Einen ähnlichen Fall aus den USA beschrieben der Kinderarzt Daniel Kohen aus Minnesota und die Kinderärztin Karen Olness aus Ohio. Beide sind als Professoren an Universitäten tätig. Sie berichteten im Jahr 1996 von einem elfjährigen Mädchen, das am gesamten Körper an Nesselausschlägen litt. Die roten Quaddeln traten vor allem in bestimmten Stresssituationen auf. Durch einen imaginären Joystick gelang es dem Mädchen, die allergische Hautreaktion abzuschalten, wann immer sie auftrat.
Da es sich um Einzelfälle handelte und die Ärzte und Therapeuten keine begleitenden Studien durchführten, können aus diesen Berichten natürlich keine sicheren Rückschlüsse darauf gezogen werden, ob das Mädchen und der Junge ihre spontanen Heilungen wirklich durch ihre Fantasie bewirkt hatten. Jedoch riefen die faszinierenden Vorfälle andere Wissenschaftler auf den Plan, die herausfinden wollten, wie viel Macht unsere Vorstellungskraft auf unseren Körper ausübt. Können wir uns durch unsere Fantasie gesund halten oder sogar Krankheiten heilen? Was manche vielleicht als Humbug abtun würden, entpuppte sich in wissenschaftlichen Experimenten als plausibel.
Möglicherweise fragen Sie sich jetzt, was Fantasie und imaginäre Killer-Raumschiffe, die bis an die Zähne bewaffnet sind, mit den immunsystem-stärkenden Wirkungen der Waldluft zu tun haben. Bevor wir zu diesem Zusammenhang kommen, lassen Sie mich Ihnen noch über ein paar hochinteressante wissenschaftliche Erkenntnisse berichten. Es geht um die Wirkung der Fantasie auf unser Immunsystem, auch das ist Psychosomatik.
In Experimenten konnten zwei australische Wissenschaftler beweisen, dass meditative Fantasiereisen die Dauer von Erkältungserkrankungen und grippalen Infekten verkürzen 18. Zu diesem Zweck leiteten die australische Medizinerin Barbara Hewson-Bower und der Universitätsprofessor Peter Drummond von der australischen Murdoch Universität ihre Versuchsteilnehmer an, sich bildhaft vorzustellen, wie ihr Immunsystem gegen die Bakterien und Viren anrückte. Das fantasiereiche Aufpeppen der körpereigenen Abwehrkräfte klappte. Die Patienten, die sich selbst durch ihre Fantasie behandelten, wurden im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ohne Fantasieübungen signifikant schneller gesund.
Noch beeindruckender fiel eine Serie von Studien aus, die zwischen 1992 und 2007 im Rainbow Kinderspital in Cleveland, Ohio, stattfanden. Ein Team von Ärzten und Wissenschaftlern führte gemeinsam mit High-School-Schülern und College-Studenten, die als Versuchspersonen mitmachten, Experimente durch, in denen sie nur durch die Kraft der Fantasie das Immunsystem beeinflussen wollten. Das Forscherteam hatte es auf die Neutrophilen abgesehen. Das sind die »Erste-Hilfe-Zellen« unseres Immunsystems, die bei Angriffen als Sofortmaßnahmen Entzündungsreaktionen auslösen. Sie können, wann immer sie gebraucht werden, extrem schnell aus der Blutbahn ins Körpergewebe eindringen, um gegen Krankheitserreger anzurücken. Man kann sie sich so wie Spiderman vorstellen: Um schnell und am richtigen Ort aus der Blutbahn zu klettern, müssen sich die Neutrophilen mit etwas Klebrigem festhalten und herausziehen. Sonst würde sie der Blutstrom mitreißen und sie würden ihr Ziel verpassen. Das wäre für Erste-Hilfe-Zellen äußerst unvorteilhaft. Daher verfügen sie über sogenannte Adhäsions-Substanzen, also über klebrige Stoffe. In den Experimenten in Cleveland wurden die Versuchspersonen gebeten, sich in ihrer Fantasie vorzustellen, wie ihre Neutrophilen immer klebriger werden, um bessere Arbeit leisten zu können. Dazu konnten die Teilnehmer jedes beliebige Kopf-Kino ablaufen lassen. Ein Student stellte sich seine Neutrophilen zum Beispiel als Tennisbälle vor, aus denen Honig quoll, der sie ganz klebrig machte. Diese Fantasieübungen wurden über zwei Wochen durchgeführt. Danach wurden Blut- und Speichelproben der Teilnehmer untersucht und siehe da: Die Haftungsfähigkeit der Neutrophilen hatte sich tatsächlich erhöht 19. So konnten sie ihrer Aufgabe als flinke Erste-Hilfe-Zellen besser nachkommen.
