Wir hoffen, dass Sie, liebe Leserin, lieber Leser, unsere Leitgedanken zur Klassenführung richtungsgebend – sozusagen als Kompass – für gelingende Lernprozesse nutzen können. Als weiteres Steuerungselement – in der nautischen Sprache der Sextant – dienen die Ausführungen zur Selbstregulation. Zahlreiche Verweise auf Literatur zum Thema dienen Ihnen bei Interesse als Anstoß, weiterzuforschen. Unser Anliegen ist es allerdings, dass Sie durch die Lektüre unseres Buches Ihre eigenen Rezepte durch die Reflexion der vorgestellten Inhalte finden, anwenden und im Anschluss überprüfen und weiterentwickeln können. Wir werden Ihnen nicht sagen, wie Sie was tun müssen oder «wie es richtig geht»; wir sind der Meinung, dass das überhaupt nicht möglich ist. Wir bieten lediglich Entscheidungshilfen für Ihren eigenen Weg: Am Ende der Lektüre eines jeden Kapitels bestimmen Sie Ihre eigene Reiseroute für Ihren Unterricht.
Diese Routen können Sie als Lehrkraft in Ihrem individuellen Unterricht ausprobieren, darum geht es im zweiten Teil des Buches. Sie können sie natürlich auch an Ihre Kolleginnen und Kollegen herantragen und als Schulleiterin oder Schulleiter nutzen, um gemeinsam eine abgestimmte Klassenführung zu vereinbaren und umzusetzen. Die Gesamtflotte wird im Fokus des dritten Buchteils stehen. Erlauben Sie uns zunächst jedoch ein paar grundlegende Überlegungen, gewissermaßen zur Vorbereitung der gemeinsamen Reise ( Teil 1).
All dies wird Ihren Schülerinnen und Schülern zugutekommen, denn sie werden ein durchdachtes Angebot erleben und nicht mehr nach Schlupflöchern für ihre Interessen suchen müssen, sondern eingebunden sein in einen gemeinsam verantworteten Prozess.
Reutlingen/Biberach im Frühjahr 2020
Astrid Warbinek und Margarete Reinhardt
Die Führungsrolle der Lehrkraft ist vergleichbar mit der Rolle des Kapitäns oder der Kapitänin auf einem Segelschiff. Lehrkräfte haben eine große Gestaltungsmacht; sie entscheiden, wann welche Segel gesetzt und gerefft werden. Eine klare Führung im Unterricht (auf dem Segeltörn) lässt die Schülerinnen und Schüler (die Crew) den Kurs mitbestimmen und halten. Tragfähige kollegiale Absprachen im System Schule (mit anderen Kapitäninnen und Kapitänen der Flotte) erleichtern ihnen das Umsteigen von einem Schiff auf das andere.
Sie werden solche oder ähnliche Unterrichtssituationen kennen. Was tun, wenn der Unterricht eigentlich gut vorbereitet und die Klasse beliebt ist, es aber trotzdem nicht nach Plan läuft? Gibt es garantiert wirkende Rezepte für solche Situationen? Lassen Sie uns einen Vergleich ziehen, bevor wir auf die Frage antworten.
Für uns gleicht jede Unterrichtsstunde einer Segelfahrt auf hoher See: Es gibt keinen festen Untergrund, Wind und Wetter sind nicht immer berechenbar. Ausschlaggebend für eine entspannte, erfolgreiche Fahrt ist eine verantwortungsvolle Aufgabenverteilung innerhalb der Mannschaft. Vorab braucht es jemanden, der das Schiff verlässlich steuert. Kapitäninnen und Kapitäne benötigen eine solide Ausbildung, in der sie die technischen Kompetenzen erwerben. Erst wenn sie darüber verfügen, können sie das Schiff überhaupt auslaufen lassen. Unterwegs werden die Aufgaben innerhalb der Crew geteilt. Deshalb ist es wichtig, dass der Kapitän, die Kapitänin ein wertegeleitetes Verständnis für die Führung von Menschen hat. Beteiligung, Teamarbeit und Delegation sind hier grundlegende Aspekte. Die Fähigkeit, Vertrauenswürdigkeit auszustrahlen und gleichzeitig Begeisterung zu vermitteln, stärkt die Führung und ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Crew hinter den Zielen der Reise steht und sich dafür einsetzt. Kapitäninnen und Kapitäne müssen die Aufgaben mit den Augen der Mannschaft betrachten, um zu wissen, was diese für ein gelingendes Arbeiten braucht. Manöver und Tagesziele sollten möglichst im Voraus detailliert besprochen und geübt werden, damit im entscheidenden Moment jeder Handgriff sitzt. Direkte Ansprachen und klare Aufgabenbeschreibungen sind ebenso wirksam wie ein entwickeltes Verständnis geteilter Verantwortung: Jeder und jede ist Teil einer Gemeinschaft und trägt zu deren Gelingen bei. Um die Mannschaft anzusprechen und erreichen zu können, brauchen Kapitäninnen und Kapitäne trainierte Gesprächsführungstechniken und die Bereitschaft, durch Rückmeldungen zu lernen. Nochmals: Auf einem Segelschiff braucht es zwingend ein Verständnis für ein systemisches Zusammenwirken; niemand ist für alles allein verantwortlich, es sind immer die Wechselwirkungen, die für das Gelingen ausschlaggebend sind.
