Seinen letzten Brief an Rilke schreibt Franz Xaver Kappus am 5. Januar 1909 in Süddalmatien. Seit dem ersten Austausch 1903 ist Kappus’ Lage nicht viel besser geworden: »Eins quält mich vor allem: Ich schrieb und schreibe viel, das ich nicht schreiben muss. Das nicht in meinem Herzen geboren wird und überhaupt nicht hinabsteigt in die Region, aus der alles geboren werden soll. Es sind kleine, dumme Geschichten, humoristische oder satirische zumeist, an denen nur mein Verstand beteiligt ist.« 41Beigefügt sind einige Gedichte, die ähnlich wie der Brief selbst an vielen Stellen Rilkes Stil imitieren: … Kappus schreibt in beiden Genres darüber, wie einsam er ist, aber diese Einsamkeit scheint nicht der Lyrikkatalysator zu sein, auf den er hofft und den Rilke ihm empfohlen hat. Vielmehr wird er dadurch nur weiter an die von ihm begehrte Sängerin erinnert, die er nicht haben kann. Er bittet Rilke zum Schluss um weitere Literaturempfehlungen, er möchte einen französischen Dichter lesen (dieser Bitte wurde nicht stattgegeben). Der Brief schließt mit einem Dank und einer Entschuldigung für »das oder jenes, was in diesem Briefe zu viel gesagt war«, schuld sei auch hier wiederum die Einsamkeit.
Die Frage: »Muss ich schreiben?«, die Rilke Kappus ins Heft diktiert hatte, beantwortet Kappus mit einem Ja, das für ihn selbst noch nicht erkennbar scheint, weil er seine Briefe angeblich nicht als Schreiben von Literatur betrachtete, allein wichtig seien die Briefe Rilkes, schreibt er in seinem Vorwort zur ersten Edition im Jahr 1929. Erich Unglaub, der als Herausgeber Kappus’ Briefe überhaupt zum ersten Mal in einer Edition mit den Briefen Rilkes in einem Buch gemeinsam publizierte, vermutet, dass Kappus seine Briefe nicht dem Vergleich mit denen Rilkes aussetzen wollte. Das ist sehr schade. Kappus’ Kommunikation ist sehr bedürftig, sie ist vor allem aber nicht unbedingt ausschließlich an Rilke gerichtet. Kappus kannte zwar Rilke, aber wäre ihm ein anderer Autor, den er bewunderte, zur gleichen Zeit in die Hände gefallen, hätte er vielleicht diesem geschrieben. Dieser double bind in der Adressierung macht diese Briefe sehr haltbar und begünstigt diverse Anwendungsfelder. »Lady Gaga ließ sich 2009 eine Passage aus dem ersten Brief [Rilkes, H. E.] auf den linken Oberarm tätowieren mit der Begründung, sie sei eine Anhängerin seiner ›philosophy of solitude‹, nicht aber seiner Lyrik. Für bedeutsam hält sie den letzten Satz des tätowierten Zitats: ›Muss ich schreiben?‹ […] ›Schreiben müssen‹ ist darin zu einer Metapher für kreatives Kunstschaffen in allen Genres und über sie hinaus bis zum Überschreiten von traditionellen Grenzen und Normen geworden.« 42
Unter der Überschrift »The Future Has an Ancient Heart« findet sich der Brief einer Collegedozentin, die mit ihren Studierenden ein paar Dear Sugar- Kolumnen gelesen hat, um sie zu ermutigen, nicht zu viel auf all diejenigen zu geben, die ihnen raten, mit einem Bachelor-Abschluss in Englisch nun noch sehr gut ein Jurastudium absolvieren zu können. Sie bittet »Sugar« um eine commencement address , also eine Rede, wie sie bei den Abschlussfeiern an amerikanischen Universitäten üblich ist. Strayed zitiert an deren Anfang die titelgebende Zeile, die einem Gedicht von Carlo Levi entstammt. Daraus entwickelt sie eine dem Anlass entsprechende Perspektive auf die zukünftige Verwirklichung eines grundsätzlich angelegten Potenzials; sie schreibt über die Jugend, die man selbst nicht wertschätzen könne, und über das Alter, von dem man nicht wisse, ob man es erreichen werde. Immerhin ist ihre eigene Mutter gestorben, noch bevor sie ein erst im Alter von vierzig Jahren begonnenes Studium beenden konnte. Die Dozentin, die ihr geschrieben hatte, bot ihr als Honorar für die commencement address unter anderem einen Kuchen an, Strayed wünscht sich zum Ende ihrer Antwort eine Bananencremetorte. Zuvor hatte sie einen sehr hohen Ton angeschlagen: »Let whatever mysterious starlight that guided you this far guide you into whatever crazy beauty awaits.« Das Genre commencement address scheint die Vortragenden häufiger in kosmische Dimensionen zu tragen.
