Einige Stunden später, Simba hatte längst als Nachfolger seines Vaters den Thron im Regen bestiegen, wachte ich erschrocken auf. Alles ruckelte und schaukelte. Wo war ich? Ich brauchte einen Moment, um mich zu orientieren. Ich schaute auf die Erdkugel. Im Flugzeug, stimmt, ja. Ich richtete das Nackenkissen und trank einen großen Schluck aus meiner blauen Wasserflasche. Diese war noch zu drei Vierteln befüllt. Sollte bis zum Morgen locker ausreichen. Ich schaute wieder auf das Display und auf die kleine Plastikflasche vor mir, die auf dem ausklappbaren Tisch von der einen zur anderen Seite rollte. Irgendein Bio-Wein-Plakat klebte darauf. Sie erinnerte mich an das Abendessen um Mitternacht. Es gab Hähnchengeflügel mit Reis, das zusammen mit einer orangefarbenen Currysauce serviert wurde. Zum Nachtisch gab es dann noch ein kleines Stück Kuchen, das ich Richie zu seiner Freude überließ, da ich vom Truthahn noch ziemlich satt war. Richie … Ich schaute zu ihm, ob auch er durch das ganze Flugzeuggewackel geweckt worden war. Aber er schlief tief und fest, zumindest deuteten die Schnarchgeräusche darauf hin, die leise unter der Decke zu hören waren. Er hatte sich die Decke bis über den Kopf gezogen, sodass nur noch seine Beine und Hände zu sehen waren. Was ein Typ, dachte ich mir. Der kriegt doch so keine Luft. Ich tippte auf den Bordcomputer vor mir. Der hatte sich zusammen mit der Kopflehne ein ganzes Stück in meine Richtung orientiert. Wahrscheinlich war der Herr vor mir jetzt auch fertig mit seinem Film. Sein an der Wand lehnender Kopf bestätigte meine Vermutung.
Das Flugzeug flog gerade über Tunesien hinweg. Ich seufzte. Noch immer lagen mehrere Flugstunden nach Johannesburg vor uns. Wenn wir überhaupt ankommen sollten. Das Flugzeug machte einen Hüpfer nach links. Die Wände knackten und knarrten. Ich versuchte, mich auf meine Atmung zu konzentrieren und nicht panisch zu werden. Eine Frau zwei Reihen vor mir wurde es nämlich gerade. Wieder ruckelte es wild. Eine Windböe hatte das Flugzeug voll erwischt, sodass es kurz absackte, ehe es wieder aufwärtsging. Auf Achterbahn hatte ich jetzt irgendwie gar keine Lust. Auf Loopings schon gar nicht. Ich schob vorsichtig das Abdeckteil vom Fenster ein wenig beiseite und schaute nach draußen. Bis auf Dunkelheit war nichts zu erkennen. Enttäuscht lehnte ich mich wieder zurück. Auf Flugturbulenzen hatte ich mich nicht vorbereitet. Ich war hundemüde und bereute den Wein vom Vorabend, auch wenn es nur ein Viertelliter war. Ich trank eigentlich so gut wie nie Alkohol und ausgerechnet auf einem Zehn-Stunden-Flug musste ich damit anfangen. Ich schaute über den Sitz meines schlafenden Vordermannes zur Toilette. Diese war ungefähr fünfzehn Meter von meinem Platz entfernt. Ein kurzer Hüpfer über Richie, ein schneller Sprint durch den Gang und ein Aufreißen der Toilettentür war bei dem Gewackel und der Truthahn-Chicken-Kombi im Magen ein durchaus realistisches Szenario für die nächsten Minuten. Sofern das Geschaukel nicht aufhören sollte. Ich griff noch mal nach meiner Wasserflasche und nahm einen großen Schluck. Dann wickelte ich mich erneut in meine Swiss-Decke ein und machte es mir bequem. Einige Minuten später und nach einer Durchsage des Piloten, dass wir gerade durch ein tunesisches Wettertief fliegen und es gleich wieder ruhiger in der Luft werden würde, verstummten meine Sorgen, Gedanken und Worst-Case-Szenarien. Sie wurden von einem leisen Schnarchen abgelöst. Diesmal kam es nicht von Richie.