Vermutlich haben Sie unsere Schiffsmetapher längst nachvollzogen: Als Lehrkraft sind Sie selbst die Kapitänin oder der Kapitän. Sie übernehmen die (Klassen-)Führung und setzten damit die Segel für einen wirksamen Unterricht. Führungsverantwortung folgt eigenen Werten und bedeutet Reflexion des persönlichen Führungsstils. «Klassenführung» verstehen wir also wörtlich als Führungsqualität. Die Leitgedanken unseres Buches dienen wie ein Kompass der besseren Orientierung. Einzelne Segel im Fahrtwind des Unterrichts stehen für die Gestaltung der Gruppe, des Raums und der Lernsituation; im präventiven Gestalten liegt mehr Kraft als in der Intervention im Nachgang zur Handlung von Schülerinnen und Schülern. Zusätzliche Orientierung erfolgt durch ein zweites Steuerungsinstrument, nämlich den Sextanten. Er versinnbildlicht die Ausrichtung in Bezug auf die Selbstregulation von Schülerinnen und Schülern. Ihre Unterstützung darin ist zentral und von großem Einfluss auf eine gelingende Klassenführung.
Segel lassen sich hissen oder auch reffen – als Reaktion auf aktuelle Umwelteinflüsse und Wetterbedingungen oder in der Absicht, die Route selbst zu bestimmen. Kompass und Sextant werden Ihnen helfen, die Lage zu erkennen und voraussehend zu handeln. Instrumente dienen Ihnen besser als fertige Rezepte, wie man sie in marktüblichen Ratgebern findet. Ein Rezept kann kurzzeitig durchaus sehr wirkungsvoll sein. Aber auf Dauer ist Nachahmen nicht zielführend, das haben Sie bestimmt selbst schon erfahren. Wir möchten Sie lieber zur Reflexion Ihrer tagtäglichen eigenen Führungstätigkeit in Ihren Klassen anregen und Ihnen Gedanken ermöglichen über eine eigene Ausgestaltung der mit den Schülerinnen und Schülern angestrebten Ziele. Sie werden souverän darin werden, die Segel auszurichten, Stürmen zu trotzen, Flauten zu überbrücken und den Kurs zu halten.
Frau Hansen aus dem Beispiel am Anfang dieses Kapitels könnte Ihre Kollegin sein. Wir möchten Sie anregen, mit Ihren Teammitgliedern im Austausch zu bleiben und die Segel aller Schiffe im Kollegium gleich auszurichten. Das wird sich für alle lohnen. Denn stellen Sie sich einmal vor, was es für die Schülerinnen und Schüler bedeutet, nach jeder Unterrichtsstunde auf ein anderes Schiff umzusteigen. Hier gibt es eine Befehlskultur wie auf der Bounty, dort führt die Kapitänin demokratisch. Einmal gleitet das Schiff durch ruhige Gewässer, ein anderes Schiff läuft trotz Gewitterwarnung aus. Was verlangen wir von unseren Schülerinnen und Schülern, wenn wir unreflektiert davon ausgehen, dass sie anpassungsfähig sind und mit jedem Führungsstil zurechtkommen? Wie geht es uns selbst damit, bei Fortbildungen zum Beispiel? Achten wir nicht sehr genau darauf, dass wir unsere Wünsche und Vorstellungen einbringen dürfen, dass wir unterstützt werden? Erst bei spürbarem Wohlwollen öffnen wir uns für anregende Ideen. Gegen das Gefühl, belehrt zu werden, verschließen wir uns. Nur dank unserer eigenen hochtrainierten Selbstregulation enthalten wir uns störender Aktionen – wobei: Wer schon einmal Lehrkräfte fortgebildet hat, weiß, dass sie sich in der Gruppe eigentlich genauso verhalten wie ihre Schülerinnen und Schüler. Sie können meutern. Solche Reaktionen sind die logische Konsequenz von nicht bewusst und nicht konstruktiv eingesetzter Führung. Damit sie in den Klassen ausbleiben, braucht es neben einer guten Führung und Selbstregulation auch ein gemeinsames Ganzes: einen tragfähigen und umgesetzten, auf grundlegenden pädagogischen Entscheidungen basierenden Konsens.
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