Wir bleiben der nautischen Metaphorik im ganzen Buch treu. Es ist so aufgebaut, dass auf diese Reisevorbereitung im Teil « Vor der Reise» mit Einleitung( Kapitel 1) und einführendem Kapitel (2)im Teil « Segel setzen» ein Hauptkapitel zu Klassenführung (Kompass; Kapitel 3) und eins zur Selbstregulation (Sextant; Kapitel 4) folgen. Die beiden Kapitel enthalten Grundlagen sowie konkrete Anregungen für den Unterricht. Nach ihrer Lektüre und Bearbeitung werden Sie eine klare Sicht auf Ihr Reiseziel haben und die beiden Instrumente in ihrer Funktionsweise verstehen und selbst bedienen können.
Im Teil « Mit der Flotte auf Kurs», dem dritten Teil des Buches, liegt der Fokus nicht mehr auf einem einzelnen zu steuernden Schiff und seinen Segeln, sondern auf der ganzen Flotte: auf dem System Schule. Wir erläutern die Grundlagen und schulische Anwendung des Konzepts der fünf Dimensionen einer lernenden Organisation ( Kapitel 5). Damit sind alle angesprochen, die zum System gehören und es mitgestalten, in erster Linie Schulleiterinnen und Schulleiter, aber natürlich auch Lehrkräfte. Erfahrungsberichte verschiedener Schulentwicklungsprozesse an unterschiedlichen Schulen runden das Buch ab.
Die Kapitel enthalten viel Hintergrundinformation, aber auch zahlreiche Angebote zur Reflexion über das eigene Tun. Uns ist die Selbstregulation der Lehrkräfte genauso ein Anliegen wie jene der Schülerinnen und Schüler. Sie wissen als Lernexpertin oder -experte selbst, dass «gehört» nicht automatisch «(ein-)verstanden» bedeutet, dass es eines längeren Reflexionsprozesses bedarf, um herauszufinden, womit man wie einverstanden ist und was man davon in welcher Form umsetzen möchte. Darauf nehmen wir Rücksicht, wenn wir die Reiserouten ausschildern. Sie finden unterwegs immer wieder Gelegenheit, Ihre eigene Unterrichtssituation zu reflektieren und Ihre Handlungsmöglichkeiten bei der Lektüre dieses Buches zu erweitern.
Um erfolgreich lernen zu können, brauchen Schülerinnen und Schüler Führungskräfte, die sich als solche definieren und reflektieren und auch den Unterschied zwischen Klassenführung und Klassenleitung kennen. Eine überlegte Klassenführung wirkt sich positiv auf Ihre Gesundheit aus. Die Auseinandersetzung damit dient sowohl der eigenen Kompetenzentwicklung als auch der Entwicklung der gesamten Schule.
«Unterricht» und «Klasse» sind zentrale Begriffe in diesem Buch. Unter Ersterem verstehen wir alle Formen lehrergeleiteten Lernens, also offene Formen genauso wie das Unterrichtsgespräch. «Klasse» bezieht sich auf den konventionellen Verband von Schülerinnen und Schülern, aber auch auf andere Gruppen von Lernenden.
Vielen Lehrkräften fällt es noch immer schwer, im Zusammenhang mit Schule und Unterricht von «Führung» zu sprechen. Sie umgehen den Begriff durch Formulierungen wie «Ich unterrichte in dieser Klasse», «Ich bin (nicht) Klassenlehrerin in dieser Klasse» oder «Ich gebe die Regeln vor». Wir halten die Begriffsanleihe aus der Wirtschaftswelt für die Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle im Unterricht für hilfreich. Wenn sich eine Lehrkraft nämlich als Führung skraft versteht, kann sie eine eindeutige Rollenklärung und eine vertiefte Reflexion über ihr Führungshandeln vornehmen und in dieser Selbst bewusstheit vor die Klasse treten und selbst- bewusst handeln.
Vielleicht kennen Sie die Situation, dass sich eine Fachlehrkraft, die in «Ihrer» Klasse unterrichtet, hilfesuchend an Sie als Klassenlehrkraft wendet: « Deine Klasse war ja heute mal wieder … ! Das musst du unbedingt ändern.» Wie soll eine während der Unterrichtsstunde gar nicht anwesende Klassenlehrkraft für Ruhe und einen reibungslosen Ablauf von Stunden der Kolleginnen und Kollegen sorgen und die vermeintlich fehlende Disziplin regeln? Das geht nicht und ist auch nicht Ihre Aufgabe. Als Klassenlehrerin oder Klassenlehrer obliegt Ihnen zwar die Verantwortung für die Organisation und Betreuung der Klasse. Das ist die Klassen leitung . Wir grenzen sie klar von der Klassen führung ab. Diese dürfen und müssen Sie annehmen und gestalten, ob Sie die Klassenleitung innehaben oder nicht; sie ist die Aufgabe jeder einzelnen Lehrkraft, die unterrichtet.