FÜNF ROTE LÖWINNEN
(CHAPTER FOUR)
Mit müden Augen schaute ich verschlafen in den Spiegel der Bordtoilette und beobachtete, wie einzelne Wassertropfen langsam über mein Gesicht kullerten. Ich hatte vielleicht zwei Stunden in der Nacht geschlafen und man sah es mir auch an. Darüber täuschte auch das erfrischende kalte Wasser nicht hinweg, das ich mit mehreren Schüben in mein Gesicht geklatscht hatte. Gefühlt alle paar Minuten wachte ich auf, um dann festzustellen, dass wir immer noch nicht am anderen Ende des afrikanischen Kontinents angekommen waren. Jetzt lag der Flughafen von Johannesburg noch gute dreißig Minuten von uns entfernt. Zeit genug, um sich wie die anderen Passagiere im ein Quadratmeter großen WC frisch zu machen und die letzten Erinnerungen an die Nacht im Gesicht verschwinden zu lassen. Frühstück hatte es bereits gegeben. Ich putzte mir die Zähne und sprühte ein wenig Parfüm auf mein frisches T-Shirt. Das andere hatte ich in der Nacht ordentlich nassgeschwitzt. Ich öffnete die schmale Tür, die ich vor ein paar Minuten kaum geöffnet bekam, und zwängte mich vorbei an der wartenden Toilettenschlange. Zurück in der Sitzreihe drehte sich Richie mit seinen Beinen in den Gang, sodass ich mich an ihm vorbei auf meinen Platz quetschen konnte. Unauffällig stopfte ich dort das müffelnde Shirt in eine leere Seitentasche des Rucksacks. Den Kulturbeutel mit den Zahnputzsachen verstaute ich bewusst woanders. Richie hatte sich wieder hingesetzt und studierte interessiert die Wetteraussichten auf seinem Bordcomputer.
„Weather for today looks good …“ Er hatte sich auf der Toilette bereits eine kurze Hose angezogen und seine Füße mit Flip-Flops dekoriert. Ich dagegen trug immer noch meine lange Jeans.
„How much degrees?“
„27“, antwortete Richie euphorisch. Jetzt bereute ich, dass ich keine kurze Hose im Handgepäck hatte. Schon beim Gedanken an siebenundzwanzig Grad sammelte sich Wasser in meiner Kniekehle. Ich schaute wieder aus dem Fenster und dann sah ich sie: die Sonne. Ihre Strahlen trafen auf mein Gesicht und brachten es zum Lächeln. Zum letzten Mal hatte ich sie vor gut einer Woche gesehen, als ich mit ein paar Freunden in Holland am Meer war. Es tat gut, sie zu sehen und von ihr begrüßt zu werden. Während die Sonne am Himmel immer höher kletterte, verringerte sich unsere Flughöhe mehr und mehr. Autos, Häuser und Straßen tauchten am Boden auf. Kontrolliert leitete der Pilot den Sinkflug ein. Wie auf einer Rolltreppe näherten wir uns immer mehr dem Boden, ehe wir auf der Landebahn aufsetzten und landeten. Ich schüttelte beim Gedanken ungläubig den Kopf. Ich war in Afrika gelandet und hatte den langen Flug problemlos überstanden. Es war kein Traum, in dem ich mich befand. Kein Traum, der durch das nervige Geräusch des Weckers hätte beendet werden können. Ich war wach und näherte mich dem großen Gebäude, auf dem Airport Johannesburg stand. Stolz, den Schritt gemacht zu haben, wartete ich darauf, dass wir unseren Stellplatz erreichten und ich meinen Platz verlassen durfte. Ich konnte kaum erwarten, afrikanischen Boden zu betreten. Die lange Hose war mir dabei jetzt erst mal egal …
„Pardon?“ Das Flugzeug hatte mittlerweile seine Gangway erreicht. Die meisten Passagiere wuselten schon wild durcheinander, zogen ihre Handgepäckstücke aus der Ablage und warteten, bis der Vordermann endlich weiterging. Richie und ich saßen noch auf unseren Plätzen. Wir hatten gerade andere Probleme.
„Pardon?“ Verständigungsprobleme. Richie hatte mich schon wieder nicht verstanden. Ich war gerade dabei, ihm meinen Namen zu buchstabieren, bisher jedoch ohne Erfolg. Immer hörte er einen anderen Buchstaben heraus. Ich versuchte es anders:
„Siegfried, Ida, Leon, Anton, Siegfried, Joachim …“
„Wow, wow, wooow. Bro, that is your Instagram name? So many names?“
„Jesus, no.“ Beim Gedanken an so einen Namen und den dazu von den Behörden auszustellenden Personalausweis musste ich lachen. „I’m only trying to spell my name. Silas - S like Siegfried, I like Ida …“ Richie verstand und tippte den Namen in seinen Notizen auf dem Handy ab.
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