Das Leben reduzierte sich auf den biologischen Verfallsprozeß und die kluge, dunkelschöne Ärztin wurde sein Müllmann.
In Berlin begegnet man der allgegenwärtigen Hektik mit extremer Zeitdehnung. Und so bewohnte die in einer Anglerhütte an der Havel erstochene Schlachtenseer Professorengattin Sarah Schubert noch immer ihr enges, dunkles vorletztes Zuhause. Das wiederholte Drängen des Witwers, den Leichnam freizugeben, war in den Fluren der Rechtsmedizin reaktionslos verhallt. Immerhin war nicht auszuschließen, daß er selbst Hand angelegt hatte. Jakob fand also dreizehn Monate nach dem Mord nicht nur den zuständigen Rechtsmediziner, sondern auch das tiefgekühlte Opfer vor.
»Ein präziser Stich in den Rücken mit einem kultiviert geschliffenen Messer. Zweischneidig im übrigen. Keine Billigware erfreulicherweise. Keine unerträgliche Anzahl von Rupturen, keine ausgefransten Wundränder, zerprügeltes Muskelgewebe, zerfledderte Gefäße. Ein einziger, wunderschöner Schnitt. Lege artis«, erklärte der Leiter der Rechtsmedizin Dr. BerndCumloosen Jakob auf dem Weg zum Leichenkeller der Dauergäste.
»Ein Ästhet als Mörder?«, fragte Jakob.
»Das ist nicht mein Revier. Es war einfach schön, so etwas mal zu sehen, nach all dem Gefetze und Gemansche, das mir normalerweise in meine Stahlwannen gelegt wird.«
»Und wie wurde der Stich ausgeführt?«
»Kommen Sie her, ich zeige es Ihnen.« Dr. Cumloosen zog Jakob an seine Brust, hob den rechten Arm und stieß ihn mit einem unterdrückten Schrei in den Rücken. »Das Ganze, so würde ich meinen, in liegender Position.« Er schob Jakob weg. »So weit wollte ich es mit Ihnen nicht treiben.«
»Danke, sehr zuvorkommend.« Jakob sah an seinem Hemd hinab.
»Keine Sorge, die letzte Hirnmasse hängt an einer anderen Schürze.« Cumloosen grinste. »Ich freue mich immer, daß unter der Schädeldecke meiner Klienten tatsächlich ein Großhirn verborgen ist.«
»Was allerdings keinen Rückschluß auf die Lebenden zuläßt«, sagte Jakob.
Der Rechtsmediziner öffnete eine Tür und machte Licht. »Hier haben wir die Liegenschaften der letzten drei Jahre und die befristete Unterkunft Ihres Havelabgangs.« Er ging die Fächer ab, verglich die Nummern mit seiner Akte und zog ein Fach auf. »Sie kennen das Obduktionsprotokoll?«
Jakob nickte, atmete durch und hob mit beiden Händen vorsichtig das Leichentuch. Obwohl er wußte, was ihn erwartete, erschrak er. Der Körper wies so viele Narben auf, daß kaum noch ein Stück unversehrter Haut blieb. Nur das ebenmäßige Gesicht und die Brustwarzen ragten blank und schutzlos in das kalte Licht des Leichenkellers.
»Jahrelange Marter in der Qualität unserer schönen Gegenwart. Was brauchen wir das Mittelalter, wir perfektionieren alles.« Cumloosen deutete auf runde Narben auf beiden Brüsten, sicher sechzig, siebzig an der Zahl. »Der Klassiker: Zigaretten die kleinen, Zigarillos die mittleren, Zigarren die großen. Das erkennen Sie an der Hautstruktur, die unebene Oberfläche der Glut produziert zerklüftete Vernarbung. Erinnert an vulkanisches Gestein, finden Sie nicht?«
»Können Sie sehen, wie alt diese Verletzungen sind?"
