„Go, go. Come on. Go away.“ Erneut hörte ich den Farmarbeiter rufen. Ich schaute zu ihm, um zu sehen, wenn er meinte. Er meinte nicht die drei Männer. Diese waren über alle Berge verschwunden. Ich entdeckte einen kleinen Jungen, der sich uns vorsichtig von der Seite näherte. Schüchtern zeigte er auf unsere Taschen. Seine Hose war an einem Bein komplett zerrissen, sein T-Shirt mindestens zwei Größen zu groß. Seine Füße waren vom hellen Staub ganz weiß gefärbt. Verzweifelt schaute er jeden von uns in die Augen und formte seine Lippen zu Wörtern.
„Go, go“, schrie der Farmarbeiter und warf einen kleinen Stein in seine Richtung. Der Junge wich reaktionsschnell aus. Ich merkte, wie er auf meine Cola-Dose schaute. Diese hatte ich in meiner Hand fast ganz vergessen. Sie war noch halb voll.
„Leute, ich glaube, der Junge hat Durst und möchte was trinken. Was soll ich machen?“ Hin und hergerissen schaute ich die Gesichter der anderen. Das Betteln des Jungen konnte ich nicht einfach ignorieren. Er musste ungefähr so alt sein wie mein Bruder.
„Musst du wissen“, sagte Jessica. „Wenn du möchtest, dann gib ihm was. Pass aber auf, dass das kein anderer mitbekommt. Dann wollen alle was haben.“ Ich schaute zum Jungen. Er machte eine trinkende Geste und zeigte dabei auf meine Flasche. Ich überlegte. Jessi hatte recht. Wenn die anderen Menschen mitbekommen würden, wie ich dem Jungen etwas abgab, dann sollte uns der Bus besser jetzt als gleich einsammeln. Mein Blick fiel auf einen Busch, der links von mir gute drei Meter entfernt war und mit ein paar Ästen zusammen wahrscheinlich so etwas wie ein Beet darstellen sollte. Ohne weiter unnötig nachzudenken, ging ich langsam Richtung Beet und machte beim Gehen mit der Cola ein paar Trinkbewegungen. Jeder, der mich jetzt beobachtete, sollte denken, dass ich gerade meine Flasche leer trank und wegschmeißen wollte. Langsam und vorsichtig, um nichts umzustoßen, stellte ich die halb volle Cola auf den Boden ab und ging wieder zurück zu den anderen. Sie hatten mir die ganze Zeit nachgeschaut. Ich setzte mich zu ihnen auf den Boden und machte eine leichte Kopfbewegung nach links zum Jungen. Er schaute mich abwartend an. Ich deutete auf die Dose und nickte. Er verstand und lächelte. Mit schnellen Schritten lief er zum Beet und hob die Cola vom Boden auf. Gierig trank er ein paar Schlucke und schaute sich dabei um. Keiner hatte ihn beim Trinken bemerkt. Er nickte mir zu und lief eilig davon. So schnell, wie er gekommen war, so schnell war er auch wieder verschwunden. Ich schaute ihm noch eine Weile nachdenklich nach.
„Hast du gut gemacht, Zilas.“ Jessi klopfte mir auf die Schulter. „Hast dem Kleinen eine Freude gemacht. Sehr gut.“
„Ich hoffe.“ Ich lächelte ihr zu. „Ich hoffe …“
„1080 Eier. 1080. Ernsthaft?“ Kopfschüttelnd zählte Jessi die Pakete noch mal nach, die im Bus zwischen den Sitzreihen auf dem Boden standen und den Durchgang versperrten. „Rechnet mal bitte mit, Freunde. Ich glaub das einfach nicht.“ Ich lehnte mich in den Gang, um besser zählen zu können.
„Wir haben sechs Pakete. Jedes Paket hat sechs Paletten. Jede Platte hat eins, zwei, drei … jede Platte hat fünfundzwanzig, ne, Quatsch, sind sechs Reihen, dreißig Eier. 30 Eier mal 6 Paletten mal 6 Pakete sind?“
„1080“, sagte ich. „180 mal 6. 100 mal sechs ist 600. 80 mal 6 sind 480. 600 plus 480 macht 1080.“ Ich lachte.
„Ja, 1080 ist richtig.“ Marlene kam mit anderer Formel und Rechnung auf das gleiche Ergebnis. Jessi schlug die Hände über dem Kopf zusammen.
