»Schade um den Kaffee«, brummte Kurt nach dem ersten Schluck.
Der Benjamin grinste, die andern stutzten.
»Ist doch wahr«, fuhr er fort mit einem wehmütigen Blick zur Theke, wo der ganze Geist des Schwabenlands in trinkbarer Form nur darauf wartete, die braune Brühe zu veredeln.
»Vergiss es, hier geht’s um Mord, verstanden?«, wies ihn Schröder zurecht.
Er verstand nicht, was der Klare auf der Theke mit dem Mord zu tun haben sollte, aber er war eben nicht der Hellste. Mit hängenden Schultern wagte er einen zweiten Schluck, um wach zu bleiben.
Der Wirt konnte nur wiederholen, was er der Polizei schon erzählt hatte. Der Lange und seine Kollegen hatten die Leiche entdeckt. Er selbst war nur der Mann mit dem Telefon.
»Hat einer von euch das Opfer früher schon mal gesehen?«, fragte Schröder.
Kopfschütteln. Es gab zwar nicht wenige dunkelhäutige Menschen in der Gegend, aber die meisten waren blutjunge Leute, die an der nahen Uni studierten.
»Der Doktor meint, der Mann wäre um die Vierzig«, murmelte Schröder mehr zu sich selbst. »So einer müsste hier doch verdammt noch mal auffallen.«
»Nachts sind halt alle schwarz«, grinste der Benjamin, der sich unbedingt in die Diskussion einbringen wollte.
Zu seinem Glück betrat der Arzt in diesem Augenblick die Wirtsstube. Er setzte sich dazu und wartete schweigend auf den Kaffee, bevor er seinen Befund bekanntgab. Dass die Zeugen mithörten, störte weder ihn noch Schröder.
»Der Tote ist männlich, eins fünfundsiebzig groß, schlank, ein Schwarzer, wahrscheinlich Afrikaner. Er hat eine Stichwunde in der Brust. Ein einziger Stich genau ins Herz führte zum sofortigen Exitus. Die Hämatome sind alle postmortal entstanden. Identifikation negativ. Wir haben weder Papiere noch Geld oder Handy bei ihm oder im Kanal gefunden.«
»Raubmord?«, fragte Schröder.
»Möglich, aber das herauszufinden ist euer Bier.«
»Tatzeit?«
»Der Mann starb vor höchstens zwei Stunden. Genaueres wissen wir erst nach der Obduktion in Stuttgart. Ich schätze, das Opfer ist zwischen eins und halb zwei hier in der Nähe erstochen und in den Kanal gestoßen worden.«
»Hier in der Nähe!«, rief der Wirt und erblasste.
Er sprang auf, holte eine Flasche mit dem kostbaren klaren Wasser und stellte jedem ein Schnapsglas hin. Ohne zu fragen, goss er ein, dann leerte er sein Glas in einem Zug, genauso wie die andern Zeugen.
»Ein Raubmord direkt vor meiner Tür – ich fass es nicht«, seufzte er, während er sich nachschenkte.
Kurt traute seinen Augen nicht, als er die Flasche wegstellte. Beleidigt deutete er auf ihre leeren Gläser, doch der Wirt beachtete ihn nicht. Stattdessen schob ihm Schröder sein volles Glas hin. Der Benjamin bekam den Klaren des Arztes. Damit war die Welt wieder in Ordnung.
Nicht für lange Zeit, denn der Wirt machte eine Bemerkung, die Kurt besser nicht kommentiert hätte.
»Vor meiner Haustür wird einer geschlachtet, und keine Sau merkt etwas.«
»Vielleicht hat ja der Nazi etwas gesehen.«
Es war ihm herausgerutscht. Er wusste sofort, dass er einen kapitalen Bock geschossen hatte. Schröder durchbohrte ihn mit Blicken, als hätte er ihn angespuckt.
»Was meinst du damit?«, fragte er gefährlich leise.
»Schmitz hat ihn doch zuerst gesehen, den Toten. Ich meine ja nur …«
»Herrgottsdonderwettr aber au! Das fällt dir erst jetzt ein? Wo ist der Kerl?«
»Abgehauen. Er – hat uns geweckt, dann habe ich ihn nicht mehr gesehen.«
Schröder stand auf und polterte: »Mir reicht’s. Los, mitkommen, Langer. Wir unterhalten uns auf dem Revier.«
Der Hüne packte ihn unsanft am Kragen, zog ihn hoch und schob ihn zur Tür hinaus. Auf dem Weg zum Wagen brüllte er Kalle zu:
»Fahndung nach Schmitz – ja, der Nazi! Er soll die Leiche entdeckt haben. Ich will den Kerl stante pede auf dem Posten, verstanden?«
Felixstowe, Suffolk
Thomas Stuart nahm den ersten Zug und blies den Rauch durch die Nase, dann warf er die Zigarette angewidert weg. Der Geruch des Tabaks ekelte ihn an. Nichts war mehr wie früher, außer dem grau verhangenen Himmel, aus dem es seit Tagen in kurzen Abständen regnete, als wären die Wolken inkontinent. Er hatte wieder kaum geschlafen. Wie auch? Seit seine Frau am Dienstagabend nicht nach Hause gekommen war, lebte er in einem falschen Film, in einer unwirklichen Zwischenwelt, aus der er verzweifelt einen Ausgang suchte.