»Waren Sie mal auf Lanzarote? Eine vernarbte Landschaft, über einen langen Zeitraum entstanden. Ähnliches kann man hier sagen, wenn auch auf Menschenmaß zusammengeschnurrt. Wußten Sie, daß Narbenbildung ein steter Prozeß ist, der Jahrzehnte andauern kann? Diese Frau wurde sicher seit vielen Jahren und bis in die nahe Vergangenheit gequält. In Ermangelung neuer Fläche hat der Täter die alten Krater immer wieder benutzt. Vielleicht waren es auch verschiedene Täter über längere Zeit, selbst wenn die Tote nicht wie eine Prostituierte aussieht, könnte sie aus dem Milieu solche Verletzungen als Andenken mitgebracht haben. Vielleicht weiß der Witwer etwas über das Vorleben seiner Frau?«
»Wie muß denn eine tiefgekühlte Leiche aussehen, damit Sie sie für eine Prostituierte halten?«
Der Rechtsmediziner zog die Augenbrauen hoch. »Stark geschminkt, gefärbtes Haar, grell blondiert, tiefschwarz oder signalrot, als Zeichen eines Milieus, das an differenzierenden Feinheiten der Natur nicht interessiert ist. Sarah Schubert hingegen«, er strich der Toten andeutungsweise über das Gesicht und hob vorsichtig ihre Hand hoch, damit Jakob die gepflegten Fingernägel sehen konnte, »hat viel von der Natürlichkeit gehalten. Angeborene leichte Welle im braunen Haar, ein Minimum an Wimperntusche, dezenter Lippenstift, keinerlei Schmuck und kein Nagellack an Fingern oder Zehen. Ich fürchte, für ein solches Angebot gibt es unter unseren Geschlechtsgenossen zu wenig zahlungsbereite Interessenten.«
»Und diese schrecklichen Ringe auf den Oberarmen?« Jakob deutete auf Narben, so breit und tief, daß man sie als, wenn auch verkalkte Abflußrinne hätte benutzen können.
»Das war mir auch neu. Ich habe mich an Photos von Bräuchen der Körpertätowierung durch Schnittwunden erinnert. Sakrifizierung nennt sich das. Ein sehr interessantes Feld für die Bildung von Narbengewebe. In unserem Fall dürften es Schlingen gewesen sein, die langsam zusammegezogen wurden. Vorzugsweise Metall, aber auch Nylon wäre denkbar. Mir scheint, unser Freund hat experimentiert, bevor er zufrieden war.«
»Womit zufrieden, um Himmels willen?«
»Narbenbildung, Wundränder, Blutungsintensität. Beschäftigen sie sich mal mit Sadisten, Kommissar, auch hier regiert zuweilen der handwerkliche Anspruch. Was gegen meine Unterweltthese spricht, zugegeben. Reine Warengesellschaft, keine Handwerkstradition.«
»Dann könnte auch der jahrelang Quälende sie getötet haben?«
»Warum nicht? Aber das ist spekulativ. Kommen wir zum Ende der äußeren Situation. Ich denke, für den inneren Befund ziehen wir uns in mein Büro zurück.« Er hob an einer Schulter und Hüfte die Leiche an und deutete auf den Rücken. »Eine Peitsche hat er auch benutzt, unser Landschaftsgärtner. Ebenfalls über einen langen Zeitraum, das Narbengewebe überlagert sich. Leder würde ich annehmen, vier bis sechs Zentimeter breit, auch wenn ich das nicht mit Sicherheit sagen kann, da die Oberhaut so großflächig vernarbt ist, daß sich kaum die Richtung der Peitschenhiebe feststellen läßt. Falls sie sein Werkzeug finden, wird Gewebe im Leder zurückgeblieben sein. Beweistechnisch haben Naturprodukte ihre Vorzüge.«
»Leider haben wir nichts gefunden.«
»Suchen Sie die Folterkammer. Privat, dezent, schallisoliert. Mit Peitsche und Kippen allein geben sich diese Ehrenmitglieder unseres Geschlechts nicht zufrieden, es braucht Raum, um eine Frau so zuzurichten«, sagte der Rechtsmediziner. »Und wo immer das hier geschehen ist, gibt es Blut, das sich nicht verbergen läßt. Und sei es unter Wandfarbe oder Putz. Viele kleine Lavaspritzer warten erkaltet darauf, daß Sie sie finden.«
Dr. Cumloosen ließ die Leiche vorsichtig wieder auf den Rücken absinken und deutete auf ihren Brustkorb. »Bei den Hautverletzungen ist es nicht geblieben. Acht Rippen waren gebrochen, zwei davon scheinen mir die ältesten Verletzungen an diesem armen Körper zu sein. Zusammen mit einer sehr unangenehmen Splitterfraktur des Brustbeins und der rechten Clavicula circa fünfzehn Jahre alt, entstanden, als das Längenwachstum des Knochenapparates noch nicht ganz abgeschlossen war.«
»Könnte Sie einen Unfall als Jugendliche gehabt haben?«
»Naheliegend, aber unwahrscheinlich. Keine der Frakturen ist medizinisch versorgt worden. Ich gebe einen aus, wenn Sie in ihren Krankenunterlagen etwas über einen Treppensturz oder wie man das in solchen Fällen nennt, gefunden haben.« Er sah Jakob fragend an.
»Das muß ich noch ermitteln. Ihre Papiere waren gefälscht.«
»Sie ist seit über einem Jahr unser Gast.«
»Der Kollege hat es mit der Bandscheibe.«
Читать дальше