Strayed kündigte in ihrem Newsletter vom 27. Oktober 2020 an, dass sie eine Neuauflage von Dear Sugar plane. 43In der folgenden Ausgabe vom 11. November 2020 thematisiert sie, dass die Kolumne vermutlich die bedeutungsvollste Arbeit gewesen sei, die sie als Autorin jemals geleistet habe. 44Es ist davon auszugehen, dass die Tatsache, dass sie sich nun nicht mehr hinter einer anonymen E-Mail-Adresse eines Online-Literaturmagazins verbirgt, die Art und Weise ändern wird, wie ihr Leute schreiben, die nicht nur ihre vorangegangenen Kolumnen, sondern auch ihre Romane, ihr Instagram-Profil, ihren Twitter-Account, ihr Substack, die Verfilmung von Wild und diverse Interviews mit ihr kennen. Die Projektionen und Hoffnungen, die nun diejenigen in ihre Briefe legen werden, die sich an Strayed wenden, gleichen nun vermutlich stärker denjenigen, die Kappus auf Rilke richtete. Um die eigentlich kosmische Dimension dieser Operationen zu ermessen, muss man keine Sternbilder bemühen. Sie besteht eigentlich allein in dem Gedanken, dass Trost in den Texten von Fremden liegt, und zwar in den Texten, die sie einem geben, aber mehr noch in denen, die man für sie schreibt.
a Das schien nicht nur für Kriegszeiten angemessen. Das große Buch™ hatte auch danach immer wieder einmal einen schweren Stand: »Das aber dürfte man heute wissen, dass so viele dickleibige Romane unserer Zeit den Leser, voran den vom Tagwerk ermüdeten, zur Oberflächlichkeit verleiten, während bei Anhören dieser knappen, echten Dichtung auch für den Angestrengtesten noch Zeit zur Sammlung bleibt. (Vielleicht also haben wir hier die eigentliche ›zeitgemässe‹ Dichtung.)« Felix Wittmer, »Rilkes Cornet«, in PMLA 3 (1929), S. 911–924, hier: S. 924.
b Geschrieben hatten Kappus/Schima das Lied schon 1936, s. Matthias Bardong u. a., Das Lexikon des deutschen Schlagers: Geschichte, Titel, Interpreten, Komponisten, Texter . 2., erw. überarb. Aufl. Mainz 1993. Christian Meurer hat in einem Beitrag für Titanic die Karriere von »Mamatschi« nachverfolgt. Sie findet in seinem Text ihren Höhepunkt in der Verwendung in Steven Spielbergs Film Schindlers Liste (der allerdings die Ersteinspielung des Songs durch die Sängerin Mimi Thoma verwendete): »Im Film wird die Platte von einem SS-Mann aufgelegt, um sie über sämtliche Lautsprecher durchs Krakauer KZ schallen zu lassen. Mütter und Kinder des Lagers werden auf einem Platz zusammengetrieben, um mit Lastwagen angeblich ›verlegt‹ zu werden. Zunächst marschieren die Kinder heran, die fröhlich ›Mamatschi‹ mitsingen und auf die Ladeflächen klettern. Die Mütter hält man im letzten Moment zurück. Als die Lastwagen anfahren, scheppert zur einsetzenden Massenpanik weiterhin ›Mamatschi‹ aus den Lautsprechern, auch als die Kamera eines der Kinder verfolgt, das verzweifelt ein Versteck sucht: Unter Krematoriumsöfen, Dachsparren und Barackendielen ist schon besetzt, so daß der Junge endlich in eine randvoll mit Fäkalien gefüllte Latrine springt. Wie hatte Kappus doch am 4. Februar 1910 seinem Regimentskameraden, dem Buchgraphiker Rudolf Heßhaimer, ins Stammbuch geschrieben: Dem Leben nachspüren, seine tiefen Zusammenhänge nicht deuten wollen, sondern sie gestalten, so gut er’s vermag: das ist Ziel und Schicksal des Künstlers .« Christian Meurer, »Gesetz der Tiefe, Sauerkohl. Aus dem Leben von Rilkes ›jungem Dichter‹«, in: Titanic , März 2005, S. 58–62, hier: S. 62.
c In Auszügen. Immer nur in einzelnen, heftig unterstrichenen Passagen. »Nehmen wir allein Sätze wie diese«, schreibt Helmut Lethen im Kapitel »Vom Finden und dem Verlust des Handorakels«, das seine erste längere Auseinandersetzung mit Baltasar Graciáns Handorakel und Kunst der Weltklugheit beschreibt, »Nr. 129 ›Nie sich beklagen. Das Klagen schadet stets unserem Ansehn. Es dient leichter, der Leidenschaftlichkeit anderer ein Beispiel der Verwegenheit an die Hand zu geben, als uns den Trost des Mitleids zu verschaffen …‹« (Helmut Lethen, Auf der Suche nach dem Handorakel , Göttingen 2012, S. 114 f.). Im Folgenden geht es darum, wie Graciáns Verhaltenslehre aus dem Jahr 1647 durch die Schriften Carl Schmitts wanderte und so schon Widerhall in Lethens Nachdenken über eine Kultur des kalten Denkens in den 1920er-Jahren fand, bevor er überhaupt auf die Idee kam, sich mit Gracián auseinanderzusetzen. Trostbedürftigkeit soll kein Handlungsmotiv sein, und zwar offenbar schon seit über 370 Jahren nicht.
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