Meine Ausgabe von Tiny Beautiful Things habe ich mir nicht gekauft, sondern von meinem ehemaligen Kollegen Peter Praschl als .mobi-Datei erhalten. In seinem Blog Vague hatte Praschl am 20. März 2013 einen Text über das Buch veröffentlicht, der im Stil aller seiner Blogtexte geschrieben ist. Vermutlich hat sein atemloser Duktus damit zu tun, dass er zumindest damals Kette rauchte. Ich stelle mir vor, dass die treibenden Sätze und Absätze so zustande kommen, dass sie immer dann enden, wenn er abaschen muss. In seinem Büro, in dem ich ihn 2008 als meinen neuen Ressortleiter kennenlernte, war seine Tastatur immer von Zigarettenasche bestäubt. Dahinter saß er auf seinem Schreibtischstuhl und schnaufte. Über das Verfahren von Strayed schrieb Praschl: »Ihre Antworten sind eher Erzählungen aus ihrem eigenen Leben und manchmal schlimmer als die Erzählungen, auf die sie reagiert. Manchmal ist es, als würde man zu einem Therapeuten gehen, und der Therapeut erzählt einem, wieviel kaum erträglicher Schmerz in seinem eigenen Leben schon vorgekommen ist. Merkwürdig, dachte ich immer wieder beim Lesen, aber ein paar Sätze weiter: es wirkt. Es ist kein Auftrumpfen, kein Übertrumpfen, kein Ablenken, kein Kleinerreden. Es ist etwas anderes, Schmerzensbekämpfung durch das Erzählen von Gleichnissen […]. So müsste es sein, das Schreiben, Reden, Erzählen, dachte ich, dann wäre es weniger dunkel und bleiern.« 28
Tiny Beautiful Things kam also als Dateianhang einer E-Mail zu mir und ich lud es auf meinen E-Book-Reader. Ich habe meine Ausgabe nicht bezahlt, das Buch aber seitdem mindestens drei Mal in gedruckter Form verschenkt: an Leute mit Kummer und solche, denen ich Dank für ihre Hilfe mit meinen eigenen Nöten schuldete. Für Praschl hatte ich kein Geschenk, um mich zu bedanken. Die Selbstsorge kann ein sehr einsames Geschäft sein. Und manchmal ist sie auch eine unsoziale Angelegenheit. h
Meine Ausgabe hat im Moment siebzehn Seitenlesezeichen und erheblich viel mehr Markierungen. In meiner Erinnerung liege ich immer im Bett, wenn ich diese Markierungen ansteuere, manchmal in zu Verlassenheitsgefühlen besonders einladenden Hotelbetten, denn Plagegeister kommen zu schlaftechnisch Minderbegabten (und auch anderen, wie man mir sagt) am liebsten in der Nacht. Das Buch ist mit mir überall dahin gewandert, wo mein E-Book-Reader war, die Orte aufzuzählen, wäre ebenso peinlich wie nutzlos, es sind zu viele, und oft markieren sie bloß die Endpunkte der immer gleichen Strecken, die ich gefahren und gegangen bin. Der E-Book-Reader ist darüber auch älter geworden, aber seine Plastikverschalung hat ohnehin schon abgerundete Ecken und ist auf ein rumpeliges Leben in einer Tasche ausgerichtet.
Anders als meine Ausgabe von Rilkes Briefe an einen jungen Dichter erzählt der Reader also – wenn überhaupt – nur eine sehr diskrete Geschichte meiner Lektüre. Es fällt auf, dass ich nur die Teile markiert habe, in denen Strayed als »Sugar« spricht. In den Briefen, die sie erhält, habe ich nichts markiert, dabei liegt hier doch vielleicht das Identifikationspotenzial. Nicht angestrichen habe ich die Sorgen der jungen Autorin, die glaubt, dass ihre Gefühle, auch die bezüglich ihrer Vagina, auch die, die sie nicht filtert, vielleicht keinen Anklang finden. Ich habe nicht die Teile in dem Brief der Frau markiert, in dem sie beschreibt, wie sie immer wieder versucht, Liebe aus demjenigen rauszulieben, dem sie mehr oder weniger egal ist, oder Teile des Briefs, in dem ein Mann von dem Versuch schreibt, seine Tablettensucht vor seiner Familie zu verheimlichen. Nichts davon. Ich habe mir nicht einmal angeschaut, was die anderen meistmarkierten Stellen im Buch sind, was über die Funktionen des E-Books leicht möglich wäre.
