Doch der betroffene Blick von Hilde bleibt an ihr kleben. Sie dreht sich nach dem Mädchen um und sieht Tränen in ihren Augen. Der Anblick ihrer Verletzung trifft Mascha so tief, dass sie zurückläuft und Hilde unbeholfen umarmt.
Sonnenstrahlen fluten den Wald. Sie blinzeln überraschend hinter den Bäumen hervor und tanzen in den lichten Stellen des Unterholzes. Die Luft sieht aus wie mit goldenem Staub gefüllt.
Im Schatten ist es angenehm kühl in der Julihitze.
Immer wieder kommt Tinkapur auf sie zugelaufen und stupst sie mit ihrer kleinen herzförmigen Nase an die Hand. Es ist, als wolle sie Mascha zeigen, was sie gerade erlebt. Eine Eichel, ein Blatt, einen Ast, ein Stück Papier, einen Stein. Begeistert stöbert sie im Geruch einer Fährte und im Rest einer weggeworfenen Semmel. Eine Pfütze erkundet sie mit demselben begeisterten Ausdruck wie ein Grasbüschel oder die Höhle in einer Baumwurzel.
Mascha sieht in ihren glänzenden Augen alle Wunder, die sie gerade erlebt, und an ihren ausgelassenen Sprüngen die Freude.
Jetzt nimmt Tinkapur Anlauf und landet mit einem ungelenken Satz in einem Laubhaufen. Sie beißt in die aufgewirbelten, trockenen Blätter, die knistern wie ein kleines Feuer, und sieht Mascha auffordernd an: » Spring! Das macht Spaß! «
Mascha springt tief in den Haufen hinein und versinkt darin bis zu den Hüften. Lachend wirft sie ein paar Blätter in die Luft, die der Hund zu fangen versucht.
» Das ist ein Spaß! «, offenbaren seine strahlenden Augen.
»Jaaaaa!«, stimmt das Mädchen zu und reißt die Arme nach oben.
Beide genießen dieses einfache Vergnügen, bis Mascha sich rücklings auf die Blätter fallenlässt und zu den Baumkronen aufschaut. Wie schön es sich anfühlt, so ausgelassen zu sein , denkt sie.
» Wuwuwu, wuwuwu! « Das schrille Bellen des Hundes zerreißt die Stille. »Was ist denn?« Überrascht sieht sie auf.
Tinkapur fixiert einen Schäferhund, der sich mit einer Frau nähert, und reagiert nicht auf sie. Ihr Fell ist gesträubt, und Mascha klickt schnell die Leine an ihr Geschirr und zieht sie zu sich heran. »Tinkapur, hör auf!«
Der Hund springt in die Leine, und sein Bellen verstärkt sich. Die Frau und der Schäferhund bleiben stehen. »Was hat er denn? Warum ist er denn so aggressiv?« Die Frau fragt es nicht unfreundlich, doch in Mascha regt sich Protest.
»Mein Hund ist nicht aggressiv. Er ist nur jung. Vielleicht hat er ja Angst vor dem großen Hund?«
»Was hast du gesagt?« Die Frau ruft jetzt lauter, denn unter dem Bellen versteht sie nicht, was das Mädchen sagt.
Mascha kämpft mit den Tränen und schreit: »Vielleicht hat sie Angst vor dem großen Hund?!«
Die Frau zieht die Augenbrauen nach oben und deutet auf ihren Hund. »Meiner ist lieb, wie du siehst.« Sie betont das Wort »meiner«, und ihre Stimme klingt jetzt verstimmt.
Tinkapur wühlt mit den Pfoten Laub auf bei ihrem Versuch, näher an den Hund heranzukommen. Ihr Nackenfell ist gesträubt. »Sie kann doch trotzdem Angst haben?«, entgegnet das Mädchen mit betont fester Stimme, um ihre Unsicherheit zu verbergen.
»Wenn sie Angst hätte, wäre ihre Rute eingeklemmt und sie würde weglaufen wollen! Sie will meinen Hund aber angreifen! Ich hoffe, deine Eltern gehen mit ihm in eine Hundeschule! So jung, wie er ist, sollte das nicht noch schlimmer werden …«
Die Frau schüttelt mit dem Kopf, während sie sich entfernt.
Mascha ist bleich. Tinkapur bellt, bis der fremde Hund außer Sichtweite ist und schüttelt sich dann.
Erst jetzt spürt Mascha, wie schnell ihr Herz schlägt und dass ihre Beine zittern. »Tinkapur, warum hast du das getan?! So etwas macht man nicht! Du hast uns echt blamiert!«
Der Hund legt die Ohren an. Mascha hatte gehofft, alles würde fröhlicher werden, wenn sie einen Hund hätte, doch jetzt fühlt sie nur Ärger auf ihn. Sie fasst einen Stock ins Auge, um damit auf den Laubhaufen zu hauen, doch dann strömen Tränen aus ihr heraus, und sie hockt sich hin.
