Wenn Sie die Hektik des Alltags hinter sich gelassen und sich auf diese Weise auf den Wald eingelassen haben, suchen Sie sich einen Platz, an dem Sie sich wohlfühlen. Das kann ein Baumstamm oder ein Baumstumpf sein, ein Felsen, ein Stein oder ein trockenes Kissen aus Moos. Natürlich können Sie sich auch auf eine Bank setzen. Wenn Sie bei Ihrer Fantasieübung von anderen Spaziergängern nicht gesehen werden wollen, suchen Sie sich einfach einen Ort abseits der Wege. Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass wir uns besser entspannen können, wenn wir von unserem Versteck aus zwar den Überblick haben, von rundherum jedoch nicht gesehen werden können.
Entspannung
Machen Sie es sich an dem Platz, den Sie ausgewählt haben, bequem. Nehmen Sie eine angenehme Sitzposition ein, in der Sie verweilen möchten. Sie können natürlich auch liegen oder sich an einen Baum lehnen. Achten Sie aber jedenfalls darauf, eine offene Haltung einzunehmen. Sie sollen das Gefühl haben, dem Wald gegenüber geöffnet zu sein. Das erreichen Sie zum Beispiel, indem Sie Ihre Hände in den Schoß legen und die Handflächen nach oben drehen. Sie können auch Ihre Arme leicht öffnen.
Schließen Sie Ihre Augen und konzentrieren Sie sich für eine Weile auf Ihren Atem. Fühlen Sie einfach, wie Ihr Atem beim Einatmen in Sie einströmt und beim Ausatmen wieder aus Ihnen ausströmt. Atmen Sie entspannt und gleichmäßig. Bleiben Sie dabei ganz bei diesem Gefühl: Einatmen und Ausatmen. Nehmen Sie wahr, wie die Luft durch Ihre Nase strömt und wie sich Bauch und Brustkorb heben und senken. Dadurch wird Ihre Aufmerksamkeit auf ganz natürliche Art und Weise auf Ihren Körper gelenkt. Sie entspannen sich. Die Konzentration auf das Ein- und Ausatmen wird auch an psychosomatischen Kliniken angewendet, um die Patienten in einen Zustand der Entspannung zu führen und die Körperaufmerksamkeit zu fördern. Die Technik stammt aus der körperorientierten Psychotherapie 21. Sie wirkt sehr effizient.
Öffnung und Aufnahme
Wenn Sie sich entspannt fühlen, folgt die erste Visualisierung: Schließen Sie die Augen und stellen Sie sich vor, wie die Anti-Krebs-Terpene aus der Waldluft beim Einatmen in Sie einströmen. Beobachten Sie zunächst, welche Bilder in Ihrer Fantasie dazu entstehen. Ich stelle mir meistens silbergrüne Nebelschwaden vor, die von den Baumkronen und den Sträuchern auf mich zuschweben. Beim Einatmen nehme ich wahr, wie dieser heilsame Nebel schneller wird, so, als würde er von mir angesaugt werden. Dann strömt er über die Nase in meine Lungen ein. Beim Ausatmen wird der silbergrüne Nebel ringsum etwas langsamer und wartet auf meinen nächsten Atemzug. Er sammelt sich rund um mich wie ein geheimnisvoller Schleier, aus dem ich tiefe Atemzüge nehme und der dem Luftstrom in meinen Körper folgt.
Ich sehe vor meinem geistigen Auge, wie der Nebel meine Lungen ausfüllt, in die Blutbahn übertritt und durch meinen gesamten Körper pulsiert. Er lässt mich mit dem Wald verschmelzen, verbindet mich mit den Bäumen und Sträuchern, den Pilzen und Kräutern, ähnlich wie das unterirdische Geflecht der Pilze die Wurzeln umfasst und alle Bäume miteinander vernetzt. Der heilsame Nebel sammelt sich immer dichter rund um mich und strömt schließlich auch über meine geöffneten Handflächen in mich ein. Er umfasst meinen gesamten Körper. »Ich bin ein Teil des Waldes«.
Wie auch immer Sie sich die gesunden Substanzen in der Waldluft vorstellen: Lassen Sie sich auf diese Fantasiebilder ein, nehmen Sie die Bildsprache Ihrer Seele ernst. Dass die Fantasie tatsächlich auf unsere Körperfunktionen wirken kann, wissen wir aus den oben zitierten wissenschaftlichen Studien. Ziel der Übung ist es, sich zu öffnen und körperlich aufnahmefähiger für die heilsamen Substanzen aus der Waldluft zu sein.