In der Morgendämmerung regte sich weit und breit nichts an seiner Straße, als wären alle Bewohner ausgezogen, selbst die Vögel und Stechmücken. Er betrachtete das Haus, in dem er seit der Heirat mit der wunderbaren Felicity wohnte. Das schmale Reihenhaus im roten Backsteinbau war der Mittelpunkt seines Lebens gewesen bis letzten Dienstag. Es war ein bescheidenes Haus und nicht die beste Gegend in Felixstowe, aber hier lebten sie glücklich. Er wollte nicht mehr. Felicity liebte ihn, er liebte sie, und sie war die beste Mutter, die er sich für seinen Sohn wünschen konnte. Warum ich? , fragte er sich zum hundertsten Mal. Warum konnte der Herrgott seine kleine Familie nicht einfach in Ruhe lassen? Was hatten sie getan, dass es plötzlich so enden musste?
Jetzt, ohne Felicity, war das Haus nur noch Kulisse im falschen Film. Er wusste, dass das nicht stimmte, aber manchmal übermannte ihn die Bitterkeit. Dann vergaß er Scotty, der ihn jetzt ganz besonders brauchte. Sein Sohn war sechzehn und hing sehr an seiner Mutter. Scotty war ein guter Junge, das spürte er, obwohl sie mit den Jahren immer weniger miteinander gesprochen hatten. Am Dienstagabend war die Verbindung ganz abgebrochen. Scottys Mund blieb versiegelt. Weder er noch die Polizei brachten auch nur ein einziges Wort aus ihm heraus. Er verstand die Reaktion des Jungen auf den Schock und die unerträgliche Ungewissheit. Trotzdem verwünschte er ihn manchmal, wenn er nicht mehr ein noch aus wusste.
Bedrückt kehrte er ins Haus zurück. Schmutziges Geschirr stapelte sich im Spültrog. Die Luft roch abgestanden trotz des offenen Fensters. Die Vorräte im Kühlschrank gingen zur Neige. Die zuletzt gewaschene Wäsche lag immer noch im Korb in Felicitys Arbeitszimmer. Die Lage wurde mit jeder Stunde unübersichtlicher. Er wusste nicht, wo er hinsehen sollte, ohne ein neues Problem zu entdecken. Als wäre dies nicht genug, plärrte oben in Scottys verschlossenem Zimmer von morgens früh bis spät in die Nacht aggressive Musik. Heavy Metal, Lärm, mit dem er seit jeher auf Kriegsfuß stand.
Einmal mehr stieg er die Treppe hoch und klopfte an die Tür des Jungen.
»Scotty, dreh die Musik leiser! Lass uns reden.«
Nichts geschah. Die Musik hämmerte weiter. Der Junge widersprach ihm nicht einmal mehr. Es war unmöglich, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Er schwänzte die Schule, blieb dem Fußballtraining fern, und sein Vater stand im eigenen Haus vor verschlossener Tür wie ein Aussätziger, den alle mieden. Er gab auf und ging zurück ins Wohnzimmer. Ich muss ihm mehr Zeit lassen , redete er sich ein, bloß glaubte er selbst nicht daran, dass Zeit die Wunden heilte. Je länger die Ungewissheit dauerte, desto erdrückender wurde das Gefühl, dass Felicity etwas Unaussprechliches zugestoßen sein musste. Nein, Zeit heilte keine Wunden. Zeit war die reinste Folter. Niemand in der Nachbarschaft oder in der Fabrik, wo Felicity seit Jahren als Vorarbeiterin angestellt war, hatte etwas bemerkt, was ihr Verschwinden erklären könnte. Die Polizei fand keine Spur, obwohl sie die Gegend mit Hunden durchkämmt hatte. Die Küstenwache suchte immer noch nach ihr. Alles umsonst. Was von ihr blieb, waren nur Erinnerungen und die Unordnung im Haus, für jedermann sichtbares Zeugnis ihres Fehlens.
Er fand ein paar alte Teebeutel im Küchenschrank. Er brühte Wasser auf, spülte die benutzte Tasse auf der Anrichte kurz aus, hängte einen Beutel hinein und goss das siedende Wasser darüber. Er wartete, bis das Wasser die richtige Farbe annahm, rührte abwesend, dann schüttete er den Inhalt der Tasse in den Ausguss und verließ das Haus.
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