Dass unsere Psyche mit unserem Immunsystem verwoben ist und dieses beeinflussen kann, ist längst wissenschaftlich belegt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich auch unsere Fantasie auf das Immunsystem auswirkt. Dass der Aufenthalt im Wald die Anzahl und Aktivität der natürlichen Killerzellen erhöht, haben wir schon ausführlich beleuchtet. Wieso sollte es also nicht gelingen, anstatt der Klebrigkeit der Neutrophilen mithilfe der Fantasie auch die Effekte auf die Killerzellen zu verstärken? Waldluft und Fantasie könnten auf diese Weise einander verstärken, innere Bilder und Natur gemeinsam zu einem noch stärkeren Doping für unser Immunsystem werden.
Wenn wir versuchen, mithilfe unserer Fantasie Einfluss auf unseren Körper oder unsere Psyche zu nehmen, handelt es sich um Selbst-Suggestion. Der französisch-schweizerische Psychoanalytiker Charles Baudouin, der von 1893 bis 1963 lebte, sagte: »Suggestion ist die unterbewusste Verwirklichung einer Idee« 20. Bei unserer geplanten Selbst-Suggestion mittels der geheimnisvollen Kräfte unserer Fantasie lautet die Idee: »noch mehr Killerzellen«. Die Frage ist nur: Welches Symbol für Killerzellen wählen wir am besten aus, um diese Idee durch Suggestion umzusetzen? Ihrer Fantasie sind bei diesem Experiment keine Grenzen gesetzt! Finden Sie Ihren persönlichen Code, den nur Sie selbst verstehen und entschlüsseln können. In der folgenden Übung habe ich Fantasiebilder eingesetzt, die mir als Beispiele eingefallen sind. Fühlen Sie sich jedoch frei, sie durch Ihre eigenen inneren Bilder und Symbole zu ersetzen.
Übung: Die geheimnisvolle Kraft der Fantasie im Wald aktivieren
Ankommen
Spazieren Sie zuerst eine Weile durch den Wald und versuchen Sie, die Hektik des Alltags hinter sich zu lassen. Schalten Sie ein wenig ab und lassen Sie die Waldatmosphäre auf sich wirken: Die knorrigen Wurzeln, die raue Borke der Bäume, das weiche Moos am Boden. Vielleicht sehen Sie hie und da einen buschigen Farn, der aus einem modrigen Baumstamm wächst. Nehmen Sie die Gerüche des Waldes bewusst auf. Seien Sie sich der Anwesenheit von Wildtieren gewahr, auch wenn Sie diese gerade nicht sehen. Der Wald ist erfüllt von Leben. Über, sowie unter der Erde. Die Hüte, die Sie von den Pilzen an der Oberfläche sehen, sind nur deren Fruchtkörper. Das eigentliche Lebewesen »Pilz« ist ein wunderschönes, vielfach verzweigtes, ständig aktives und wachsendes Geflecht, das unter Ihren Füßen das Erdreich durchzieht. Dabei kann sich ein einziges Pilzwesen über hunderte Meter erstrecken und überall rund um Sie seine Hüte aus dem Boden recken. Pilze leben häufig in Symbiose mit den Wurzeln der Bäume und anderer Pflanzen. Sie wachsen in die Wurzeln hinein und tauschen Nährstoffe mit diesen aus. Der Baum hat die Fähigkeit, aus dem Sonnenlicht Kohlenhydrate zu gewinnen, von denen er dem Pilz etwas abgibt. Im Gegenzug reicht der Pilz dem Baum Wasser und Nährstoffe aus dem Boden dar, die er mit seinem weit verzweigten unterirdischen Geflecht besonders gut aufnehmen kann. Dadurch vernetzen Pilze praktisch alle Bäume des Waldes und auch andere Pflanzen untereinander. Sie machen ganze Landstriche aus Wäldern zu miteinander verbundenen, hoch komplexen Lebensräumen. Und in dieses lebende Gewebe tauchen Sie nun ein. Sie verschmelzen mit ihm. Denken Sie beim Spazieren auch an die unzähligen Substanzen, die all die Bewohner des Waldes an die Luft abgeben. Stellen Sie sich dabei Ihr Immunsystem als ebenso komplexes, kommunikationsfähiges System vor, das längst mit dem Wald und seinen Substanzen interagiert und kommuniziert. Sie können zum Beispiel im Gedanken zu sich selbst sagen: »Ich bin ein Teil des Waldes«. Oder Sie stellen sich das Immunsystem als eine Art organische Antenne vor, die aus Ihnen heraus ragt.
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