»Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil. Niemand möchte weitgehend vom Wohlwollen seiner Mitmenschen abhängen.«{20}
In der ethischen Diskussion hat gerade der Blick auf die Wirtschaft zum einen zum Utilitarismus geführt, der jede Handlung nur nach Kosten und Ertrag moralisch bewertet, zum anderen aber auch zu Kants Begriff der Pflicht, worin man auch ohne persönlich-emotionale Überzeugung eine Handlung einfach deshalb ausführt, weil es vernünftig ist. Beide Positionen werde ich noch genauer darstellen (vgl. Kapitel 2.4 und 2.5). Dass man die Auffassung von Smith nicht mehr als Urteil über die Funktionsweise einer Geldökonomie, des Kapitalismus, naiv übernehmen kann, erwähne ich hier nur am Rande: Interessen werden durch Werbung und PR manipuliert; Märkte, die bei Smith nur dem Interessenausgleich dienen, sind vielfach von großen Banken und Konzernen im durchaus egoistischen Interesse beherrscht. Und dies – wie Wirtschafts- und Schuldenkrisen belegen – gegen die Interessen der großen Mehrheit der Bevölkerung. Smiths dialektischer Gedanke, dass gerade der Egoismus in der Wirtschaft das Gemeinwohl fördere, hat sich empirisch als unhaltbar erwiesen: Das Wirtschaftswachstum wird zwar nachdrücklich vom ökonomischen Egoismus gefördert, zieht aber zugleich eine breite Spur des Hungers, der sozialen und ökologischen Verwüstung hinter sich her. Der Versuch wiederum, den Egoismus durch Anreize und staatliche Institutionen »einzusperren« und so zu lenken, hat sich gleichfalls als Illusion erwiesen.{21} Die Moral lässt sich nicht durch nicht-moralische Mittel verwirklichen. Der Funke des Egoismus ist schon lange auf Unternehmen, von dort auf ganze Staaten übergesprungen und führt im Kampf um Rohstoffe und Absatzmärkte zu politischen Gegensätzen, die nur allzu oft auch in Kriegen eskalieren.
Die von Adam Smith versuchte Auflösung des Gegensatzes von Egoismus und Gemeinwohl führte Max Weber noch zu einer anderen Differenzierung. Er hat zwischen »Verantwortungsethik« und »Tugendethik« unterschieden. Die Verantwortungsethik orientiert sich nur an den Resultaten des Handelns, die Gesinnungsethik nur an der Motivation. Weber sagt,
»es ist ein abgrundtiefer Gegensatz, ob man unter der gesinnungsethischen Maxime handelt (…) oder unter der verantwortungsethischen: dass man für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat.«{22}
Nun kann man jede Handlung durch drei Elemente charakterisieren: (1) Handlungsziel, (2) Handlungsdurchführung und (3) Handlungsergebnis. Viele Irrwege in der Begründung einer Ethik kommen dadurch zustande, dass man diese drei Begriffe nur abstrakt nebeneinander stellt und dabei stillschweigend voraussetzt, dass moralisches Handeln das unabhängige Tun eines Individuums ist. Die Moral kommt, so die Vorstellung, immer erst nachträglich zum individuellen Tun hinzu. Doch keines der drei genannten Elemente des Handelns ist rein individuell zurechenbar und somit auch nicht exklusiv einer moralischen Beurteilung fähig. Deshalb ist die von Max Weber eingeführte, vielfach zustimmend rezipierte Trennung von Gesinnungsethik – die rein auf individuelle Motive abzielt – und Verantwortungsethik – die Handlungskonsequenzen heranzieht – nicht haltbar. Es liegt hier gar kein Gegensatz vor. Auch der gesinnungsethische Egoist bleibt von anderen Menschen und der Natur völlig abhängig; und der gesinnungsethische Altruist muss, um seine Ziele für andere zu erreichen, erstens sich selbst erhalten und zweitens in seinem Streben für das Wohl anderer durchaus auch selbstbezogen sein und sich oft gegen Konventionen durchsetzen. Um gesinnungsethisch ein bestimmtes Ergebnis zu erreichen, bedarf es der Kooperation mit anderen, damit auch einer zugehörigen, an der Gemeinschaft orientierten Motivation, die man in der Gegenwart mit den Begriffen »Fairness« oder »Teamgeist« bezeichnet.
