An Strayed alias »Sugar« haben sich keine Leserinnen und Leser gewandt, die weinend eine ästhetische Erfahrung bei der Entgegennahme eines Taschentuches machen wollten. Bei Lektüren wie der von Tiny Beautiful Things geht es nicht um den Neuheitswert dessen, was man nachliest, sondern um den Rückgewinn einer Sicherheit, die durch Angst und Kummer und Trauer prekär geworden ist. »Während literarisches Lesen überrascht und erschüttert, bestätigt und verfestigt erbauliche Lektüre, wobei sich im Freiraum zwischen den Polen der unendlichen Konkretisierungsmöglichkeiten und dem unbestrittenen Glaubensfundament die Individualität der Lektüre und die Subjektivität der Erbauung ergibt. Das bedeutet auch, daß ein und derselbe Text immer wieder neu erbaulich gelesen werden kann, weil ihn das Individuum neu mit subjektivem Sinn füllt, ohne dadurch, wie bei der ästhetischen Lektüre, seinen Wahrnehmungshorizont zu verschieben. Erbauliches Lesen verstört nicht, es versöhnt.« 34
Geschrieben haben an Strayed solche, die auf der Suche nach Sätzen waren, die ihnen dabei helfen sollten, sich mit ihrem jeweiligen clusterfuck l zu versöhnen und aus dieser Versöhnung Schritte in eine ihnen noch unbekannte Richtung abzuleiten. Es gehört einiges dazu, in der Öffentlichkeit des Kummerkastens einer Literaturwebseite bei einer einem völlig unbekannten Person genau danach zu suchen. Ihr zu glauben fällt vielleicht nur deshalb leichter, weil ihr anders als Freundinnen und Freunden, die vielleicht als wohlmeinend, keinesfalls aber als neutral gelten können, keine Befangenheit unterstellt werden kann. Die Subjektivität der Erzählungen, die »Sugar« anbietet, richtet sich nicht nach Neutralitätsgeboten.
Strayed hat als Beraterin für Teenager aus schwierigen Verhältnissen gearbeitet, als Kellnerin und als Autorin. Sie spricht oft davon, wie sehr sie nach dem Tod ihrer Mutter getrauert hat. Manchmal schreibt sie über ihren eigenen Mann und die gemeinsamen Kinder. Reicht das als Qualifikation für ihre Ratschläge aus? Immerhin ist ein Leben als Mensch kein Ausbildungsberuf. Strayeds Kolumne wirft Fragen auf. »Are you a therapist or have you gone through extensive psychotherapy? – I’m not a therapist, and I’ve only seen a therapist a handful of times in my life. Which means, in technical terms, I’m totally unqualified for this gig.« 35Es fehlt weniger die Qualifikation als deren systematischer Erwerb. Biografie, zumal Autobiografie, wiegt schwerer.
Dabei handelt es sich allerdings nicht um einen antiakademischen Impuls gegen ausgebildete Psychotherapeutinnen und -therapeuten, die Strayed oftmals empfiehlt. Es gehört vielmehr zu den am besten etablierten Topoi von Trostbriefen, dass die Autorin eingesteht, dass sie nicht in der Lage ist, ausreichend oder überhaupt Trost zu spenden.
In einem der wenigen derzeit gängigen Briefratgeber aus dem Dudenverlag ist der Trost marginalisiert, er findet sich lediglich im Kapitel über Kondolenzschreiben wieder, das allerdings zunächst mit dem Hinweis beginnt, dass die Verwendung von Papier mit schwarzem Rand den Angehörigen der verstorbenen Person vorbehalten ist. Als Trostangebot firmiert hier der Vorschlag eines unterstützenden Telefonats; 36ergänzend finden sich ein Zitat von Dietrich Bonhoeffer und eines von Jean Paul unter Mustersätzen, die Anteilnahme ausdrücken sollen. Bonhoeffer und Jean Paul haben in Kontexten, über die im Duden nicht mehr zu erfahren ist, festgestellt, dass schöne Erinnerungen nicht verloren gehen und ein wichtiger Besitz sind. But compassion isn’t about solutions, it’s about giving all the love you’ve got .
Aber wie genau macht man das? Otto Rammler gibt Hinweise: »Die Trostgründe müssen das traurige Ereignis selbst, die Klugheit und die Kenntnis des Herzens dessen, an den man schreibt, an die Hand geben. Häufig spricht sich darin die Theilnahme so aus, daß man selbst des Trostes bedarf. Mit Erfolg zu trösten erfordert viele Geschicklichkeit; immer hängt dies hauptsächlich von unserer Stimmung und Theilnahme ab. Je inniger wir an dem Geschick des Freundes theilnehmen, desto lebendiger wird sich diese Theilnahme als Trost oder Mitgefühl aussprechen. Vermögen wir also auch nicht so zu trösten, daß wir den Freund vollkommen beruhigen, so wird doch schon unser ungeheucheltes Mitgefühl auf ihn wohlthätig einwirken. Man zeige den Trost-Bedürfenden, daß ihr Schmerz billig und gerecht sey, und ist es ein Unglück, von welchem man sagen kann, daß sie es nicht verdient haben, so lasse man dies nicht unerwähnt. Man muß mit Trauernden nicht lange über den Gegenstand reden, welcher sie in Leid versetzte, und daher bei Trostbriefen sich der möglichsten Kürze befleißigen.« 37Erbauung in Sentenzen ist der beste Trost: Ihren Schmerz kennen die Trauernden selbst schon gut genug.
