„Ich schaue mal.“ Ich wuschelte ihm durch die Haare. „Bis in vier Wochen.“ Ich ging zu meinem Koffer, klappte den Griff aus und rollte ihn hinter mir her zur Abflughalle. Beim Eingang drehte ich mich noch mal zu meinen Eltern und meinem Bruder um. Sie waren wieder ins Auto gestiegen und winkten, als sie an mir vorbeifuhren. Ich schaute ihnen noch eine Weile nach, bis sie hinter einem Parkhaus nicht mehr zu sehen waren. Jetzt war ich auf mich allein gestellt. Der erste Schritt war gemacht. Das Abenteuer Afrika konnte beginnen …
TRUTHAHN, CHICKEN UND DER KÖNIG DER LÖWEN
(CHAPTER THREE)
„Schöne guete Abig, mini Dame und Herre und es herzlichs Grüezi au no mal vo mir us de Pilotekabine. Min Name isch Franz Huber und zsamme mit minere Crew heiß ich Sie herzlich willkomme an Board. Viele Dank, dass Sie sich uf em Flug vo Düsseldorf nach Züri für Swiss entschiede händ. Mir versuechet, Ihne de Flug so agnähm wie mögli zgestalte. Dä Flug isch öppe mit ere Stund agrächnet. Mir wünschet Ihne en guete Flug und bittet Sie, Ihres Handgepäck unterem Sitz oder i dä dafür vorgsehene Ablageflächi zverstaue.“
Ja Moin. Ich musste innerlich lachen. Ich hatte bis auf den Namen kein Wort verstanden. Wieder meldete sich die Stimme aus dem Lautsprecher im Flugzeug.
„Und jetzt noch einmal für die nicht Schweizerdeutsch sprechenden Passagiere …“
Geht doch, Franz.
„Schönen guten Abend, meine Damen und Herren und ein herzliches Grüezi auch noch mal von mir aus der Pilotenkabine. Mein Name ist Franz Huber und zusammen mit meiner Crew heiß ich sie herzlich willkommen am Bord. Vielen Dank, dass sich auf den Flug von Düsseldorf nach Zürich für Swiss entschieden haben. Wir versuchen, Ihnen den Flug so angenehm wie möglich zu gestalten. Der Flug ist mit einer guten Stunde berechnet. Wir wünschen Ihnen einen guten Flug und bitten Sie, ihr Handgepäck unterm Sitz oder in den dafür vorgesehen Ablageflächen zu verstauen.“
Ich schaute auf meine digitale Uhr, die ich vor ein paar Monaten beim Planspiel Börse gewonnen hatte. 19:55 Uhr leuchtete es auf in weißen Zahlen. Ich freute mich, dass bis jetzt alles nach Plan verlief. Pünktlich setzte sich der Flieger von Swiss in Bewegung und machte sich hinter zwei anderen Fliegern auf dem Weg zur Startbahn. Nein, bis jetzt lief wirklich alles nach Plan. Bei einem Swiss-Schalter hatte ich vorhin meinen Koffer abgegeben. Im Gegenzug überreichte mir die Schweizerdeutsch sprechende blonde Angestellte die Flugtickets. Wie mein Nachbar Wolfgang, der mir an Noahs Geburtstag im Januar noch von seinem Namibia-Urlaub erzählt hatte, staunte sie nicht schlecht, als sie durch ihr System erfuhr, dass ich keinen Direktflug nach Windhoek, der Hauptstadt Namibias, gebucht hatte. Ich zuckte nur lachend mit den Schultern und nahm die drei Tickets dankend entgegen. Jetzt lagen sie gut verstaut in der oberen Tasche meines Rucksacks zwischen den Seiten meines Reisepasses. Bereit, in Zürich und Johannesburg bei den Zwischenstopps rausgekramt zu werden. Vorsichtshalber schaute ich noch mal nach, ob sie noch da waren.
Erleichtert, dass sie immer noch auf meinem Gesicht lagen, schaute ich wieder aus dem kleinen Fenster nach draußen. Das ganze Flughafengebäude war hell beleuchtet. Busse brachten Passagiere zu den wartenden Flugzeugen, während Kleinbusse mit mehreren Anhängern die Koffer hinterherfuhren. Zwischen dem ganzen Gewusel deutete nur der pechschwarze Himmel darauf hin, dass es bereits Nacht war. Ich schaute einige Meter runter zum Boden. Dort entdeckte ich überall Markierungen und Punkte, die in den unterschiedlichsten Farben zu mir aufleuchteten. Ich zückte mein Handy und machte schnell ein paar Fotos. Das Display auf der Kopflehne vor mir leuchtete auf und zeigte in einem einminütigen Video, wie sich eine Frau eine Schwimmweste umlegte und eine Sauerstoffmaske aufsetzte. Digital - wow. Kein Vergleich zu den Sicherheitsanweisungen vorm Abflug nach Hamburg, die zwei Stewardessen mit wilden Handbewegungen im Gang vor allen Fluggästen vorgemacht hatten. Als das Video zu Ende war, gingen mit dem Display auch die Lichter im Flugzeug aus.
