Und Hanna ersehnte nichts mehr als diese Stille.
Jede zugeschlagene Tür war Folter. Jede sprechende Stimme, der brodelnde Autoverkehr, der Vielklang der U-Bahn, das Zwitschern der Spatzen, Knispern der Mäuse, alles zu viel, zu viel. Und jetzt zog Hermine Neuhaus in ihr Revier und wollte ihr die Stille bringen.
Sie bekam das schönste Zimmer. Christian legte indische Tücher über Neonleuchten, Hanna saß an ihrem Bett, streichelte die kleine Hand, die so viele und vieles berührt hatte und lauschte auf das Leben, das da mit dürrem Knistern an ihr vorbeizog. Hermine war 94 Jahre alt, hatte ein pralles Leben im Gestern zu bieten und eine gesättigte Gegenwart. Niemand war mehr auf Erden, den sie schätzte, mit dem sie fühlte. Sie wollte heim zu ihren Lieben, je schneller, desto besser.
Mit einer Darmblutung war sie eingeliefert worden, weil eine Apothekerin den Notarzt rief, als Hermine eine Großpackung Einlagen kaufte, um den Blutfluß aufzunehmen. Der Diensthabende hörte Hermine zu, die mehrfach wiederholte, das alles sei ein Mißverständnis, machte eine Darmspiegelung und bot ihr zwei Möglichkeiten an. Erstens Reparaturbetrieb. Sie hatte einen ausgewachsenen Darmtumor, vermutlich bösartig. Metastasen seien wahrscheinlich. Um die Blutung zu stoppen, würde man ihn entfernen. Zweitens, man entließe sie nach Hause, wo sie verbluten würde.
Verbluten ist ein schöner Tod, sagte Hermine. Ich nehme die Zwei.
Aber allein sein wollte sie nicht, ob sie nicht ein Eckchen für sie hätten, sie sei still, brauche nichts. Also landete sie, für einen Tag, höchstens drei, auf der Inneren II, der Endstation, bei Hanna.
Aber der alte Körper versickerte nur langsam. Zu viel Leben mußte auslaufen. Hanna überzog ihren Dienst, hielt Hermines Kopf und ein Wasserglas an die trockenen alten Lippen, schwieg mit einem unverschluckbaren Kloß im Hals, als der Spatz sagte, es würde ihm eine Freude sein, Hanna ihre Tellerchen, Tiegelchen und Tässchen zu vermachen. Im Testament sei ihre Nachbarin begünstigt, die gute Seele. Einen schönen Gruß von Mine, dann würde sie ihr schon alles geben.
Schließlich wurde Hanna vom sie ablösenden Kollegen unter Verweis auf die arbeitsrechtlich maximale Verweildauer von der Station geworfen. Der Spatz plusterte sich ein letztes Mal auf, reckte den Schnabel und tschilpte tapfer, das bringe er schon allein zuende.
Hanna ging. Das war der größte Fehler ihres halb verstrichenen Lebens. Zuhause versuchte sie das Gefieder des Spatzen von ihrer wunden Seele zu schütteln. Sie lief durch die Straßen im eiskalten Berliner Februar, sah den träge trudelnden Schneeflocken hinterher und war zu müde, schlafen zu gehen.
Die vorgeschriebenen 36 Stunden später war sie zurück. Eine renitente Leberzirrhose und ein Blutsturz forderten ihre ganze Aufmerksamkeit und so kam sie erst nach drei Stunden dazu, im Schwesternzimmer nach Hermine Neuhaus zu fragen. Deren Bett war abgeräumt, das Zimmer leer und so nahm Hanna an, daß sie verstorben war. In den Unterlagen war eine Verlegung vermerkt, was Hanna für einen Irrtum hielt. Eine erfolgreich erfolglose Reanimation an einem 86-jährigen Lungenkarzinompatienten sowie zwei Neuaufnahmen später sank sie erschöpft auf einen Stuhl und rief in der Leichenhalle an. Keine Neuhaus. Hermine hatte der Linoleumboden verschluckt.
Kurz vor Hannas Schichtende kam Christian in Mütze und Stiefeln auf die Station. Besonders breit, besonders deprimiert, und schilderte, was geschehen war. Eine Großnichte Neuhaus hatte an der Pforte randaliert, lebensrettende Maßnahmen gefordert und mit Anzeige gedroht. Der neue, leider lebenserfahrungsfreie und sicherheitsverliebte Diensthabende war mit ihr zur Inneren gegangen, hatte die in die Bewußtlosigkeit gesunkene Patientin in Augenschein genommen, Blumenvasen und psychedelische Tücher mit Verachtung gestraft und gesagt, das sei ein Krankenhaus und kein Hospiz. Eine halbe Stunde später war Hermine in den OP geschoben worden, hatte ihr Rektalkarzinom verloren, war zwei Mal wiederbelebt und mit einer großen Kanne Blutplasma versorgt worden.
