Auch Gert Lohmann hat ein kooperatives Modell entworfen, in das sich der Umgang mit Unterrichtsstörungen einordnen lässt. Kooperation bezieht sich in diesem Modell auf zwei Gruppen: kooperativ mit den Schülerinnen und Schülern umgehen und kooperativ mit den Kolleginnen und Kollegen im Austausch sein. Lohmann unterscheidet die drei Dimensionen der Beziehungsebene, Unterrichtsebene und Disziplinmanagement-Ebene, in der die Lehrkraft gegenüber den Schülerinnen und Schülern je nach Rolle und Situation präventiv und unterstützend (proaktiv) oder intervenierend und problemlösend (reaktiv) agieren kann. Die Reflexionsbereitschaft der Lehrkraft ist hier zentral. Sie muss hoch und grundsätzlich überhaupt gegeben sein, damit sich professionelles Handeln entwickeln kann.
Bereits vor den Kollegen aus Deutschland betrieb in Linz eine Gruppe um den österreichischen Psychologen Johannes Mayr eigene Studien zur Klassenführung. Mayr identifizierte anhand von drei Kategorien kooperativer Klassenführung vier Muster von Führungsverhalten erfolgreicher Lehrkräfte. [13]Ihr (vorherrschendes) Handlungsmuster entwickelt sich den Studien und Beobachtungen gemäss zum persönlichen Klassenführungsstil. Dieser wiederum prägt erkennbar die Einstellung der Schülerinnen und Schüler zu ihrer Lehrkraft.
KATEGORIEN |
MUSTER/FÜHRUNGSVERHALTEN |
Unterrichtsgestaltung |
Afachorientiert |
Bkommunikativ-beziehungsorientiert |
Cneutral (überall im Mittelwert) |
Ddisziplinierend |
Beziehungsförderung |
Afachorientiert |
Bkommunikativ-beziehungsorientiert |
Cneutral (überall im Mittelwert) |
Ddisziplinierend |
Verhaltenskontrolle |
Afachorientiert |
Bkommunikativ-beziehungsorientiert |
Cneutral (überall im Mittelwert) |
Ddisziplinierend |
Aus diesen Studien entstand das Linzer Konzept der Klassenführung (LKK). Es beinhaltet als wesentliches Element einen Diagnosebogen. Dieser ermöglicht Lehrkräften eine Einschätzung über ihre angewandten Strategien und ist somit auch ein wichtiges Instrument zur Reflexion derselben. [14]Der Linzer Diagnosebogen zur Klassenführung (LDK) ist online verfügbar und kann sowohl zur Selbstanalyse als auch für die Befragung von Schülerinnen und Schülern eingesetzt werden. [15]
Im Jahr 2009 veröffentlichte der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie seine auch im deutschsprachigen Raum berühmt gewordene Metastudie von 800 Metaanalysen, in denen insgesamt 50 000 empirische Einzelstudien ausgewertet worden waren. [16]Sie offenbarte die Erkenntnis, dass der Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern nicht auf einem einzigen Kriterium fußt, sondern immer durch ein Zusammenspiel verschiedener Kriterien bedingt ist. Methode und Inhalt dieser Meta-Metastudie wurde und wird auch kritisiert. [17]Statt auf die Kritik möchten wir uns hier auf die Resultate beziehen, die für die Klassenführung relevant sind.
«Auf den Lehrer kommt es an», titelten die Zeitungen nach der Veröffentlichung der Hattie-Studie. Jetzt war belegt, was längst bekannt war oder zumindest vermutet wurde: Entscheidend für den Lehr- und Lernerfolg ist die reflektierte Handlung einer Lehrkraft. Zentral ist der multifaktorielle Charakter wirksamen Lehrerhandelns und die durch die Studie offenbarte Tatsache, dass es nicht die (mancherorts sowieso nicht veränderbaren) äußeren Strukturen sind, die den Lernerfolg beeinflussen, sondern die direkte Interaktion der Lehrkraft mit den Schülerinnen und Schülern.
Hattie definierte und maß die Effektstärke d einzelner Faktoren. Der Durchschnitt aller gemessenen Werte beträgt 0,4. Alle Faktoren mit höherem Effekt (d > 0,4) sind folglich wirksam für den Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern. Wir listen eine Auswahl solcher Faktoren auf, die für eine gute Klassenführung bedeutsam sind. [18]In der dritten Spalte der Tabelle findet sich ein Verweis zu jener Stelle in diesem Buch, an der wir konkret darauf eingehen.