Aber jemand anderes hat sich zumindest angeschaut, welche Sätze von »Sugar« im Allgemeinen am beliebtesten sind. Es gibt ein Spin-off von Tiny Beautiful Things , das allein einzelne Sätze aus einzelnen Briefen enthält. Es trägt den Titel Brave Enough . Man solle mutig genug sein, sein eigenes Herz zu brechen, hatte »Sugar« in der Antwort auf eine Mail geschrieben, in der sie darum gebeten wurde, ihrem jüngeren Selbst Ratschläge zu geben. i Brave Enough bietet einen Vorrat an Sinnsprüchen, die noch besser auf beliebige Situationen anwendbar sind als im ursprünglichen Zusammenhang, da sie nun befreit sind von den jeweiligen Lebensgeschichten derjenigen, die sich an »Sugar« wandten.
Ich könnte mir selbst so eine Version zusammenstellen. Es fände sich darin etwa der zur Sentenz geronnene Satz: »But compassion isn’t about solutions. It’s about giving all the love that you’ve got.« Bei einem neuerlichen Durchgang durch meine markierten Stellen bin ich darauf gestoßen, ohne genau zu wissen, auf wen oder was hier geantwortet wird. Aber die Stelle leuchtet mir noch immer ein. Sie handelt von der Phrasendrescherei, die im Kondolieren vorherrscht, von den schwachen Sätzen, die man im Angebot hat gegenüber Leuten, die große Katastrophen oder nur die übliche Scheiße erleben und davon erschöpft und traurig oder sogar verzweifelt sind. Man muss dann das Übliche trotzdem sagen: Es tut mir (so) leid.
Ich lese noch einmal nach. Der Brief, auf den Strayed hier antwortet, stammt von einem 38-jährigen Mann, dessen 35-jährige Verlobte schon vor einigen Jahren ihre Mutter an Krebs verloren hat. Diese Frau wird nicht fertig mit der Trauer über diesen Verlust. Und dann weint sie und der Mann weiß nicht, was er sagen soll, außer eben das Übliche, und das scheint nicht gut genug zu sein. Aber das sei so eben nicht zutreffend, denn »compassion isn’t about solutions. It’s about giving all the love that you’ve got.«
Brave Enough dost alle diese Sätze in Konserven ein, an denen man sich bedienen kann, wenn es hart auf hart kommt. Was bis dahin noch Erbauungs literatur gewesen ist, indem diese Sentenzen in eine Erzählung, eine Analyse und einen Beratungsteil eingebettet gewesen sind, ist nun auf das Erbauliche verkürzt worden: »Da ist der Text als Vorrat, aus dem sich der Leser bedienen könne, eine Vorstellung, die mit den Metaphern der Schatzkammer oder des Gartens übereinstimmt, denn der Text ist unerschöpflich und nicht zu Ende zu lesen. Er ist portioniert, was einerseits der Gedächtniseinprägung entgegenkommt, andererseits Verfügbarkeit gewährleistet. Erbauung […] stellt sich ja nicht selten am Detail ein und bedarf nicht der Absolvierung eines ganzen Textes oder Buches.« 29
Und so habe ich es dann im Notfall auch gemacht: das Buch als Selbstbedienungsladen. Ich nahm, was ich brauchte, tippte auf der Oberfläche des E-Book-Readers herum und marschierte direkt durch zu den schönen Stellen , verweigerte das Nachvollziehen der Textstruktur, immer auf der Suche nach dem Trost im Unglück der anderen, nicht auf der Suche nach dem Verstehen eines großen Ganzen. Wer braucht schon Kontext? Manchmal reicht ein schneller Schuss. j Die Eindeutigkeit und Entschiedenheit, mit der davon abgeraten wurde, in irgendwelche Verhältnisse einzutreten (oder länger, als es sich irgendwie vermeiden lässt, in ihnen auszuharren), in denen einem Schaden zugefügt wird, konnte ich offensichtlich nicht selbst produzieren.
In ihrer Schlichtheit und dem fehlenden Raffinement, in den spärlichen Referenzen auf etwas anderes als ihre eigene Erfahrung leuchteten sie mir ebenso ein, wie sie mich beschämten. Mein Ziel war doch immer gewesen, schlauer zu sein als ein gebrochenes Herz, und zwar vielleicht beginnend mit der Erkenntnis, was für ein abgelutschter Topos das gebrochene Herz ist. Mein Ziel war doch gewesen, nicht ansprechbar für das zu sein, was offenbar zu allen sprach. (Die mit 371 Textmarkern beliebteste Stelle in Brave Enough , der Digest-Version von Tiny Beautiful Things , lautet: »Maybe you have to know the darkness before you can appreciate the light« und befindet sich auf Seite 5 des Buches).
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