Abb. 2: Die französische Schauspielerin Sarah Bernhardt (1844–1923) in der Rolle des Hamlet (1899)
Die Zeit, in der Hamlet ein angesehener Prinz war, ist zu Beginn der Handlung nur einige Wochen her, aber trotzdem unwiderruflich verloren. Der Tod des geliebten Vaters und die vorschnelle Hochzeit seiner Mutter stürzen Hamlet ins Unglück und lassen ihn in der Welt jeglichen Sinn vermissen (I,2, V. 133–134), so dass er sogar Selbstmordgedanken hegt. Es scheint unvorstellbar, dass der tintenschwarz gekleidete Hamlet, der sich als Einziger mit den neuen machtpolitischen und familiären Verhältnissen nicht abfinden will, je wieder dem Ideal eines jungen Erbprinzen entspricht. Für seine grundsätzliche Unsicherheit sprechen die drei Stellen, an denen sich Hamlet mit anderen vergleicht: mit einem Schauspieler (II,2, V. 545–566), mit dem jungen Prinzen Fortinbras (IV,4, V. 47–65) und – wenn auch nur kurz – mit Laertes (V,2, V. 77 f.). Seiner Handlungsziele und seines Charakters ist sich Hamlet also nicht sicher.
Abb. 3: Szene aus Hamlet in einer Theaterinszenierung von 1935 am Londoner New Theatre (heute: Noël Coward Theatre ) mit John Gielgud als Hamlet und Jessica Tandy als Ophelia – © Lebrecht Music & Arts / Alamy Stock Foto
Es ist in besonderer Weise schwierig, Hamlets Charakter zu beschreiben, weil die Vielseitigkeit seines Wesens ein Hauptmerkmal des Dramas ist – dieses ist jedoch auch ein Grund für dessen jahrhundertelange Beliebtheit. Sich mit Hamlets Charakter auseinanderzusetzten, bedeutet immer zugleich, sich mit der Komplexität des ganzen Dramas auseinanderzusetzen. Welcher Hamlet ist der echte Hamlet? Der Hamlet, der, sobald er hinter dem Wandvorhang Polonius’ Stimme hört, zusticht, und zwar mit solcher Wucht, dass er ihn tötet? Der Hamlet, der Ophelia, die Frau, die er liebt, quält und beleidigt? Der Hamlet, der philosophiert und dichtet? Der Hamlet, der ein Piratenschiff entert und so dem sicheren Tod entkommt? Der Hamlet, der seine angeblichen Freunde in den sicheren Tod schickt? Oder doch der Hamlet, der vor lauter Grübelei zu gar nichts fähig ist? Hamlet ist eine Figur von solcher Komplexität, dass zur Beschreibung seines Charakters eine Annäherung aus verschiedenen Perspektiven am sinnvollsten erscheint.
Hamlets Verstörtheit ist auf den Verlust des Vaters und auf die neue Verbindung der Mutter zurückzuführen. Schon vor der Begegnung mit dem Geist des Vaters ist Hamlets Geisteszustand also höchst bedenklich. Nach den brisanten Enthüllungen des Geistes und vor allem nach seiner Aufforderung zur Rache tritt die Veränderung ein, die besonders für Ophelia so schockierend ist: Hamlet Psychische Erkrankung …erkrankt offenbar psychisch. Er redet zum Teil wirr; treibt Wortspiele, die auf den ersten Blick unverständlich wirken; seine Gedankengänge sind – wenn überhaupt – nur schwer nachvollziehbar.
Die … oder raffinierte Täuschung?Frage, ob Hamlet psychisch erkrankt ist oder nicht, ist berechtigt. Hamlet selbst äußert sich dazu eindeutig: Er spiele den ›Wahnsinnigen‹. Diese Taktik ist das Erste, was ihm nach den Enthüllungen des Geistes einfällt. Er hat vor, sich eine »antic disposition« (I,5, V. 172) anzulegen, also die Menschen durch sein Verhalten in die Irre zu führen. Polonius verfällt der Illusion (II,2, V. 92–94) und hält Hamlet für wahnsinnig, obwohl vieles, was Hamlet ihm gegenüber von sich gibt, nicht von einer psychischen Krankheit, sondern vielmehr von seiner Verachtung für Polonius zeugt. In ähnlicher Weise müssen Rosencrantz und Guildenstern einsehen, dass Hamlet sie durch seine »crafty madness« (III,1, V. 8) manipuliert. Wenn Hamlet nach der Racheaufforderung nicht zum Schwert, sondern zum Stift greift, will er einen Gedanken notieren: dass man lächeln und gleichzeitig ein Schurke sein kann. Diese Idee des trügerischen Scheins liegt auch seinem Racheplan zugrunde. Der Schein und das Spiel mit dem Schein sind gewissermaßen das Schwert, mit dem er den verbrecherischen Onkel zu Fall bringen will. Hamlets vorgetäuschter ›Wahnsinn‹ lässt sich als eine Maske auffassen. Hamlet verstellt sich, um für seinen Gegner unberechenbar zu bleiben.