ABB. 1 |
KLASSENFÜHRUNG UND KLASSENLEITUNG |
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Klassenführung ist die Grundlage für Unterrichtsqualität und unabdingbar für den Lernerfolg der einzelnen Schülerinnen und Schüler. Internationale Forschungsergebnisse zeigen deutlich, «dass kein anderes Merkmal so eindeutig und konsistent mit dem Leistungsniveau und dem Leistungsfortschritt von Schulklassen verknüpft ist». [1]
Klassenführung ist auch eine wichtige Größe für Ihre Gesundheit als Lehrkraft. Das eigene selbstbewusste Verhalten kann für ein stressfreieres und entspannteres Erleben und Arbeiten im Klassenzimmer maßgebend sein. Gemeinsam gestaltete Bedingungen im Klassenzimmer und in der ganzen Schule können den Bedürfnissen aller Rechnung tragen, ohne dass eine einzelne Lehrkraft zu sehr eingespannt ist. Die Balance zwischen einer Sicherheit, die aus einem routinierten persönlichen Handlungsrepertoire erwächst, und einem Wir-Gefühl, das aus einer kollegial abgestimmten Gestaltung im eigenen System Schule entsteht, bewirkt für die Art und Weise, an Herausforderungen heranzugehen, und damit für das eigene und kollektive Gesundheitserleben einen großen Unterschied.
2.1Klassenführung: Begriff und Konzepte
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ORIENTIERUNGSPUNKTE FÜR DIE REISE |
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Techniken der Klassenführung bei Kounin – Techniken der Klassenführung bei Evertson – Merkmale guten Unterrichts bei Meyer und Helmke – Strategien nach Nolting und Lohmann – Linzer Modell der Klassenführung von Mayr – Die Hattie-Studie – Basisdimensionen guten Unterrichts – Das Angebots-Nutzungs-Modell von Helmke |
Der Begriff «Klassenführung» unterliegt seit seinem Aufkommen in den 1950er-Jahren im angloamerikanischen Raum (dort als classroom management ) einem steten Bedeutungswandel. Abwechselnd standen und stehen unterschiedliche Aspekte von Unterricht und Lehrerhandeln im Fokus. Aus der gesamtheitlichen Betrachtung der Entwicklungen ergibt sich ein umfassendes Bild.
Bis in die 1970er-Jahre wurde Klassenführung vorwiegend als Auseinandersetzung mit Unterrichtsstörungen verstanden. In diesem Sinne geben Lehrkräfte den Schülerinnen und Schülern erwartetes Verhalten vor und sorgen dafür – manchmal durch Belohnung, häufig jedoch durch Strafen –, dass die Vorgaben eingehalten werden. Dabei geht es ausschließlich um Belohnung oder Sanktionierung als Re aktion auf Schülerverhalten. Die Gestaltungsmacht der Lehrkraft begrenzt sich auf die Art der Disziplinierung im Nachgang zur Aktion der Schülerin oder des Schülers. Die Lehrkraft versucht, die Gestaltungsmacht der Schülerin, des Schülers durch eine Art Dressurakt zu beherrschen: Auf «gutes» Verhalten folgt keine Reaktion oder Belohnung, auf «schlechtes» Einschüchterung oder Bestrafung.
Techniken der Klassenführung bei Kounin
Der amerikanische Psychologe Jacob S. Kounin widmete sich in seiner Forschung der Wirkung von Disziplinierungsmaßnahmen auf die gesamte Schulklasse. Er erkannte zwar einen «Welleneffekt», also eine Ausbreitung der Wirkung von einzelnen auf alle Schülerinnen und Schüler der Klasse. Der Effekt ist allerdings schwer absehbar und beeinflusst die Beziehung von Lehrenden und Lernenden eher negativ. «For respect is a more desirable motor of behavior than fear», begründete Kounin seine Abkehr von Disziplinierungsmaßnahmen. [2]In der Folge lag sein Fokus auf der präventiven Gestaltungsmacht der Lehrkraft. Kounin formulierte 1970 die bis heute gültigen sechs Unterrichtskompetenzen («Lehrerstil-Dimensionen» oder «Klassenführungstechniken» [3]), die Voraussetzung für guten Unterricht sind:
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