»Es gibt verdammt wenig Greifbares«, sagte er verärgert. »Im Grunde wissen wir noch gar nichts, was uns weiter bringt.«
Während er aussprach, was alle dachten, ging die Tür leise auf. Eine jugendliche Gestalt, nicht unähnlich dem Neuling am Computer, betrat den Raum.
»Detective Sergeant Cornwallis, schön, dass Sie den Weg zu uns doch noch gefunden haben«, knurrte Adam.
»Sorry, Sir, ich wurde in Felixstowe aufgehalten. Gestern Nacht ist uns gelungen, den Jungen Scotty Stuart endlich zum Reden zu bringen. Er sagt aus, seine Mutter am Dienstagabend gesehen zu haben, als sie die Fabrik verließ. Er behauptet, ein Mann habe kurz mit ihr gesprochen, dann sei sie in sein Auto eingestiegen. Das Auto sei in Richtung Hafen gefahren. Zeitpunkt etwa 17:45 Uhr.«
Das Ereignis erschien auf der Zeitlinie, während die Augen der Kollegen an den Lippen des Sergeants hingen.
»Und weiter?«, drängte Adam. »Wie sah der Mann aus? Wagentyp, Kennzeichen?«
Cornwallis schüttelte bedauernd den Kopf. »Scotty hat sich widersprochen. Er sah die beiden nur kurz, während er auf dem Rad vorbeifuhr. Ab 18 Uhr war er nach übereinstimmenden Zeugenaussagen bereits wieder zu Hause. Sicher ist er sich einzig, dass er Felicity gesehen hat und den Rücken eines untersetzten Mannes etwa in ihrer Größe.«
»Ist uns auch schon bekannt.«
Cornwallis blickte ihn bestürzt an, dann sah er das vorläufige Täterprofil an der Wand und lächelte.
»Ja, Sir, die Größe deckt sich mit Scottys Aussage. Der Unbekannte könnte der Täter gewesen sein.«
Er hüstelte, legte eine Kunstpause ein, bevor er hinzufügte:
»Scotty hat gehört, wie der Unbekannte laut und eindringlich auf seine Mutter einredete. Er hat zwar nicht verstanden, worum es ging, ist aber überzeugt, dass der Mann mit ausländischem Akzent gesprochen hat. Wahrscheinlich Holländisch oder Deutsch, gibt er an.«
»Der Kleine beherrscht ja beide Fremdsprachen, nehme ich an«, spottete Adam.
Cornwallis schüttelte beleidigt den Kopf. »Er kennt den Klang der Sprachen von den Hafenarbeitern und Seeleuten, sagt er. Sir, ich meine, wir sollten den Jungen ernst nehmen. Es könnte eine wichtige Spur sein.«
Das brauchte der Sergeant einem alten Hasen wie ihm nicht zu erläutern. Angenommen, Scotty irrte sich nicht, dann gab seine Beobachtung dem Fall eine neue Wendung, die ihm gar nicht gefallen wollte. Cornwallis traute er zu, den Zeugen richtig einzuschätzen, also entschied er sich, großes Geschütz aufzufahren.
»Wir dehnen die Untersuchung aus«, sagte er. »Täterprofil und Tathergang werden an Interpol weitergeleitet. Ich will wissen, ob sich ähnliche Fälle in Deutschland oder den Niederlanden ereignet haben. Gibt es entsprechende Täter, die seit Kurzem wieder auf freiem Fuß sind, und so weiter, das ganze Programm.«
Wiesbaden
Der Applaus fiel höflich aus. Das Konzert im Atrium riss die Zuschauer nicht von den Stühlen. Chris hatte sich mehr versprochen von der Bigband aus Schweden. Die Musiker spulten die Evergreens routiniert und technisch perfekt ab, doch wurde sie den Verdacht nicht los, die wollten gar nicht hören, was sie spielten. Das Publikum zerstreute sich rasch. Ein paar ältere Herren unterhielten sich auf der Allee, unschlüssig, welche Kneipe es sein sollte. Ein junges Paar kam ihr entgegen. Eng umschlungen, mit sich selbst beschäftigt, traten sie auf die Straße. Chris löste die Kette vom Fahrrad. Sie nahm die schnelle Bewegung am Ende der Straße nur aus den Augenwinkeln wahr. Ein Sportwagen schlitterte mit quietschenden Reifen vom Siegfriedring in die nächtliche Allee und raste mit hoher Geschwindigkeit auf sie zu.