Mit dem Immunsystem kommunizieren
Nun folgt das Herzstück der Übung: Finden Sie ein Fantasiebild, das Ihre natürlichen Killerzellen symbolisiert, die durch die Anti-Krebs-Terpene in der Waldluft verstärkt werden. Ich stelle mir manchmal kleine, stachelige Morgensterne aus Stahl vor, die wie winzige Waffen durch mein Blut jagen, mir aber nichts anhaben. Der Blutstrom transportiert sie durch meinen Körper. Ich nehme wahr, wie sie mehr werden. Aus einem werden zwei, aus zwei werden vier, aus vieren werden acht und so weiter. Ich sehe den Vorgang vor meinem geistigen Auge immer schneller ablaufen: Aus zehntausend werden zwanzigtausend, vierzigtausend … Ich nehme wahr, wie die winzigen metallenen Morgensterne aus meinem Rückenmark herausquellen, wie aus einer riesigen, stampfenden Killerzellenfabrik. Sie werden in die Blutbahn aufgenommen.
Während die Anti-Krebs-Terpene aus der Waldluft mit Ihrem Immunsystem kommunizieren, senden nun auch Sie selbst codierte Symbolbotschaften an Ihr Immunsystem. Und sowohl die Botschaft von außen, aus der Waldluft, als auch die innere Botschaft ihrer Fantasie sind gleichgeschaltet: »Mehr natürliche Killerzellen!«
Schließlich können Sie sich auch noch vorstellen, wie die Killerzellen, die jetzt in Ihrer Fantasie regelrecht in Ihnen wuseln, noch aktiver werden und Krankheitserreger attackieren. Der Fantasie sind bei der Visualisierung dieses Vorganges keine Grenzen gesetzt. Um beim Beispiel der stählernen Morgensterne zu bleiben: Ich stelle mir häufig vor, wie diese immer schneller und schneller zu rotieren beginnen und dabei Bakterien und Viren regelrecht »wegfräsen«. 22
Diese Fantasieübung lässt sich noch adaptieren und ausweiten. Wie berichtet, bewirkt die Aufnahme der Waldluft auch, dass unser Körper mehr Anti-Krebs-Proteine produziert. Mit etwas Kreativität ließe sich dieser Vorgang durch innere Bilder ebenso gut visualisieren. Denken Sie dabei daran: Diese Proteine assistieren den Immunzellen beim Kampf gegen Eindringlinge und entartende Körperzellen, die ein Tumorrisiko bergen. Sie sitzen in kleinen Geschossen, mit denen sie an ihr Ziel befördert werden. Dort dringen sie in die gefährlichen Zellen ein und zwingen diese zum Selbstmord oder vergiften sie. Dieses Szenario, das sich tagtäglich im menschlichen Körper abspielt, bietet mannigfaltige Möglichkeiten, in die bildhafte Sprache der Fantasie übersetzt zu werden.
Die Kraft der Fantasie wird übrigens auch in der Psychotherapie schon lange erfolgreich genutzt. Die Vertreter der sogenannten Tiefenpsychologie, zu der auch Sigmund Freuds Psychoanalyse gezählt wird, gehen davon aus, dass in uns Menschen unbewusste Kräfte wirken. Freud selbst war bekannt dafür, dass er die Fantasievorstellungen und auch die Träume der Menschen als Sprache des »Unterbewusstseins« verstand und zu entschlüsseln versuchte. Noch heute kommt dieser bildhaften Sprache eine große Bedeutung in der Psychoanalyse und in allen anderen tiefenpsychologischen Schulen zu. Unbewusste Anteile unserer Psyche kommunizieren also in Form von Fantasiebildern und Träumen mit uns. Das können auch Tagträume sein, die in uns auftauchen, ohne dass wir schlafen. Manche Therapeuten schicken ihre Patienten auf Fantasiereisen und lassen sie dann auf Papier malen, was sie gesehen haben. Die Gemälde werden durch die Patienten selbst, unter Beisein der Therapeuten, analysiert. Die Therapeuten gehen davon aus, dass sich unbewusste Inhalte der Psyche während der Fantasiereise manifestiert haben, sodass sie der Patient in den Malereien wiederfinden kann. Das Ganze lässt sich aber auch anders herum denken: Wir können die Sprache der Fantasie nutzen, um unserem »Unterbewusstsein« Botschaften zu schicken und dadurch unsere Psyche zu beeinflussen. Eine spezielle Richtung der Tiefenpsychologie baut sogar hauptsächlich auf dieser Idee auf. Es ist die Katathym-imaginative Psychotherapie. Ihre Vertreter versuchen nicht nur, unbewusste Vorgänge durch Fantasieübungen als Bilder und Symbole sichtbar zu machen. Umgekehrt versuchen sie auch, das psychische Erleben und Verhalten des Menschen, ja sogar den Körper, durch Fantasieübungen zu beeinflussen. Ein sehr bekanntes Symbol, das unser Gehirn versteht, ist der Radiergummi. Manche Therapeuten setzen den Fantasie-Radiergummi ein, um zum Beispiel wiederkehrende Zwangsgedanken oder Schuldgefühle »auszuradieren«. So bietet die Fantasie mit ihrer Bildsprache ein unterstützendes Medium, um die menschliche Psyche zu heilen.
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