Der Hund legt den Kopf schief und wirbelt wedelnd mit seiner Rute ein paar Blätter auf. Mascha sieht ihn bang an. Ob er sie jetzt noch mag, obwohl sie ihn so angeschrien hat? Tinkapur leckt eifrig ihre nassen Wangen, und Mascha blickt ungläubig in das freundliche Hundegesicht. Wenn sie selbst angeschrien wurde, fühlte sie oft Ärger auf sich oder ihre Eltern. Doch in den Augen des Hundes kann sie keinen Ausdruck von Zorn entdecken, und das beschämt sie. Ihr fällt ihr Vorhaben ein, immer gut zu dem Hund zu sein, und sie fühlt Verzweiflung darüber, dass sie es nicht einhalten konnte.
»Tinkapur, bitte verzeih mir. Ich werde dich nicht mehr anschreien«, sagt sie leise und spürt dabei vage Zweifel in sich aufsteigen.
»Mama, kann ich mit Tinkapur in eine Hundeschule gehen, damit sie etwas lernt?« Die Mutter sieht vom Bügeln auf und fragt: »Warum denn? Dein Vater kann dir zeigen, wie das geht. Er hatte als Kind auch einen Hund. Aber wieso fragst du?« Sie beobachtet beunruhigt das Kind, das mit eingezogenem Kopf vor ihr steht. Skeptisch verzieht sie den Mund, denn ihr ist klar, dass sie den Ärger abbekommt, wenn etwas schiefläuft mit dem Hund. Schließlich hat sie Werner dazu überredet, ihn anzuschaffen. »Ist etwas passiert?«
Mascha spürt die Unruhe der Mutter und beißt sich auf die Lippen. «Nein, ich will sie nur erziehen. Dann frage ich also Papa.« Sie wendet sich ab, um ihn zu suchen.
»Pass aber auf, ob er gerade liest. Du weißt, dass er dann nicht gestört werden möchte!« Die Mutter wirft dem Kind einen besorgten Blick hinterher.
Leise drückt Mascha die Türklinke zur Wohnstube herunter und öffnet die Tür. Wenn die Eltern abends Fernsehen schauen, tut sie das oft. Sie haben sie bisher noch nie bemerkt. Mascha kann das TV-Programm in den Scheiben der Schrankwand sehen, die dem Fernseher und dem Sofa gegenübersteht. Wenn sie wahrnimmt, dass Mutter oder Vater sich auf der Couch bewegen, schrickt sie zusammen, läuft auf nackten Füßen zurück in ihr Zimmer und lauscht. Sicher würde es mehrere Tage Stubenarrest oder Schläge geben, würden sie Mascha erwischen.
Jetzt sieht sie in den Scheiben der Schrankwand ihren Vater auf dem Sofa liegen und lesen, ohne dass er sie bemerkt. Sein Anblick dort ist Mascha so vertraut, als wäre er mit dem Möbelstück verwachsen.
Sie will sich unbemerkt wieder zurückziehen, doch in diesem Moment schlüpft Tinkapur an ihr vorbei und läuft in das Wohnzimmer. Mascha beobachtet sie in der Scheibe und hält die Luft an. Der Hund steigt mit den Vorderbeinen am Sofa hoch und winselt leise.
»Wer hat die Tür aufgemacht?! Hund raus, Tür zu!«, herrscht die Stimme des Vaters.
»Komm, Tinkapur, komm her, schnell!«, ruft Mascha mit angstvoller Stimme. Der Hund verschwindet jedoch aus ihrem Blickfeld und taucht nach kurzem mit Vaters Latschen im Maul wieder auf. »Gib das sofort wieder her, sonst setzt es was!«
Mascha läuft, jede Vorsicht außer Acht lassend, in die Stube und versucht, dem Hund die Beute wieder abzunehmen. Doch Tinkapur weicht ihr geschickt aus und versteckt sich unter dem Sofa. Der Vater wendet, ohne das Buch sinken zu lassen, Mascha sein Gesicht zu. »Wenn du mit dem Köter nicht gleich verschwindest, passiert etwas. Ich will hier meine Ruhe haben, ist das klar!?«
»Entschuldige, Papa. Mama hat gesagt, du kannst mir zeigen, wie ich Tinkapur erziehen kann, weil du dich gut auskennst mit Hunden!«
Im Gesicht des Vaters leuchtet Überraschung auf über diese Anerkennung. Er zieht die Augenbrauen hoch, setzt sich auf und antwortet in fast gönnerhaftem Ton: »Also, als Erstes kannst du mal diesen Namen ändern. Darauf hört tatsächlich kein Hund. Und wenn du wissen willst, wie man ihm beibringt zu hören? Bitte!« Er erhebt sich, geht vor dem Sofa auf die Knie und sagt in barschem Tonfall: »Hierher. Dalli!«
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