„Ready for take off“, hörte ich über die Lautsprecher eine Stimme sagen. Die Triebwerke dröhnten laut auf. Binnen Sekunden beschleunigte Franz das Flugzeug auf mehrere Hundert Stundenkilometer. Die Geschwindigkeit drückte meinen Körper mit voller Wucht in den Sitz, doch anders als an Silvester jagte mir das keinen Schreck ein. Aufgeregt schaute ich aus dem Fenster. Wie ein Gepard eine Gazelle pushte Franz das Flugzeug nach vorne, ehe einige Sekunden später das lang gezogene Gebäude des Düsseldorfer Flughafens immer kleiner wurde, bis es am Boden nicht mehr zu sehen war. Wir flogen eine große Kurve über die Rheinpromenade und den Fernseherturm. Alles kam mir sehr bekannt vor. Vor ein paar Monaten hatte ich dort unten noch neben meinem Fahrrad am Ufer gesessen und Flugzeugen beim Fliegen zugesehen. Jetzt war es umgekehrt und es fühlte sich gut an.
Der Flughafen in Zürich war menschenleer. Gespenstisch leer. Neben meinem Schatten auf dem Gang war nichts los. Es war echt seltsam. Keine Menschenseele war zu dieser Uhrzeit unterwegs. Keine Spur von den Passagieren und Fluggästen, die gerade noch Franz und seinem Co-Piloten nach ihrer sicheren Landung applaudiert hatten. Sie waren wie vom Erdboden verschlungen. Ich hatte das Gefühl, dass ich der Einzige war, der heute noch nach Johannesburg fliegen würde. Ich wunderte mich, dass um neun Uhr bereits alle Geschäfte geschlossen waren. Kein Restaurant, keine Boutique war mehr geöffnet. Kein Vergleich mit dem lebhaften Treiben in der Düsseldorfer Abflughalle, in der man quasi alle zehn Meter einen Bäcker, Restaurant oder Kiosk vorfand. Hätte ich doch besser da noch was zu essen gekauft, dachte ich mir, während ich durchs Schaufenster einer Pizzeria spähte, die längst geschlossen hatte. Mein Magen knurrte und machte sich mehr und mehr bemerkbar. Ich hatte zwar noch eine Banane und zwei Brötchen mit Rührei in meiner Tasche dabei, doch diese waren eigentlich fürs morgige Frühstück vorgesehen. Ich beschloss, erst mal das Gate zu suchen. Bis zum Boarding war noch gut eine Stunde Zeit. Ich schaute auf mein Handy.
„Gate 38. Aha. Gut, dass auf dem Ticket ein anderes Gate steht …“ Ich steckte das Handy zurück in die Hosentasche und schlenderte weiter den Gang entlang. Orientierungslos musste ich auf den Überwachungskameras ausgesehen haben, wie ich immer wieder im Gang stehen blieb und mich um die eigene Achse drehte. Es war das reinste Labyrinth. Die Zeiger wanderten auf der Uhr immer weiter. Langsam wurde ich nervös. Noch immer hatte ich das Gate nicht gefunden. Auch keine Person, die ich hätte um Hilfe bitten können. Mit jeder Minute wurde ich unruhiger, bis mir schließlich ganz schlecht war. Ich brauchte jetzt etwas zu essen. Ich wollte gerade aus der Not heraus meinen Rucksack absetzen und die Banane auspacken, als ich plötzlich einen Lebensmittelladen entdeckte, der zu meiner großen Freude um die Uhrzeit noch geöffnet hatte. Meine Freude wurde leicht getrübt, als ich die Lebensmittelpreise sah. Bei fast jedem Produkt standen zwei Zahlen vor dem Komma. Es war wirklich Wahnsinn, wie viele Schweizer Franken hier für eine Kleinigkeit zu essen verlangt wurden. Ich lief zwischen Obst- und Brotständen her, bis ich schließlich fündig wurde. Zumindest sah es eingeschweißt in Frischhaltefolie so aus.
„Grüß Gott“, sagte ich zu einem älteren Mann hinter der Kasse, der mich freundlich anlächelte. „Ein Truthahn-Tomaten-Rucola-Sandwich für mich, bitte.“ Ich reichte ihm gleichzeitig mit dem Sandwich meine Kreditkarte über den Tresen. Das Brötchen des Sandwiches war recht schmal, dafür aber mit fast zwanzig Zentimetern recht lang. Wie eine Flöte sah es aus. Es fehlten nur die Löcher und das Mundstück zum Reinblasen.
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