Auf den South-West India Docks herrschte im Frühjahr 1910 reges Treiben, denn an die Terra Nova wurde letzte Hand angelegt. Gran, der Norweger, traf Mitte Mai ein und staunte über Menschen, die »wie Ameisen herumliefen«. Unmengen an Kisten mit Ausrüstung und Vorräten für die kommenden zwei Jahre mussten so an und unter Deck verstaut werden, dass noch genügend Platz für die fünfundsechzigköpfige Besatzung, dreißig Hunde und neunzehn Ponys blieb.
Schließlich und endlich waren die Vorbereitungen abgeschlossen, und am 1. Juni 1910 konnte die Terra Nova um 17 Uhr die Leinen losmachen und auf die Themse hinausfahren. Während sie flussabwärts fuhr, wird einige an Bord ein mulmiges Gefühl beschlichen haben, ausgelöst durch zwei bemerkenswerte Fügungen. Zum einen musste das Land erneut den Tod eines Königs beklagen. Edward VII. war drei Wochen zuvor nach nur neun Jahren auf dem Thron gestorben. 1901, als die Discovery vom selben Hafen aus in See gestochen war, hatte das Land noch unter dem Verlust von Königin Viktoria gelitten, die nach dreiundsechzig Jahren an der Macht das Zeitliche gesegnet hatte und von Edward abgelöst worden war, dessen Krönung seinerzeit unmittelbar bevorstand. Zum Zweiten musste die Terra Nova die Discovery passieren, die nun für die Hudson’s Bay Company fuhr und zufälligerweise im selben Hafenbecken festgemacht hatte.
Die Terra Nova verließ nach einem Zwischenstopp in Greenhithe die Themse und fuhr über Spithead nach Cardiff, wo hundert Tonnen Kohle gebunkert und eine großzügige Spende für die Bordkasse entgegengenommen wurde, die aus einer Sammlung in Südwales stammte. Die Fahrt der Terra Nova hatte die Fantasie der Menschen angeregt, und allein in Cardiff waren 2500 Pfund gespendet worden – die größte Einzelspende der insgesamt 14 000 Pfund (heute etwa 675 000 Pfund), die Privatleute zum Etat der Expedition beitrugen.
Doch noch eine weitere Angelegenheit musste erledigt werden, bevor das Schiff Großbritannien verlassen konnte. Auf der Fahrt nach Cardiff hatte Scott alle Besatzungsmitglieder auf dem Achterdeck antreten lassen und jedem Einzelnen nahegelegt, vor der Fahrt gen Süden den letzten Willen zu Papier zu bringen.
Im Royal Hotel von Cardiff wurde für die Offiziere ein Empfang gegeben, derweil die Besatzung im Barry’s Hotel, ganz in der Nähe, feierte. Als alle gegessen hatten, ließ Scott die niederen Dienstgrade herüberkommen. Taff Evans, der aus Südwales stammte, wurde die Ehre zuteil, zwischen Scott und dem Bürgermeister von Cardiff zu sitzen. Dort betrank er sich dermaßen sinnlos, dass sechs Kameraden nötig waren, um den korpulenten Evans zurück aufs Schiff zu bringen.
Am 15. Juni 1910 war die Terra Nova endlich bereit, der Heimat Lebewohl zu sagen und Kurs auf die Antarktis zu nehmen. Zahllose gut gelaunte Menschen hatten sich eingefunden, um die Expedition für die kommenden zwei Jahre zu verabschieden – mindestens. Die Erwartungen der Öffentlichkeit waren hoch, und viele waren davon überzeugt, dass die Eroberung des Südpols dem Land neues Selbstbewusstsein einhauchen würde. Nach dem Ende des Viktorianischen Zeitalters und der kurzen Regentschaft Edwards stand Großbritannien vor tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen, die von der liberalen Regierung unter Premierminister Asquith betrieben wurden und allenthalben für große Unsicherheit sorgten. Ein Erfolg am Südpol galt daher vielen als Symbol für die Stärke des Landes, ein Symbol, das in einer Zeit, in der ein Krieg mit Deutschland immer wahrscheinlicher wurde, von großer Bedeutung war.
Die Verabschiedung glich frappierend jener der Discovery fast ein Jahrzehnt zuvor. Der Start missglückte auch dieses Mal. Als die Terra Nova das Schleusentor passierte, fiel ein Crewmitglied in der Aufregung über Bord. Anders als der unglückselige Bonner neun Jahre zuvor kam der Mann jedoch mit dem Schrecken davon und konnte zurück an Bord klettern. Begleitet von einer Armada kleinerer Schiffe, fuhr die Terra Nova in den Bristolkanal hinaus. Auf einem der Begleitschiffe nahm die Kapelle des in Cardiff stationierten Artillerieregiments Aufstellung und spielte Auld Lang Syne – Nehmt Abschied, Brüder . Leutnant Evans griff zum Megafon und brüllte den Menschen seinen Dank entgegen. Kurz darauf geriet die Terra Nova außer Sicht.
Die Fahrt nach Süden sollte über Madeira, Simonstown an der Südspitze Afrikas und Melbourne nach Lyttelton auf Neuseeland führen. Es war die gleiche Route, die die Discovery neun Jahre zuvor genommen hatte.
Als das Schiff am 15. Juli den Äquator erreichte, beteiligte sich Crean an vorderster Front an einer Prozedur, der traditionell jeder unterzogen wurde, der zum ersten Mal den nullten Breitengrad überquerte, was in diesem Falle vor allem für die jungen Wissenschaftler galt. Taff Evans verkleidete sich als Neptun, der kräftige Bootsmann Frank Browning trat als Meeresnymphe Amphitrite auf, Williamson und Crean gaben zwei Polizisten, die die Opfer der rituellen Taufe unterzogen. Davon blieb auch Gran nicht verschont, wenn auch mit der fadenscheinigen Begründung, dass er den Äquator zwar schon überschritten hatte, aber noch nie auf einem britischen Schiff.
Scott hielt sich derweil immer noch in England auf, wo er unermüdlich Geld für die Expedition sammelte. Schließlich reiste er der Terra Nova nach Südafrika nach. In Simonstown ging er an Bord und trat die weite Fahrt über den Indischen Ozean nach Melbourne an.
Keiner an Bord war auf den Schock vorbereitet, der sie dort erwartete.
Als die Terra Nova am 12. Oktober 1910 in Melbourne eintraf, wurde Scott ein Telegramm zugestellt, das am 3. Oktober auf Madeira aufgegeben worden war, zu einem Zeitpunkt also, zu dem sich die Terra Nova irgendwo auf dem Indischen Ozean befand. Der Text lautete: »Erlaube mir mitzuteilen, dass die Fram Kurs auf Antarktis genommen hat. Amundsen.«
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.