Wütend haute ich mit der Faust auf meinen Schreibtisch. Vor lauter Schreck flog das abgebrochene Kugelschreiberteil in hohem Bogen auf den Teppich. Reiß dich diesmal zusammen, Silas, versuchte ich mir einzureden. Es konnte nicht sein, dass ich schon wieder einen Traum aufgab. Du bist 21. Wie lange willst du noch warten? Möchtest du immer davonlaufen, wenn es ernst wird? Come on. Entschlossen schlug ich mir dreimal mit der Faust auf den Brustkorb. Dies tat ich immer dann, wenn ich mich zu irgendwas pushen wollte. Wenn ich positive Energie brauchte. In der Regel klappte das ganz gut. Vor Klausuren im Abitur zum Beispiel. Wütend über meine Unentschlossenheit, fiel mein Blick vom Anmeldeformular im Posteingang auf das Sideboard vor mir. Papa hatte es über meinem Schreibtisch angebracht. Früher hingen dort irgendwelche Vokabeln und Stundenpläne, doch das war lange her. Verdammt lange - zum Glück. Jetzt hing dort neben einem Bild von meiner Familie ein Zettel mit einem Spruch. Diesen hatte ich vor Kurzem in irgendeinem Podcast aufgeschnappt und in krakeliger Schrift aufgeschrieben. Ich hatte schon fast ganz vergessen, dass er da hing. Langsam wanderten meine Augen Wort für Wort am Spruch entlang: „The greatest risk: Dying before you have actually pushed yourself to live. You will either find a way or you will find an excuse. If you can or not, you are right.“
Je öfter ich den Satz durchging, desto entschlossener wurde ich. Dieser Satz war so wahr. Er erinnerte mich wieder, warum ich an dem Projekt teilnehmen wollte. Ich grinste. Ich dachte an meine Unzufriedenheit in den letzten Wochen, Monaten und Jahren. An die Momente, in denen ich mir nichts sehnlicher gewünscht hatte, als aufzubrechen. Als zu starten. Einfach mal raus. Raus aus der Komfortzone, dem Alltag entfliehen und endlich anfangen zu leben. Leben. Lebendig sein. Dinge machen, die sich hinter meiner Angst verstecken. Ich wollte mir wenigstens einmal im Leben beweisen, dass ich es mir selbst wert bin, den letzten Schritt zu gehen. Silas, du bist es wert, Mann. Hörst du? Du bist es wert. Dein Leben ist es wert. Entschlossen ballte ich die Fäuste und klopfte mir auf die Brust. Sie bebte vor Energie und Entschlossenheit. Du wirst es bereuen, wenn du diesen Schritt nicht gehst. Verdammt - Ich wollte nichts mehr bereuen in meinem Leben. Wieder wanderten meine Augen über mein Gekritzel an der Wand:
„Dying before you have actually pushed yourself to live“. Oh Mann. Mir graute es vor dem Gedanken, irgendwann am eigenen Sterbebett zu sitzen, aufs eigene Leben wie auf einen Film zurückzublicken und dann etwas zu bereuen. Keine Bilder in dem Film zu sehen. Vor einer leeren Wand zu stehen und zu denken: Hätte ich doch besser das gemacht … Hätte ich da doch besser nicht gezweifelt, dann hätte ich … Verdammt - ich wollte dieses Szenario nicht erleben. Nicht ich. Nein, nicht ich! Wieder schlug ich mit meinen Fäusten auf die Brust. Diesmal noch entschlossener und kräftiger als davor. Ich merkte, wie ich immer entschlossener in meiner Entscheidung wurde. Wie meine Entscheidung immer verbindlicher wurde. Wie ich immer mehr dahinter stand. Mit meinem Herzen, mit meiner Seele. Ich schloss meine Augen und fing an zu lächeln. Ich nahm ein paar tiefe Atemzüge, spürte, wie das Blut durch meine Brust zirkulierte, und fing an, langsam von fünf rückwärts zu zählen.
„5,4,3,2…“ Bei 1 öffnete ich meine Augen. Meine Mundwinkel, die vorhin noch meine Laune und Stimmung nach unten gezogen hatten, schnellten in Windeseile nach oben. Ich fing an zu strahlen wie ein Stern am Himmel. Ich wurde immer heller und heller. Ich hatte eine Wahl für mein Leben getroffen. Tief atmete ich durch, um sie mir noch einmal bewusst zu machen. Der Gedanke an das bevorstehende Abenteuer packte und euphorisierte mich. Wie ein Flummi sprang ich vor lauter Freude vom Schreibtischstuhl auf, sprang auf mein Bett und ließ einen lauten Schrei los.
