Waldluft lässt mehr Anti-Krebs-Geschütze anrücken
Ein zusätzlicher Puzzlestein der Waldmedizin: Unser Immunsystem setzt ganz bestimmte Proteine ein, um gegen entartende Zellen, die ein Krebsrisiko darstellen, vorzugehen 13. Genau diese Anti-Krebs-Proteine werden durch das Einatmen der Waldluft vermehrt produziert 14. Es handelt sich gewissermaßen um die kleinen Helferlein des Immunsystems. Die Killerzellen spannen sie als Assistenten im Kampf gegen Krebszellen ein, wenn sie diese mit kleinen Körnchen voll mit Zellgift beschießen. Eines dieser Anti-Krebs-Proteine hat zum Beispiel die Aufgabe, die Gifte aus den Körnchen direkt an der gefährlichen Zelle freizusetzen. Ein anderes Protein sitzt in diesen Körnchen-Geschoßen wie in einem Trojanischen Pferd, dringt in die entartete Zelle ein und löst dort den Tod der Zelle aus. Es hilft sozusagen ein wenig nach, wenn eine Zelle vergessen hat, nach einer gewissen Zeit den programmierten Zelltod zu sterben und stattdessen munter vor sich hin wuchert. Krebs beginnt mit einer abnormalen Zelle, die sich für unsterblich hält.
Auf dieselbe Weise assistieren die Anti-Krebs-Proteine auch im Kampf gegen Tumore und kommen sogar dann zum Einsatz, wenn ein Virus oder Bakterium eingedrungen ist. Apotheker und Ärzte sollten Waldluft als potentes Arzneimittel anerkennen, als das natürlichste, das die Menschheit kennt. Wälder sind voll mit Biophilia-Effekten.
Vielleicht ist es Ihnen anfangs ein wenig übertrieben vorgekommen, als ich die relevanten Terpene in der Waldluft als »Anti-Krebs-Terpene« bezeichnet habe. Angesichts der Tatsachen, die ich geschildert habe, erscheint diese Bezeichnung aber als vollkommen angebracht. Auch andere wissenschaftliche Forschungsergebnisse stärken der Anti-Krebs-Wortwahl den Rücken, wenn es um Wälder geht.
So konnte der Medizinprofessor Qing Li von der Nippon Medical School in Tokyo gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern nachweisen, dass in bewaldeten Gebieten weniger Menschen an Krebs sterben als in Regionen ohne Wald 15. Das ist ein gutes Argument gegen Waldrodungen in der Nähe von Siedlungen und gegen die industrielle Landwirtschaft, die ganze Waldgebiete dahinrafft.
Waldluft mit ihren bioaktiven Terpenen kann also ohne Übertreibung als ein Faktor in der Vorbeugung gegen Krebs betrachtet werden, als Unterstützung unseres Immunsystems im Kampf gegen entartende Zellen. Da genau diejenigen Funktionen unseres Immunsystems gestärkt werden, die auch im Kampf gegen Tumore aktiv sind, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass die Tradition Shinrin-yo- ku, das Einatmen der Waldatmosphäre, auch bei einer bestehenden Krebserkrankung eine Unterstützung sein kann, zumal der Aufenthalt im Wald auch über psychische Mechanismen gesund hält, worauf ich später noch zurückkommen werde. Es versteht sich von selbst, dass es sich bei alledem aber niemals um einen Ersatz für schulmedizinische Behandlungen handeln kann, sondern lediglich um eine zusätzliche gesundheitsfördernde Maßnahme.
Nun ist die Zeit für die ersten praktischen Übungen gekommen, die dieses Buch bietet und die Sie im Wald durchführen können, um Ihr Immunsystem noch effizienter zu stärken.
Praxistipps: So stärken Sie Ihr Immunsystem im Wald
Qing Li, der Medizinprofessor in Tokyo, hat eine Liste mit Grundregeln erstellt, um die Interaktion zwischen den Waldbäumen und dem menschlichen Immunsystem ideal zu gestalten 16. Professor Li zählt zu den führenden Wissenschaftlern im Bereich der Waldmedizin. Er rät:
Bleiben Sie mindestens zwei Stunden in dem Waldgebiet und gehen Sie in dieser Zeit etwa 2,5 Kilometer. Wenn Sie vier Stunden Zeit haben, gehen Sie ungefähr 4 Kilometer. Um Ihre natürlichen Killerzellen und die Anti-Krebs-Proteine auch langfristig zu stärken, sind drei Tage hintereinander in einem Waldgebiet empfohlen.
Machen Sie einen Spazier- oder Wanderplan, der Ihren körperlichen Voraussetzungen entspricht. Achten Sie darauf, während des Aufenthalts im Wald nicht müde zu werden.
Wenn Sie sich müde fühlen, machen Sie eine Rast, wann immer Sie möchten und so lange Sie möchten. Suchen Sie sich dazu einen Ort im Wald, an dem Sie sich wohl fühlen.
Wenn Sie Durst haben, trinken Sie am besten Wasser oder Tee.
Suchen Sie sich einen Platz im Wald, der Ihnen spontan gefällt und Sie zum Verweilen einlädt. Bleiben Sie dann dort eine Zeit lang sitzen, um zum Beispiel zu lesen, zu meditieren, jedenfalls aber, um das wunderschöne Ambiente zu genießen und zu entspannen.
Um die Anzahl und Aktivität der natürlichen Killerzellen und der Antikrebs-Proteine des Immunsystems dauerhaft hoch zu halten, empfiehlt Qing Li pro Monat einen zwei- bis dreitägigen Aufenthalt in einem Waldgebiet und rät, sich pro Tag etwa vier Stunden im Wald aufzuhalten.
Diesen Ratschlägen des Professors aus Tokyo füge ich noch folgende Tipps hinzu, die ich für sehr hilfreich halte:
Der Gehalt der Anti-Krebs-Terpene in der Waldluft ändert sich im Laufe der Jahreszeiten. Die Konzentration ist im Sommer am höchsten und im Winter am niedrigsten. Sie steigt im April und Mai rasch an und erreicht im Juni und August ihren Höhepunkt. In diesen Monaten gibt es für Ihr Immunsystem im Wald also am meisten aufzunehmen.
Die Terpene sind außerdem im Waldesinneren am höchsten konzentriert, da der Baumbestand dort dichter ist und die Blätter und Nadeln der Bäume eine besonders reiche Quelle darstellen. Noch dazu hindert das dichte Kronendach die gasförmigen Substanzen daran, den Wald zu verlassen. Es empfiehlt sich also, tiefer in den Wald hineinzugehen und nicht nur am Waldrand zu verweilen.
Wenn feuchtes Wetter herrscht, zum Beispiel nach Regen oder bei Nebel, schwirren besonders viele der gesunden Terpene in der Waldluft umher. Unsere Erfahrung täuscht uns also nicht, wenn uns ein Waldspaziergang nach einem Regenguss ganz besonders gut zu tun scheint.
Übrigens ist die Dichte der Anti-Krebs-Terpene am Boden und im bodennahen Bereich, in dem wir Menschen uns bewegen, am höchsten. Weiter oben werden manche der Substanzen durch die UV-Strahlung des Sonnenlichts, das da und dort durch das Blätterdach gelangt, zerstört. Die Verteilung der gesunden Stoffe scheint also regelrecht auf unsere Körpergröße zugeschnitten zu sein.
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