Ich werde deshalb die Weber’sche Unterscheidung, trotz ihrer Popularität, nicht mehr benutzen. Wenn ich nachfolgend den Begriff »Egoismus« verwende, dann ist damit stets das rein selbstsüchtige Verhalten auf Kosten anderer, auf Kosten der Gemeinschaft oder der Natur gemeint. In diesem Sinn ist die Ethik immer eine Kritik des Egoismus. Eine egoistische Moral, die nur für einen einsamen Robinson gelten würde, wäre unsinnig. Der reine Egoismus richtet sich aus Selbstinteresse immer auch gegen die Interessen anderer und ist insofern schlicht unmoralisch – sieht man davon ab, dass er gar nicht vollständig denkbar, durchführbar oder universalisierbar ist. Auch der reine Egoist ist auf die Hilfe anderer angewiesen; auch nackte Gewalt braucht willige Helfer, die ein rein egoistischer Herrscher immerhin versorgen und motivieren, damit seinen Egoismus einschränken muss. Andererseits führt auch der Begriff »Altruismus« zu vielen Missverständnissen. Ich werde ihn deshalb systematisch im dritten Teil durch »Mitgefühl« ersetzen und das auch ausführlich begründen.
2 SYSTEME ABENDLÄNDISCHER MORALBEGRÜNDUNG
2.1 EINLEITUNG
Die hier zu behandelnden Fragen setzen die Antwort auf eine ganz andere Frage voraus: Ist eine säkulare Ethik überhaupt möglich? Obgleich es gerade die Philosophie der Aufklärung – nicht zuletzt der englisch-schottischen – war, die die Morallehre aus der religiösen Umklammerung zu lösen versucht hat, finden sich nach wie vor Stimmen, die das für unmöglich halten. Der US-amerikanische Philosoph William K. Frankena hat die Auffassung vertreten, dass alle moralischen Werte letztlich einen religiösen, sogar theologisch zu bezeichnenden Ursprung haben:
»Ethische Urteile können nur durch logische Ableitung aus theologischen begründet werden; das bedeutet, sie hängen logisch ab von religiösen Glaubensvorstellungen für ihre Rechtfertigung.«{23}
Auch Hans Küng steht dieser Auffassung nahe. In seiner Besprechung von Küngs Buch Projekt Weltethos sagt Robert Spaemann:
»Die Frage, ob Moralbegründung ohne Religion möglich sei, ist seit dem 18. Jahrhundert immer wieder erörtert worden. Küngs Antwort lautet: Unreligiöse Menschen sind oft hochmoralisch. Allerdings kann nur die Religion diese Moralität begründen, vor allem die Unbedingtheit sittlicher Verpflichtungen in Fällen, wo sittliches Handeln mit schweren Nachteilen für den Handelnden verbunden ist. Diese These scheint mir richtig, aber sie stellt die Frage nicht, wie wichtig Begründungen für ein Ethos sind.«{24}
Spaemanns Einwand ist wohl zutreffend: Gleichgültig, ob man die Frage nach der Möglichkeit einer säkularen Ethik ohne religiöse Wurzeln bejaht oder verneint, in jedem Fall spielt hierbei die Begründung moralischer Urteile die entscheidende Rolle.
Es wurde freilich immer wieder auch behauptet, dass die Moral eigentlich keiner Begründung bedürfe. Sie sei in der menschlichen Natur verankert. Albert Einstein formulierte diesen Gedanken: Ethische Überzeugungen, sagt er,
»sind in einer gesunden Gesellschaft da als mächtige Traditionen, die auf das Verhalten, Streben und Werten der Individuen wirken; sie sind wie ein lebendiges Wesen da, ohne dass es für seine Existenz einer Begründung bedürfte. Sie treten ins Dasein nicht durch Begründung, sondern durch Offenbarung, durch das Wirken starker Persönlichkeiten. Man soll nicht versuchen, sie zu begründen, sondern sie ihrem Wesen nach möglichst klar und rein zu erkennen.«{25}
Einstein setzt an die Stelle einer göttlichen Offenbarung von Moralregeln ihre Verkörperung in herausragenden Persönlichkeiten, die solche Werte als Vorbild demonstrieren. Zweifellos ist dies eine wichtige Quelle für die Akzeptanz von Moralregeln oder Werten. Nur sind die Vorbilder hierbei keineswegs immer nur positiv. Die in der Politik, in Büchern, TV-Sendungen, Spielfilmen, Computerspielen usw. implizit transportierten Werte, die gerade auf Jugendliche besonders stark wirken, haben keineswegs immer eine moralische Qualität, die für die menschliche Gemeinschaft heilsam ist und in einer kritischen Analyse Anerkennung finden würde. Es ist also weiter unumgänglich, für moralische Regeln oder Werte vernünftige Begründungen zu finden.
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