»Achtung!«, schrie sie. »Weg von der Straße!«
Statt zu bremsen, ließ der Irre im 3er Cabrio den Motor aufheulen. Die Leute auf der Straße reagierten viel zu langsam, wie in Zeitlupe. Chris sprang ins Scheinwerferlicht, ruderte mit den Armen und rief aus Leibeskräften:
»Anhalten, Polizei!«
Der Schock traf den Fahrer hart. Er trat augenblicklich auf die Bremse. Seine motorisierte Waffe rutschte näher, zu schnell, um den Zusammenstoss zu vermeiden. Von der Ringstraße brausten Blaulichter heran. Instinktiv sprang sie auf und landete auf der Motorhaube. Ihr Rücken prallte hart an die Frontscheibe, aber der Scheißkerl stand still.
»Anhalten, Polizei!«, rief sie nochmals, während sie ächzend vom Wagen rutschte.
Der Fahrer, ein süß parfümierter Schnösel, noch grün hinter den Ohren, starrte sie entsetzt an und regte sich nicht.
Sie zückte ihren Ausweis. »Aussteigen!«
Er schien sie nicht zu hören. Die Streifenwagen schlossen auf, da löste sich die Schockstarre. Er griff an den Schalthebel, doch sie war schneller. Ohne Zögern drehte sie den Zündschlüssel und zog ihn heraus. Das Brummen des Motors erstarb.
»Aussteigen, Hände auf die Haube«, sagte sie ruhig und langsam genug, damit es auch schwache Schüler verstanden. Streifenpolizisten eilten herbei. Endlich begriff der Idiot, dass es vorbei war. Er ließ sich mit hängenden Schultern abführen.
»Sind Sie seine Begleitung?«, fragte ein Polizist in vorwurfsvollem Ton.
»Sehe ich so aus?«
Sein Blick auf ihren leuchtend blonden Zopf und in den tiefen Ausschnitt bestätigte genau das. Wütend hielt sie ihm die Dienstmarke unter die Nase und sagte zur Sicherheit:
»Kriminaloberkommissarin Christiane Hegel, BKA Wiesbaden. Und Sie sind?«
»Entschuldigung«, murmelte er verdutzt.
»Ich kam aus dem Konzert und sah, wie der Verrückte auf die Leute zuraste. Ich musste ihn aufhalten.«
»Sie könnten tot sein.«
»Berufsrisiko.«
Ihr Rücken schmerzte. Sie versuchte, sich die Stelle zu massieren. Dabei drohten ihre Brüste, unterstützt vom Push-up, dem Kollegen von der Streife ins Gesicht zu springen. Der junge Mann wusste nicht wohin mit den Augen, bis sein älterer Partner neugierig auf sie zutrat.
»Kommissarin Hegel vom BKA hat ihn gestoppt«, erklärte der Junge hastig.
»Oberkommissarin«, verbesserte sie.
Sie fand die feine Abstufung in der Funktionsbezeichnung lächerlich, aber es tat gut, den Jungen zu quälen.
»Oberkommissarin, Entschuldigung«, murmelte er verlegen.
»Sind Sie verletzt?«, fragte der Ältere.
Sie schüttelte den Kopf. »Danke, ich bin in Ordnung.«
»Sind Sie sicher? Sie haben ein ganz schönes Früchtchen aus dem Verkehr gezogen. Der Mann hat eine Person angefahren und Fahrerflucht begangen, deshalb waren wir hinter ihm her. Er wird wohl für eine Weile von der Straße verschwinden.«
»Hoffentlich ist er schon strafmündig«, lächelte sie.
Dadurch fasste der Junge neuen Mut. »Er ist immerhin schon achtundzwanzig«, grinste er.
Sie nickte ihm verständnisvoll zu. »Manche Leute entwickeln sich eben sehr langsam.«
Das betroffene Gesicht des Polizisten erinnerte sie entfernt an die erste Begegnung mit ihrem Jamie. Milder gestimmt, wehrte sie sich nicht dagegen, den Beamten fürs Protokoll aufs Revier zu folgen. Sie hielt den konfiszierten Zündschlüssel hoch und sagte zum Jüngling:
»Sie könnten mich ja fahren. Mein Fahrrad findet sicher Platz im Streifenwagen Ihres Partners.«
Der Junge blühte auf während der kurzen Fahrt, was nicht nur am schnittigen Sportwagen lag. Sie hatte beschlossen, in den nächsten zehn Minuten richtig nett zu ihm zu sein.
Am nächsten Morgen in der Zentrale des Bundeskriminalamts empfing sie ihr Partner mit besorgter Miene. Sven blickte sonst nicht von der Arbeit auf, wenn sie das Büro betrat, doch nun sprang er gar auf und betrachtete sie eingehend von allen Seiten.
»Bist du auch wirklich O. K.?«, fragte er leise, um sie nicht zu erschrecken.
»Dasselbe wollte ich dich fragen.«
Hatte sie etwas übersehen? Im Spiegel war ihr nur ein blauer Fleck aufgefallen, am Rücken unter dem rechten Schulterblatt. Den konnte er unmöglich sehen.
Читать дальше