verbesserte Heilmethoden« für andere, wenn ich hier krepieren muss, denke ich.
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