„Silas, alles okay?“
„Ja Mama, haha. Alles gut.“ Das Glück überrannte mich und ich wusste gar nicht mehr, wohin mit der ganzen Energie. Ich jubelte wild gestikulierend mit Armen und Beinen, wälzte mich im Bett herum wie ein glückliches Schwein im Matsch und konnte meinen Schritt kaum fassen. Ich streckte mich vom Bett aus zum Schreibtisch und schnappte mir mein Handy. Ich druckte das Anmeldeformular aus und schickte es noch am selben Tag ausgefüllt zurück. Was sich vorhin noch so komisch und falsch angefühlt hatte, fühlte sich jetzt richtig an. Es fühlte sich gut an.
Ab jetzt gab es kein Zurück mehr. Ab jetzt konnte es keine Ausreden mehr geben. Ungläubig schüttelte ich den Kopf.
„Noch fünf Monate“, murmelte ich. Fünf Monate, bis der Flieger geht. Nicht nach Paris. Nicht zur Tour de France. Nach Namibia. Nach Afrika. Verbindlich. Ich hob das abgebrochene Stück vom Kugelschreiber auf. Es landete im hohen Bogen neben meinen Selbstzweifeln im Müll.
NERVÖSE BLASE
(CHAPTER TWO)
Mit angestrengtem Blick saß ich vorne neben meinem Vater im Auto. Er unterhielt sich gerade mit meiner Mutter und meinem Bruder, die beide auf der Rückbank saßen. Ich hörte nur mit halbem Ohr zu, sodass ich gar nicht wusste, worum es gerade ging. Ich wusste nur eines: Noch nie hatte ich eine Entscheidung in meinem Leben mehr bereut … In gut zweieinhalb Stunden sollte mein Flieger gehen. Ich war gut in der Zeit, doch es ging mir dreckig. So richtig dreckig. Ich hatte den Druck meines Lebens auf meiner Blase. Ingwertee - ein Liter. Schlechte Entscheidung. Diesen Liter hatte ich vor gut einer Stunde beim Mittagessen noch in mich reingekippt. Doch anders als ich wollte er nicht auf große Reise gehen. Panisch schaute ich aus dem Fenster und suchte nach diesem blauen P-Schild. Es wollte einfach nicht auftauchen. Tatsächlich passierten wir mehrere blaue Schilder abseits der Autobahn, doch keines deutete auf einen Parkplatz mit Pinkelmöglichkeit hin. Auf einem der Schilder stand bereits Flughafen Düsseldorf.
„Dirk, du musst abfahren“, navigierte meine Mutter von hinten meinen Vater. „Rechts, Dirk, rechts …“
„Jaaa …!“ Papa setzte den Blinker und bog auf die Spur, die am Autobahnkreuz Hahn von der A46 auf die A3 nach Oberhausen führt.
„Ich habe die Ausfahrt doch gesehen …!“
„Papa?“ Ich schaute ihn mit schmerzvollem Gesicht an.
„Alles gut?“, fragte er mich und klatschte mir dabei auf den linken Oberschenkel. „Freust du dich, dass es endlich losgeht?“
„Nein, ich meine ja. Ich meine nein, ich muss dringend pinkeln. Kannst du bei der nächsten Möglichkeit rausfahren? Und mir vielleicht nicht auf den Oberschenkel hauen.“ Ich hatte zwar eine Wechselunterhose im Handgepäck dabei, aber keine Wechseljeans. Er nickte und konzentrierte sich wieder auf die Straße.
„Wie lange fahren wir noch?“ Ich spürte, dass das Zusammenkneifen im Beinbereich nicht mehr lange gut gehen konnte.
„Noch fünfundzwanzig Minuten“, wiederholte ich mit aufgerissenen Augen. Das schaff ich nie. Krampfhaft versuchte ich mich an die Fahrt vor gut vier Wochen zu erinnern. Auch damals ging es zum Düsseldorfer Flughafen. Ich überlegte, ob es davor noch eine Ausfahrt oder einen Rastplatz gegeben hatte. Mit damals meinte ich Silvester. Damals war ich zum ersten Mal in meinem Leben geflogen. Nach Hamburg. Meine Familie und ich wollten dort Silvester feiern und das Musical König der Löwen besuchen. Wir hatten auf den letzten Drücker Tickets bekommen und da kam mir die Idee, dass ich doch einen Testflug machen könnte. Ein Testflug für meine Reise nach Afrika einen Monat später, um wenigstens einmal im Leben davor geflogen zu sein. Um ein Gefühl fürs Fliegen zu bekommen. So kam es dann, dass an jenem Dienstag meine Eltern mit dem Auto nach Hamburg fuhren, während ich um halb fünf morgens aus dem Bett kroch, um mit ordentlich Muffensausen den Testflug über ihren Köpfen in Angriff zu nehmen. Zu meiner Erleichterung klappte damals alles super, sodass ich mich nach der Landung in Hamburg fragte, warum ich mit meinem ersten Flug bis Anfang 20 gewartet hatte. Es war gar nicht so schlimm gewesen, wie ich es mir in Gedanken immer eingeredet hatte.
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