Über Rammler, ein Pseudonym des Verlegers Otto Wigand, ist neben der Tatsache, dass er in seiner Druckerei die erste Auflage von Marx’ Das Kapital drucken ließ, vor allem bekannt, dass er ein ausgesprochen enzyklopädisches Temperament hatte. Abgesehen von seinem Universal-Briefsteller war er unter anderem auch an einem Fabelschatz und an einem Hausschatz beteiligt. Letzterer sollte als »Quelle des Reichthums und der Wohlfahrt für Jedermann« dienen, es geht dann auch direkt los mit einem Abschnitt über den »Himmel und seine Wunder«. 38Zu dem Begehren, volkspädagogisch tätig zu werden, gehörte eben auch ein Leitfaden, wie man überhaupt mit anderen Menschen schriftlich in Kontakt treten könne. Wigand wurde 1795 in Göttingen geboren und starb 1870 in Leipzig, wo er auch lebte. Als Briefratgeber trat er erstmals 1834 in Erscheinung; sein Werk erreichte bis 1907 ganze 73 Auflagen. Die letzte davon tritt mit einem sehr selbstbewussten Vorwort auf, das nahelegt, dass die alltägliche Briefkommunikation ohne den Universal-Briefsteller in diesem Zeitraum anders ausgesehen hätte: »Zum dreiundsiebzigsten Male zieht der ›Rammler‹ hinaus in die Welt; in alle Lande, wo Deutsche wohnen, hat er mit über 300 000 Exemplaren seinen Pilgerstab gesetzt und ist ein lieber Gast geworden in ebensoviel Häusern. Seine Wandertasche ist im Laufe der Jahrzehnte immer größer und umfänglicher geworden und nach dem alten guten Wort: ›Wer vieles bringt, wird Jedem etwas bringen‹, hofft er zu den alten Freunden neue zu gewinnen und, wo er einst den Voreltern und Vätern gedient hat, wird er nunmehr von Kindern und Enkeln willkommen geheißen werden.« 39
Das war im Jahr 1907 das letzte Mal der Fall. Rammlers allgemeine Hinweise dazu, wie man nun trösten solle, fallen eher knapp aus. In dem oben genannten Zitat sind sie schon fast vollständig wiedergegeben. Wichtiger als der allgemeine Teil ist der beispielgebende. Dabei bezieht »der Rammler« seine Beispiele jedoch nicht aus der individuellen Biografie des Autors, sondern weicht auf vorbildliche Briefe aus, von denen einige nicht nur von vorbildlichen, sondern sogar berühmten Autoren sind: Schiller an Wilhelm von Wolzogen, Rudolstadt den 10. August 1788, Anlass ist der Tod von Wolzogens Mutter; Johann Heinrich Voß an »Schulz« am 20. Juni 1788: »Kommen Sie, sobald Sie können, in unsre Arme.«
Rammlers allgemeinen Hinweisen folgen eher die anonymen Briefe, die weniger aufgrund der Dignität der Verfasserinnen und Verfasser abgedruckt sind, sondern aufgrund ihrer Erfüllung der Rammler’schen Regeln und der Varietät ihrer Anlässe. Kondolenzschreiben dominieren, dabei wird auf verschiedene Fälle von Verlust Rücksicht genommen, Beispiele finden sich zu Schreiben, die den Tod der Gattin, des Gatten, der Kinder oder der Eltern betreffen. Es sind diese Briefe, die am stärksten den performativen Selbstwiderspruch aufweisen, den Strayed knapp hundert Jahre später wiederholte (vermutlich ohne dass sie davor »den Rammler« zu Rate gezogen hatte): Eigentlich kann ich das hier gar nicht. m Weniger stark ausgeprägt ist diese Konvention in anderen Trostschreiben. Bei Rammler findet sich auch ein Musterbrief zum Trost über Liebeskummer n sowie einer, der die Enttäuschung über eine erfolglose Bewerbung mindern soll; o nicht zu vergessen das »Trostschreiben an einen Freund, der durch eine Feuersbrunst Haus und Hof verloren hat«: »Mit dem bereitwilligsten Herzen eile ich Ihnen mit meiner Hilfe entgegen. Sie bedürfen derselben sehr schnell.« 40
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