Hanna spürte etwas in sich platzen, als sich im gleichen Moment die Fahrstuhltür öffnete und ein Krankenhausbett auf den Flur geschoben wurde. Hermines Schnabel war riesig, die Augen geschlossen, das Gefieder ausgefallen. Über dem Bett baumelte ein unverkennbarer Beutel, aus dem ein Schlauch führte und eine graugrüne Masse unter die Bettdecke, in die Reste des Spatzen entleerte.
Sie hatten ihr eine Magensonde gelegt. Sie hatte klar ihren Willen geäußert, eine Patientenverfügung hinterlegt, sie lag im Sterben und sie hatten ihr dieses Sterben verweigert. Das Kreischen des Bettes schlug von Wand zu Wand. Die Magensonde quietschte höhnisch.
Da lief es in Hanna über. Sie schrie und schlug um sich. Riss die Tür zu den Hilfsmitteln auf, warf Kanülen gegen Wände, zerfetzte künstliche Darmausgangspackungen, zerbrach Nährlösungsflaschen an Schränken. Griff Stühle und schleuderte sie den Flur hinunter. Trat gegen Spritzenkartons, zerschlug einen Mülleimer auf dem Tisch und stieg dann, mit einem Stuhlbein in der Hand, auf Hermines, inzwischen verlassen und verloren im Flur stehendes Bett zu. Sie riß die Decke hoch, sah die frische OP-Narbe, das hilflose Schamdreieck dieses fast hundertjährigen Spatzen, sah die kleine Brust sich müde, getrieben, getreten ins Leben, heben und senken, sah den Atem schwer gehen durch den halbgeöffneten Mund, sah die Venen ächzend auf den zerknitterten Handrücken pulsieren, den eingefallenen, vernarbten Bauch und riß mit einer energischen Bewegung die Magensonde ab.
Spritzend verteilte sich der Inhalt des Beutels, seine proteinreiche, physiologisch ausgewogene Nährlösung auf dem Flur. Sie nahm den Schlauch, und richtete ihn auf alles, was sie umgab. Drohte mit ihm, als eine Schwester jammernd in ein Zimmer flüchtete. Sie sah alle Lampen blinken, hörte ein Signalhorn, das sie nicht kannte, dumpf hinter dem höhnenden Gejaule, Gepfeife und Gedonner all der Homunculi, deren fratzenhafte Wesen sich nur ihr zeigten. Als der Beutel leer war, warf sie von einem Rollwagen in ihrer Nähe zwei bräunlichgelb gefüllte Urinale den Flur hinunter, schob Hermine in ihr altes, leeres Zimmer, schloß es von außen ab und verbarrikardierte sich im Schwesternzimmer. Sie fand in der Jackentasche einer Schwester Zigaretten, öffnete das Fenster, steckte sich mit zitternden Fingern eine an und sog mit dem Rauch tief die eiskalte Februarluft in ihre Lunge.
Gut gemacht, Hanna, dachte sie. Sehr, sehr gut gemacht.
Jakob verließ den Gerichtssaal und strömte mit anderen Zuhörern zum Ausgang des Gebäudes. Was erwartete Wladimir, einen Freispruch? Sicher, der Blödsinn mit dem Messer war frei erfunden. Der Stollen behauptete, er sei damit bedroht worden und hatte die anderen Lehrer überredet, das auch so zu sehen. Hätte sein Dienstherr Jakob nicht ein Schweigegebot erteilt – aus gesundheitlichen und internen Gründen wegen noch zu klärender Verletzung der Dienstpflicht –, er hätte das schon richtiggestellt. Wie es wirklich gewesen war, sagte der Bürstenschnitt Katharina Hansig (Mathe, Physik, Chemie), die nur am Hals der Referendarin ein Messer gesehen hatte. Ansonsten war der Fall klar. Wladimir Gonodow hatte bewaffnet eine Schar Lehrer als Geiseln genommen. Vorsatz war ihm nicht nachzuweisen, Messer gehörten ja mittlerweile zum Standardrepertoire der Straßenkleidung.
Der Angriff auf den Stollen mit dem feinen Toilettengehör und der Aversion gegen schwulen Geschlechtsverkehr war provoziert, das war trotz der blumigen Darstellung des Opfers unstrittig. Die freigelassenen Geiseln sprachen für Wladimir, ebenso die Bereitschaft zur Aufgabe. Die Lehrerin Hansig hatte das, so entnahm Jakob den Akten, nach seinem Sturz in die Hand genommen. Sie hatte das Fenster geöffnet, gerufen, wer friedlich sei, könne jetzt reinkommen, Wladimir angewiesen, sich mit dem Gesicht nach unten und ausgestreckten Armen flach auf den Tisch zu legen und mit baumelnden Beinen auf der Tischkante hockend die heranstürmenden Polizisten erwartet.
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