„Sagt mir bitte nicht, dass ich mir wegen 1080 Eiern zwei Stunden lang in der Hitze einen weggeschwitzt habe in der Hose? Bitte nicht.“ Ich hätte ihr gerne etwas anderes gesagt. Doch es war wahr. Wir hatten zwei Stunden auf dem Parkplatz gewartet. Wegen 1080 Eiern. Es macht einfach keinen Sinn. Als ich die ersten Eier-Kartons zum ersten Mal im Gang sah, schossen mir gleich mehrere Fragen durch den Kopf:
Warum 1080 Eier? Warum? Verstehen sie Spaß? Hier in Namibia? Quatsch. Wo soll denn bitte die versteckte Kamera sein? Könnte das da eine sein? Expect the unexpected. Als ob 1080 Eier wirklich für unexpected stehen? Niemals. Und wieso lacht McHänsi gerade so dreckig hinter mir? Hat er was damit zu tun? Wusste er davon? Heißt er jetzt eigentlich McHänsi oder McKäääänzie? Und warum kauft er bitte zwei große Gläser Erdnussbutter und kein Brot dazu? Silas, du schweifst ab ...
Ich schüttelte den Kopf. Auf all die vielen Fragen fand ich spontan keine Antworten, sodass mir nichts anderes übrig blieb, als mit großen Schritten vorsichtig über die Pakete zu steigen und mich auf meinen Platz zu schwingen. Die anderen taten es mir gleich und stolperten ebenfalls über die Pakete zu ihren Plätzen. So verrückt diese ganze Geschichte mit den Eiern auch war, irgendwie war es auch witzig. Ich schaute von meinem Platz zurück zu Jessi. Seufzend ließ sie sich in ihren Sitz fallen und blickte erschöpft aus dem Fenster. Mit ein bisschen Abstand und einer kurzen Hose würde hoffentlich auch sie bald über die Zahl 1080 lachen können …
BRUTUS, JACOBI UND GUMBI
(CHAPTER SIX)
Der Staub rieselte von der Decke und wirbelte durch den ganzen Bus. Steine schlugen mit lautem Knall von draußen gegen die Fenster und hinterließen große Macken in der Scheibe. Der Sitz vor mir bebte und zitterte. Nur die Bodenhalterung mit den drei Schrauben verhinderte, dass er mit uns durch die Luft flog. Vor gut zehn Minuten hatten wir die ruhige asphaltierte Straße verlassen und waren auf einen Schotterweg eingebogen. Über Schlaglöcher und faustgroße Steine bretterten wir jetzt mit guten siebzig Sachen hinweg. Immer wieder wechselte unser Fahrer die Spur und fuhr zeitweise nach europäischer Straßenverkehrsordnung auf der rechten Fahrbahn. Gegenverkehr gab es nicht und wenn doch, dann konnte man ihn in der Ferne schon Minuten vorher erkennen. Beziehungsweise eine näherkommende graue Staubwolke, der man dann rechtzeitig ausweichen konnte. Ich drehte mich um in die letzte Reihe. Unser Anhänger war noch da. Ich hatte schon das Schlimmste befürchtet. Mit seiner nicht vorhandenen Federung hüpfte er die ganze Zeit auf der steinigen Offroad-Straße hinter dem Bus her. Sonderlich glücklich hörte sich seine Radachse dabei nicht an.
Rums. Ein Eierkarton war vorne gegen die Fahrerkabine gerauscht. Ein weiterer machte sich gerade von Jessis Sitzreihe auf dem Weg, es ihm gleichzutun. Ich klammerte mich an den Haltegriff vor mir und hielt mit den Beinen meine Tasche fest. Wo war eigentlich meine Jacke? Ich suchte den ganzen Boden ab, bis ich sie schließlich fand. Sie war auf dem Weg nach vorne einem Eierkarton in die Quere gekommen und bildete dort so etwas wie einen Staudamm. Ganz verstaubt und verdreckt sah sie aus. Es graute mir schon vorm Saubermachen.
Ein lauter Knall, gefolgt von McKenzies Lachen, ertönte und schreckte uns alle auf.
„Oh fuck“, sagte er lachend. „I think we gonna die, haha.“
„Ob wir die Fahrt überleben, weiß ich nicht, aber die Eier werden es auf jeden Fall nicht schaffen, wenn das hier so lange noch so weitergeht.“ Die 1080 Eier hatten sich gerade von meiner Jacke verabschiedet und rauschten gegen einen weiteren Karton.
„Jetzt weiß ich auch, warum er so viele Eier gekauft hat.“ Jessi schaute mich fragend an. Die Sache mit den Eiern hatte ihr echt den Stecker gezogen.
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