Allerdings entstehen beim Publikum berechtigte Zweifel, ob Hamlets Verhalten ausschließlich auf seine Berechnung, auf sein Kalkül zurückzuführen ist. Seine Handlungen und Äußerungen zeugen sowohl davon, dass er nicht immer bestimmten Verhaltensgrundsätzen folgt (etwa wenn er den unschuldigen Polonius tötet), als auch von einer unmenschlichen Gefühlskälte und Empathielosigkeit (etwa wenn er Ophelia und seine eigene Mutter beleidigt). Gelegentlich hat es den Anschein, als sei sein vorgeblich gespielter ›Wahnsinn‹ eher ein ungeschöntes Bild seines Innenlebens als der aus Kalkül vorgetäuschte Zustand, von dem er spricht. Während es in den früheren Texten, die sich des Amlethus-Stoffes annehmen, eindeutig ist, dass Hamlet nur den ›Wahnsinnigen‹ spielt und hinter dieser Fassade vernünftig bleibt, ist dies bei Shakespeare unklar. Es ist, als würde seine psychische Erkrankung außer Kontrolle geraten.
Hamlet, der Melancholiker?
Das Wort Melancholie kommt aus dem Griechischen und bedeutet Schwarzgalligkeit. Im Elisabethanischen Zeitalter glaubte man an die Lehre der Temperamente, der zufolge sich der menschliche Körper aus vier Elementen zusammensetzt: aus Blut, gelber Galle, Schleim und schwarzer Galle. Charakterliche Eigenschaften wie zum Beispiel Mut, Fröhlichkeit und Tapferkeit wurden auf jeweils unterschiedliche Zusammensetzungen dieser vier Körpersäfte zurückgeführt. Die Gesundheit hing vom Gleichgewicht der Säfte ab. Hamlet ist, nach der Lehre der Temperamente, ein Melancholiker.
Wenn wir heute von Die elisabethanische Melancholie Melancholie sprechen, so meinen wir damit Niedergeschlagenheit, Traurigkeit oder Neigung zur Depressivität; wir sprechen von Kunstwerken, die eine melancholische Stimmung hervorrufen. Die Vorstellung von Melancholie im Elisabethanischen Zeitalter ist etwas anders. Ein Melancholiker hat demnach ein bestimmtes Aussehen: Er ist schlank und dunkel. Er hat eine verschlossene, düstere Gemütsart. Durch diese Melancholie wird der Verstand einerseits in die größte Verwirrung gebracht, die sich zum ›Wahnsinn‹ steigern kann; andererseits kann die Melancholie die Vernunft in einzigartiger Weise unterstützen und einen besonderen Scharfsinn bewirken. Genialität sowie die Fähigkeit, Dämonen und Geister wahrzunehmen und mit ihnen zu verkehren, wurden zu jener Zeit auf die Melancholie zurückgeführt.
Die elisabethanischen Zuschauerinnen und Zuschauer erkannten in Hamlet sofort einen Melancholiker – schon Hamlets Trauerkleidung ist ein Zeichen für seinen krankhaften Gemütszustand – und sie wussten genau, was von einem solchen Typus zu erwarten war: plötzliche Stimmungswechsel, Obsessionen mit einem zentralen Gedanken, Zynismus, abwechselnde Untätigkeit und fieberhafte Aktivität.
Hamlet steckt einerseits voller Energie und Ideen, ist andererseits vom Racheauftrag wie lahmgelegt. Er ekelt sich vor der Sexualität, ja sein Ekel gilt der ganzen Welt, die er mit einem ungejäteten Garten vergleicht, und der ganzen Menschheit, die sich der Fleischeslust hingibt und sich immer weiter fortpflanzt. Hamlet ist somit in gewissem Sinne unmenschlich.
Hamlet, der Philosoph und Poet?
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