EFFEKTSTÄRKE d |
LERNERFOLGSRELEVANTER FAKTOR |
KAPITEL/ABSCHNITTE IN DIESEM BUCH |
1,44 |
Selbsteinschätzung des eigenen Lernniveaus |
Kapitel 4; Selbstregulation |
0,9 |
Formative Evaluation des Unterrichts |
Abschnitt 3.5; «Den eigenen Unterricht in den Blick nehmen» |
0,9 |
Glaubwürdigkeit (der Lehrperson) |
Abschnitt 3.2; «In die eigene Führungsrolle finden» |
0,88 |
Micro-Teaching |
Kapitel 5; diese Form der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften könnte mitgedacht werden. |
0,8 |
Beeinflussung von Verhalten in der Klasse |
Abschnitt 3.7; «Proaktives Verhalten: Prävention und Konsequenz», und Abschnitt 3.8, «Reaktives Verhalten: Intervention und Lösungsorientierung» |
0,75 |
Klarheit der Lehrperson |
Abschnitt 3.2; «In die eigene Führungsrolle finden», Abschnitt 3.3; «Techniken der Klassenführung», Abschnitt 3.6; «Präventive Gestaltungsmacht in der Klassenführung» |
0,73 |
Feedback |
Abschnitt 3.5; Feedback für das Lernen der einzelnen Lehrperson Abschnitt 4.5; Reflexion für das Lernen der Schülerinnen und Schüler Abschnitt 5.2; Feedback in der lernenden Organisation |
0,72 |
Lehrer-Schüler-Beziehung |
Abschnitte 3.1bis 3.3; Entscheidungen, die die Lehrer-Schüler-Beziehung prägen Abschnitt 3.6; Beziehungen im Unterricht |
0,69 |
Metakognitive Strategien |
Abschnitt 4.4; «Handlungsstrategien und Selbstbeobachtung», und Abschnitt 4.5; «Reflexion und Maßnahmenableitung» |
0,62 |
Lehrerfort- und -weiterbildung |
Die Publikation dient ganz grundsätzlich der persönlichen Kompetenzentwicklung. Durch Differenzerfahrungen in kollegialen Dialogprozessen entsteht ein großer Effekt für die Unterrichtsentwicklung. [19], [20] |
0,55 |
Förderung der visuellen Wahrnehmung |
Abschnitte 3.6und 4.3; Beispiele für eine Unterstützung des Lernens durch Visualisierungen, allerdings ohne spezielles Training visuell-motorischer Fertigkeiten |
0,54 |
Kooperatives vs. kompetitives Lernen |
Abschnitt 3.6; besonders verschiedene Lernformen in der Lernsituation |
0,53 |
Klassenzusammenhalt |
Abschnitt 3.6; besonders die Bedeutung der Lerngruppe als Allianz für das Lernen Abschnitt 4.2; Bedeutung der sozialen Eingebundenheit |
0,48 |
Konzentration, Ausdauer, Engagement |
Abschnitt 1.3 und Kapitel 4; Grundlagen der Selbstregulation |
0,48 |
Motivation |
Abschnitt 4.2; «Den Einstieg ins Lernen finden» |
Basisdimensionen guten Unterrichts
Die zeitgenössische Unterrichtsforschung fasst Kriterien guten Unterrichts zu Basisdimensionen von Unterrichtsqualität zusammen; sie unterscheidet « Sicht strukturen» von Unterricht (Organisations- und Sozialformen, Methoden usw.) und « Tiefen strukturen» [21]und nennt vor allem drei Tiefenstrukturen als die Grunddimensionen der Unterrichtsqualität: [22]
•Unterrichts- und Klassenführung,
•Schülerorientierung (oft auch konstruktive Unterstützung genannt),
•Kognitive Aktivierung.
Um diese Grunddimensionen geht es in Abschnitt 2.2auf hier.
Das Angebots-Nutzungs-Modell
Von Andreas Helmke stammt ein hilfreiches Denkmodell der unterschiedlichen Faktoren von Unterrichtsqualität. [23]Dieses sogenannte Angebots-Nutzungs-Modell verdeutlicht den systemischen Hintergrund der Wechselwirkungen im Unterrichtsgeschehen. Erfolg ist das Resultat der Koproduktion von Lehrenden und Lernenden und anderer Einflussfaktoren in einem sie umgebenden Kontext.
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